Zur Lage der Skination

NOSTALGIE ⋅ Wenn morgen die Lauberhorn-Abfahrt übertragen wird, werden Hunderttausende vor dem Fernseher sitzen. Doch auch wenn die Einschaltquoten stimmen: Gleich mitgefiebert wie zu Zeiten leuchtender Skioveralls wird heute nicht mehr.

13. Januar 2017, 05:01

Ralf Streule

Natürlich, auch morgen schauen wir uns die Lauberhorn-Abfahrt an. Aber ganz ehrlich: Das Kribbeln, bis zuvorderst in die Fingerspitzen, das kennen wir nur noch aus der Erinnerung. Aus der Zeit, als die Skifahrer noch Pirmin und Peter hiessen. Als die Kinder am Samstagmorgen noch zur Schule gingen – und schon kurz nach zehn Uhr nicht mehr ruhig auf dem Stuhl sitzen konnten, weil ein Skirennen anstand.

Nach dem Glockenton rannte man – mit Ausnahme des sardischen Kollegen – sofort nach Hause. Dort wartete die Gerstensuppe auf dem Stubentisch, nebenan der Fernseher, wo schon die ersten wagemutigen Vorfahrer zu sehen waren. Und dann kamen sie: Peter Müller, Pirmin Zurbriggen, Karl Alpiger. Es war die Zeit, als einen abziehbare Rivella-Etiketten noch verblüfften und man einen lebensgrossen Daniel Mahrer aus Karton im Zimmer stehen hatte.

Das Kribbeln ist vorbei

Der Zauber heutiger Lauberhorn-Rennen lebt nur dank der Erinnerung an jene Tage, scheint den vor 1980 Geborenen. Ist es Nostalgie, die zu diesen Betrachtungen verleitet? Ein einfacher Blick auf die Statistik droht einen zu entlarven. Die TV-Zuschauerzahlen steigen ­tendenziell an. 2010 schauten sich 1 082 000 Personen im Schweizer Fernsehen die Abfahrt an – Rekord. Und auch am Rand der Strecke stehen mehr Leute als in den 1980ern. Die 38000 Zuschauer von 2012 waren ein Höchstwert.

Immerhin eine Zahl stützt das Gefühl, dass in den 1980er-Jahren die Skischweiz so eng zusammenrückte wie danach nie mehr. Als Zurbriggen mit seinem lädierten «Knie der Nation» im Jahr 1985 in Bormio Weltmeister wurde, schauten mehr als 1,7 Millionen Schweizer von der Stube aus zu. Es ist bis heute die meistgesehene Sportübertragung im hiesigen Fernsehen.

«Es gab ja kaum etwas anderes – alles war auf die Skirennen ausgerichtet», sagt Karl Frehsner. Der Österreicher, erfolgreicher Cheftrainer der Schweizer Männer in den 1980er-Jahren, teilt den Eindruck, dass die Bedeutung der Skirennen vor 30 Jahren eine andere war (siehe Interview). Dass heute mehr Leute den Klassikern beiwohnen, bedeute nicht, dass auch die Begeisterung für den Sport gestiegen sei: «Es gibt allgemein eine Tendenz, dass nicht mehr der Sport, sondern das Drumherum im Mittelpunkt steht.» Er spricht von den Zeiten, als in Skigebieten die Leute von draussen durchs Fenster auf den Bildschirm starrten, weil im Restaurant weder Sitz- noch Stehplätze mehr zu finden waren.

Die damalige Begeisterung im Land mag mit den grossen Erfolgen der Schweizer zu tun haben. Für Frehsner sind es aber auch die damals grössere Nähe der Sportler zu den Zuschauern und die fehlende Konkurrenz, was Fernsehsport betraf. Es war die Zeit, als Fernsehsendungen im Nachgang tagelang im Gespräch waren. Auch deshalb war wohl das Gefühl eines «einig Volk von Skifahrern» damals um einiges stärker.

