Eine Vision und zwei Bremsklötze

SNOWBOARD ⋅ Eine Vision treibt ihn an, Kopf und Körper bremsen ihn aus: Vor acht Jahren legte David Hablützel einen Senkrechtstart hin. Alle Türen standen ihm offen, doch es wurde kompliziert, bis heute.

15. Januar 2022, 04:30

"Er ist auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere. Er fährt am besten, er fährt am sichersten. Er weiss genau, was er zu tun hat. Er hat bewiesen, dass er in jedem Contest auf das Podest springen kann. Er ist 'in the Zone' - mental und physisch in dem Zustand, in dem er in den grossen Events reüssieren kann. Im Moment setzt er die Benchmark im Schweizer Team." Das sagt der langjährige Nationalcoach Pepe Regazzi nicht über David Hablützel, den vor acht Jahren grössten Hoffnungsträger im Schweizer Freestyle-Team, sondern über Jan Scherrer. Die Worte stehen im Kontrast zur Situation von Hablützel, der am Heim-Weltcup in Laax eine Enttäuschung verdauen muss und in Peking mit gerissenem Kreuzband antreten wird.

Scherrer ist 27 Jahre alt und peilt am Samstag am prestigeträchtigen Laax Open, der letzten Standortbestimmung vor dem Winterspielen in Peking, im hochklassigen besetzten Teilnehmerfeld mit den dominanten Japanern und Altmeister Shaun White den Sprung auf das Podest an. Am Donnerstag qualifizierte er sich als Drittbester für den Final der besten zwölf.

In Laax, dem internationalen Snowboard-Mekka am Crap Sogn Gion, lachte die Sonne am Donnerstag für Scherrer vom Himmel. Sein Frohmut deckte sich mit jener von Teamkollege Pat Burgener, der sich nach einem Kreuzbandriss vor einem Jahr auf gutem Weg zu alter Stärke befindet und ebenfalls in die Finals sprang. "Bei Jan passen jetzt alle Puzzleteile", sagt Regazzi. In seinem Rücken versprüht Burgener positive Vibes. Seine Erleichterung über das schmerzfreie Knie und den Teilerfolg in den Halbfinals ist greifbar. "Ich bin zufrieden und habe Spass hier in Laax, in dieser einmalig guten Pipe", sagt der Walliser.

Scherrers Aufstieg verlief stetig. Auch Burgeners medizinisches Bulletin ist trotz der immensen Risiken überschaubar, einzig der Kreuzbandriss im letzten Februar mit 26 Jahren sticht als gravierender Einschnitt heraus. Auf Scherrers aktuellem Niveau könnte auch der zwei Jahre jüngere Hablützel stehen. Doch anders als seine stärksten Teamkollegen wurde dieser seit dem sensationellen 5. Platz an den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi im Alter von 17 Jahren wiederholt durch schwere Verletzungen zurückgeworfen.

Eine Enttäuschung und ein Lichtblick

Hablützels Gemütszustand am Halbfinal-Donnerstag passt zu seiner Gesamtsituation. Nach der verpassten Final-Qualifikation findet der 25-jährige Wahl-Bündner aus dem Kanton Zürich auf der Terrasse des Café NoName oberhalb der Halfpipe Trost im Kreis seiner Familie und engsten Freunden. Doch die Enttäuschung darüber, vor dem Heim-Publikum nicht seine beste Leistung gezeigt zu haben, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Lichtblick in jenem Moment ist, dass ihn der Kreuzbandriss im Wettkampf nicht behindert und er in Copper Mountain (9. Platz) und Laax seine Zweifel ausräumen konnte, in diesem Zustand sein Potenzial ausschöpfen zu können.

Um in der Halfpipe zu reüssieren, reicht es in dem nunmehr höchstkompetitiven Freestyle-Metier nicht mehr aus, ein guter Akrobat mit kreativem Flair zu sein. Das Mentale spielt angesichts des Verletzungsrisikos im Wetteifern um die grössten Höhen und meiste Rotation eine ähnlich wichtige Rolle.

Hablützel, nebenher Fernstudent in Volkswirtschaft, macht sich schon lange viele Gedanken, vielleicht zu viele. Im Gespräch mit ihm zeigt sich, wie es in seinem Kopf rattert, wie rastlos er ist. Sein Antrieb ist die grosse Vision, die vor seinem geistigen Auge schwebt: "Ich weiss, dass da noch so viel Potenzial brachliegt und noch so viel möglich ist. Wenn alles stimmt, dann 'Let's go!'." Doch Gedanken und Körper wirken wie Bremsklötze.

Steil gestiegen, hart aufgeschlagen

"Daves Weg ist eine lange Geschichte", sagt Pepe Regazzi und holt tief Luft. Hablützels steiler Aufstieg als 17-Jähriger im Winter 2013/14 mit Sotschi als Gipfel stand am Anfang des Zickzackkurses. Zwei Monate nach den Spielen riss er sich zum ersten Mal das Kreuzband im rechten Knie, zwei Jahre später ein weiteres Mal. 2018 zwang ihn eine Fussverletzung zum kurzfristigen Forfait für die Spiele in Pyeongchang.

Die Leichtigkeit kam ihm bereits nach Sotschi abhanden. "Der Erfolg stellte sich zu früh ein, Dave war noch nicht bereit, mit dem Ganzen umzugehen, wog die Gefahren nicht richtig ab, verletzte sich. Dadurch verlor er das Vertrauen", sagt Regazzi. Hablützel erklärt: "Der erste Kreuzbandriss passierte, als ich zum ersten Mal Druck verspürte." Mental enorm anstrengend seien all die Verletzungen, schildert er. "Sie lenken dich vom Fokus ab."

Regazzi beobachtet, dass sein Schützling "seit zwei, drei Jahren so sehr wie noch nie darum kämpft, aus diesem Loch zu kommen, in das er geraten ist". Hablützel sagt, der Körper wolle ihm mit den Verletzungen etwas signalisieren, aber er sei immer noch dabei, herauszufinden was.

Die Suche nach dem Ausweg geht Hablützel ohne Scheuklappen an. Als wirksame Therapie gegen das Chaos im Kopf erwies sich der Gang ins Kloster, den er vor kurzem zum zweiten Mal für einige Tage antrat. "An diesem kahlen Ort gibt es keinerlei Ablenkung, nichts, nur deine eigenen Gedanken", beschreibt Hablützel. Das Setting helfe ihm, von seiner Ungeduld wegzukommen.

Manchmal braucht es viel Kopfarbeit, manchmal reicht ein Top-Resultat als Knopflöser. Mit einem solchen im Februar in Peking könnte sich für Hablützel ein Kreis schliessen. (sda)


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