Spagat zwischen Schule und Sport

SKI NORDISCH ⋅ Kofferpacken heisst es für die Engelbergerin Lea Fischer. Die Langläuferin reist heute an die Junioren-WM in Park City. Die 18-Jährige über ihre Ziele – und weshalb sie fliessend Norwegisch spricht.

24. Januar 2017, 08:00

Theres Bühlmann

theres.buehlmann@luzernerzeitung.ch

Sie ist eine ruhige Person, keine, die sich wortreich in den Vordergrund drängt. Eine Frau der leisen Töne eben. Lea Fischers Gesten sind ruhig, ohne Hektik, ihre Antworten klar und bestimmt. Wenn schon auffallen, dann durch Leistungen und Resultate auf den schmalen Brettern. Eine Gelegenheit bietet sich für die 18-jährige Engelberger Langläuferin am kommenden Montag, wenn sie in Park City am Start steht. Die Junioren- und U-23-Weltmeisterschaften der Nordischen stehen auf dem Plan. Lea Fischer (U 20) ist die einzige Vertreterin aus der Zentralschweiz. Mehr noch, für die 18-Jährige ist dieser Event eine Premiere auf grosser internationaler Bühne.

Zum Auftakt steht für die Engelbergerin der Sprint (klassisch) auf dem Programm, am Mittwoch folgt der 5-Kilometer-Lauf, im Skating, den Abschluss der internationalen Titelkämpfe macht die Staffel (4-mal 3,3 km). Sie brachte sich dank guter Leistungen für diese Nachwuchs-WM im Bundesstaat Utah ins Gespräch. Die Selektionäre endgültig zu überzeugen vermochte sie mit ihrem dritten Platz beim Continental-Cup im Sprint Ende des letzten Jahres im Goms.

Immer die richtige Balance finden

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitete sie hart, muss den Spagat zwischen Sport und ihrer Ausbildung an der Sportmittelschule Engelberg schaffen. Immer wieder die richtige Balance finden, Körper und Seele auch ab und zu eine Ruhepause gönnen. «Allerdings», sagt sie, «viel Zeit für Hobbys bleibt nicht.» Wenn sich dann einmal eine weisse Stelle im Kalender findet, geht sie gerne schwimmen, lässt ihrer kreativen Ader beim Zeichnen freien Lauf, verbringt Zeit mit der Familie oder im Freundeskreis. Und es reichte nach Training und Interviewtermin letzte Woche auch noch für einen Besuch bei ihrer Gotte in Hildisrieden. So viel Zeit muss denn schon sein, sie muss Prioritäten setzen.

Ohne Zeitmanagement geht es im Spitzensport nicht. Deshalb ist sie froh, wenn sie auf den Rückhalt ihrer Familie zählen kann, auf Mutter Helen, Vater Bruno, Schwester Anja, die als Biathletin unterwegs ist, und auf Bruder Julian. «Ohne ihre Unterstützung könnte ich meinen Sport nicht ausüben», sagt Lea Fischer. «Sie stehen mir hilfreich zur Seite, auch, was die schulischen Belange betrifft, sie haben grosses Vertrauen in mich.»

Rund 15 bis 18 Stunden wendet Lea Fischer wöchentlich für das Training auf. Im Winter laden die Loipen in Engelberg und Umgebung geradezu ein, die Langlaufski an die Füsse zu schnallen. So holte sie sich den letzten Schliff vor dem Abflug von heute Dienstag im gewohnten häuslichen Umfeld. Bei diesen wunderschönen äusseren Bedingungen kann man ihre Faszination für diesen Sport nachvollziehen. Sie sagt: «Es gibt wohl nichts Schöneres, als in der Natur durch tief verschneite Wälder zu gleiten.» Frieren? «Nein», sagt sie, «man muss sich nur warm anziehen.»

Der Wechsel vom Biathlon zum Langlauf

Im Sommer sind Training auf Rollski, Joggen und vermehrtes Arbeiten im Kraftraum angesagt. Mit viel Disziplin, auch im schulischen Bereich. «Wir müssen uns an der Sportmittelschule gut organisieren und vieles selber an die Hand nehmen», sagt Lea Fischer. Im Intranet kann jeweils nachgesehen werden, welche Lektionen aufgearbeitet werden müssen. «All dies braucht viel Selbstdisziplin.» Dieser Einsatz trägt Früchte, denn Lea Fischer schloss ihre Maturaarbeit mit der Note 6 ab. Thema, man ahnt es, ist an ihren Sport angelehnt: «Vergleich verschiedener Stocklängen im Doppelstockstossen». Lea Fischer stand mit der Stoppuhr an der Strecke, ihre Kolleginnen der Sportschule halfen als Testpersonen aus. Alles wurde akribisch analysiert, notiert und protokolliert. Intensiv war sie, diese Maturaarbeit, aber die daraus gewonnenen Erkenntnisse kann sie nun im Training anwenden: Quintessenz: Längere Stöcke sind von Vorteil.

Im Alter von acht Jahren fand Lea Fischer zu ihrem Sport, nicht zuletzt auch dank ihrer Mutter Helen. Diese war in Engelberg die treibende Kraft, als es galt, vor bald 22 Jahren Kinder für den Langlauf- und Biathlonsport zu begeistern – und sie engagierte sich gleich auch noch als Trainerin. Was lag also für Tochter Lea näher, als sich in die Loipen zu begeben! Schnell stellten sich Erfolge mit Siegen und Podestplätzen ein, sowohl im Biathlon als auch im Langlauf. Um die Kaderselektionen genau zu definieren, musste sie sich entscheiden: Biathlon oder Langlauf – und sie setzte auf Letzteres. Allerdings, ab und zu betätigt sie sich nach wie vor als Biathletin, zum Ausgleich und als Abwechslung, wie sie betont.

Das Austauschjahr in Norwegen

2014 packte Lea Fischer ihre Koffer und dislozierte für ein Austauschjahr nach Norwegen. Genau gesagt nach Steinkier, etwa 90 Minuten von Trondheim entfernt. Sie wollte schon immer dorthin, wo der Langlaufsport ­einen sehr hohen Stellenwert geniesst, wo kaum einer am Wochenende nicht mit der Familie auf den schmalen Brettern unterwegs ist. Ein Land auch, das auf internationaler Ebene Medaillen sammelt wie kaum ein anderes. Sie habe in sportlicher Hinsicht von diesem Aufenthalt viel profitiert, obwohl sie wegen des pfeifferschen Drüsenfiebers teilweise zurückgebunden wurde. Noch ein positiver Effekt: Lea Fischer spricht fliessend Norwegisch und konnte sich demzufolge schon problemlos mit Petter Northug unterhalten. Wer weiss, dieses Szenario könnte sich durchaus wiederholen, denn die 18-Jährige nennt die Teilnahme an der Weltmeisterschaft der Elite als grosses Ziel. «Und ja», sagt sie, «bei Olympia dabei zu sein, ist auch ein Traum von mir.»

Vorerst ist aber der Fokus auf die Junioren-WM in Park City gerichtet. Sie kenne nur ihre Konkurrenten aus den Alpenländern, deshalb sei eine konkrete Zielsetzung, was die Resultate betreffe, schwierig, «aber ich will mein Bestes geben». Nicht im Reisegepäck fehlen darf ihre Kette mit einem Anhänger. Dieser zeigt den Hahnen. Für Nicht-Insider: Das ist der 2606 Meter hohe Engelberger Hausberg. Er möge ihr in Park City Glück bringen.


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