Eine Ski-Müdigkeit in der Schweiz lässt sich jedoch nur schwer statistisch nachweisen. Am ehesten mit den sogenannten «Skier Days», mit denen die Bergbahnen die Anzahl der Skitage in ihren Gebieten ausweisen. Diese sind in den vergangenen zwölf Jahren in der Schweiz um 18 Prozent gesunken, wie eine Studie des Wirtschaftsforums Graubünden von 2014 zeigt. Sportsoziologe Martin Lamprecht warnt aber vor einer zu einfachen Interpretation dieses Werts. So sei die absolute Zahl an Schweizer Skifahrern seit 2000 steigend – wohl, da die «Generation Snowboard» in die Jahre komme und wieder auf die Ski umsteige. «Dafür ist aber die Tendenz, einwöchige bis 14-tägige Skiferien einzuziehen, kleiner geworden», so Lamprecht. Einfach gesagt: Mehr Leute fahren heute weniger oft Ski.

Immerhin: Das Skifahren steht gemäss einer Studie des Bundesamtes für Sport aus dem Jahr 2014 auf der Liste der beliebtesten Sportbetätigungen auf dem dritten Rang, direkt hinter Wandern und Schwimmen. Jeder dDritte Schweizer fährt heute Ski. Zahlen aus den 1980ern fehlen.

Schwindende Skilager als Hauptproblem

Ein oft genannter Grund für das schwindende Selbstverständnis als Skination ist die Zuwanderung. Migranten aus Ländern ohne Schneesporttradition machen aber gemäss Bündner Studie nur 16 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung aus – nicht viel mehr als noch vor 20 Jahren. Die Studie sieht diesen Einfluss nicht als entscheidendes Element für wegbrechende «Skier Days»-Zahlen.

Hingegen wird die Migration oft als Grund dafür angebracht, dass heute viel weniger Schul-Skilager durchgeführt werden – gemäss Bundesamt für Sport sank die Anzahl von Lagern zwischen 2009 und 2014 von 2700 auf 2000. Eine Entwicklung, die auch Garry Furrer, Chef Breitensport bei Swiss-Ski, Sorgen bereitet. Der Skiverband reagierte vor einigen Jahren mit dem Schulprojekt «Snow Days», an denen Lehrer ihre Klassen für günstige Schneesporttage anmelden können. Kinder erhalten Ausrüstung, Tickets und Unterricht. Skifahren soll gemäss Furrer nicht denjenigen vorenthalten bleiben, die skiaffine Eltern haben. 8200 Kinder und Jugendliche kommen so in diesem Jahr auf die Piste.

Dazu kommt die «Schneesportinitiative Schweiz», mit der Skilager wieder attraktiver gemacht werden sollen – unter anderem finanziell. Auch wenn Furrer die Begründung, das schwindende Interesse am Skifahren habe mit zu teuren Tickets zu tun, nicht stehen lässt. «Gemessen am Einkommen ist das Skifahren nicht teurer geworden.» Viel eher sei der Schneemangel am sinkenden Interesse mit schuld – «die Tage, in denen man am Dorfskilift Ski fahren gehen kann, sind einfach weniger geworden». Eine Aussage, welche das Institut für Schnee- und Lawinenforschung belegt: «Im Durchschnitt aller Stationen beginnt die Schneesaison heute zwölf Tage später und endet rund 25 Tage früher als 1970.»

Was auch immer die Gründe für die schwächelnde Skination sind, eines sei auf jeden Fall sicher, sagt Furrer: «Die Begeisterung der Kinder, wenn sie einmal auf Ski stehen, ist noch immer genau gleich wie damals.» Und wer einmal auf Ski stand, den wird auch nichts mehr so schnell vom Fernseher wegbringen, wenn die Athleten am Hundschopf durch die Luft segeln.

