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Tatort-Kolumne

Fahrerflucht: Regisseur und Autor Niki Stein prüft raffiniert unser Gewissen

Der Stuttgarter «Tatort» fasst uns an unserer eigenen Nase: Würden auch wir einen Obdachlosen im nächtlichen Strassengraben liegen lassen, um unsere Haut, unseren Job und das Familienidyll zu retten?

Tiefschwarze Nacht, eine Wand aus Regen, eine fordernde Kollegin am Handy. Zuhause ist Kind Nummer eins krank, und die Ehefrau schaut sich gerade das Geburtshaus an, in dem bald Kind Nummer drei auf die Welt kommen soll. Derart unter Strom, fährt der Anwalt Ben Dellien einen Obdachlosen an und lässt ihn mit seinem Velo und ganzen Hab und Gut im Strassengraben liegen.

Am nächsten Morgen findet Gerichtsmediziner Vogt (Jürgen Hartmann) auf seiner Velotour den mittlerweile Toten. «Er hat noch mindestens fünf, sechs Stunden gelebt», sagt Vogt zu den Stuttgarter Kommissaren Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare). Und später: «Hätte der Unfallverursacher sich um sein Opfer gekümmert, dann würde der Mann noch leben.»

Der Unfallverursacher, den Nicholas Reinke als typischen Anzugträger auf der Karrierespur verkörpert, ohne aber aalglatt zu sein – dieser unglückliche Mensch also ist hin und hergerissen zwischen Gestehen und Vertuschen seiner Tat: einen Mann angefahren und ihn hilflos im nächtlichen Strassengraben dem Tod ausgeliefert zu haben. Er entscheidet sich fürs Vertuschen – und macht sich umso verdächtiger. Was Gerichtsmediziner Vogt die Gelegenheit gibt, mit Shakespeare zu glänzen: «Von so betörter Furcht ist Schuld erfüllt, dass sich verbergend sie sich selbst enthüllt.»

Der «Tatort» Stuttgart wiederum glänzt hier wieder einmal mit einer besonders gelungenen Folge, die uns alle an der eigenen Nase fasst: Wie würden wir uns verhalten? Niki Stein, Autor und Regisseur in Personalunion, stellt uns diese Frage, und er macht das sehr gut. Es geht um die Momente, in denen sich entscheidet, wie viel Moral man hat – abseits von beruflichem und familiärem Erfolg.

«Tatort» aus Stuttgart: «Der Mörder in mir». Sonntag, 18. September 2022, 20.05, SRF 1. Wir geben fünf von fünf Sternen.

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