 

Nachgefragt

«Es gab Bob und Ski, daneben nichts»

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Karl Frehsner, Trainer von Lara Gut, am 17. August 2009 in Zermatt. | (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Der 78-jährige Österreicher Karl Frehsner ist der erfolgreichste Trainer der Alpin-Ski-Geschichte. 17 Jahre lang war er Trainer der Schweizer Männer. Besonders in den 1980er-Jahren feierte er mit ihnen grosse Erfolge. Noch heute ist Frehsner im Skisport tätig, arbeitet für den Internationalen Skiverband in der Entwicklung der Rennanzüge – zudem ist er als Berater tätig, bis heute zuweilen auch für Lara Gut. Frehsner spricht von der damaligen Skisport-Begeisterung – und zieht Vergleiche zu heute.

Karl Frehsner, in den 1980ern war die Skisport-Begeisterung grösser. Würden Sie das bestätigen?

Für mich persönlich trifft es sicher nicht zu – ich bin weiterhin an vielen Rennen, arbeite mit, da bleibst du am Puls – und begeistert. Aber in der Bevölkerung war die Wahrnehmung der Rennen vor 30 Jahren definitiv spezieller. Die Restaurants in Skigebieten waren voll, wenn Rennen liefen, das war ein  gesellschaftliches Ereignis. Alles war auf diese Mittage ausgerichtet. Das ist heute anders.

Weshalb?

Da gibt es sehr viele Gründe. Zum einen gab es dreimal weniger Weltcup-Rennen, das Interesse konzentrierte sich auf die wenigen. Und: Es gab Bob und Ski, daneben nichts. Heute läuft im Fernsehen fast ständig Sport, da sinkt das Interesse.

Immerhin bei den Klassikern in Wengen und Kitzbühel scheint das Interesse ungebrochen, was die Zuschauerzahlen angeht.

Ja, aber vor Ort fühlt es sich anders an als früher. Da gibt es VIP-Zelte und viel Tamtam, die Festivitäten sind oft wichtiger als das eigentliche Rennen. Das muss nicht schlecht sein, der Rennsport und die Rennveranstalter brauchen das Sponsoring und das Drumherum. Man muss aber aufpassen, dass nicht alles andere wichtiger wird auf Kosten des Sports selber.

Vielleicht standen die Rennen in den 1980ern auch mehr im Zentrum, da es fast stets ein Schweizer auf das Podest schaffte?

Das ist sicher auch ein Punkt, aber nicht der entscheidende. Es ist auch so, dass die Athleten dem Zuschauer weniger nahe stehen. Früher traf man Sportler mal in der Kleinen Scheidegg im Restaurant an, konnte mit ihnen einen Kaffee trinken. Heute ist für die Fahrer vom Zmorge bis zum Znacht alles durchgeplant. Ich möchte das nicht als schlecht werten, es ist dafür professioneller geworden. Heute gibt es eng gesteckte Trainingspläne, Konzepte für Sponsoren. Früher sassen wir am Abend noch im Trainerstab und mit Serviceleuten zusammen, oft entschieden wir erst am Morgen, ob wir Slalom oder Abfahrt trainieren. Vieles ist weniger spontan, der Zeitplan ist eng – vielleicht hat man so an Nähe zum Publikum eingebüsst. Aber das ist ja in allen Berufszweigen ähnlich.

In der Schweiz werden immer weniger Skilager durchgeführt – ein Zeichen, dass es den Kindern an Interesse mangelt?

Vielleicht. Wenn wir den Skisport wieder populärer machen wollen, müsste man die Lager obligatorisch machen. Natürlich haben Migranten aus Ländern ohne Schnee keinen Bezug zum Skifahren – aber vielleicht würde man so mithelfen, dass sie Berührungsängste verlieren. Ein Problem ist auch, dass die kleinen Lifte vor der Haustüre wegen Schneemangels weniger oft betrieben werden können als noch vor Jahrzehnten – am Mittwochnachmittag wird damit auch weniger Ski gefahren als damals. Aber das Schneeproblem wird bekanntlich nicht so einfach zu lösen sein.

(rst)

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Seit 1930 werden die Lauberhornrennen ausgetragen. 37 Jahre später macht erstmals der Weltcup im Berner Oberland Halt. Der letzte Sieg eines Schweizer Abfahrers liegt 7 Jahre zurück. Ein Rückblick.


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