Die Welt zu Gast bei den Nazis

ALLGEMEINES ⋅ Adolf Hitler eröffnet heute vor 84 Jahren, am 1. August 1936, die Olympischen Sommerspiele von Berlin. Die Nazis gaukeln der Welt erfolgreich ein geschöntes Bild ihres Staates vor.

01. August 2020, 05:01

Mit gigantischem Aufwand inszenierte das NS-Regime einen Event, der Deutschland friedlich und weltoffen zeigte - dabei plante Hitler hinter den Kulissen schon den Angriffskrieg im Osten oder liess während der Spiele das Konzentrationslager Sachsenhausen bauen. Weil der Tod Urlaub machte, wie eine US-Zeitung schrieb, war Berlin in den zwei ersten August-Wochen nicht wieder zu erkennen. Hetzparolen gegen Juden waren aus dem Strassenbild verschwunden. Die Gäste wurden zuvorkommend umsorgt, der Verkauf des Hetzblattes "Der Stürmer" war während der Spiele nur unter der Hand möglich und rassenfeindliche Artikel wurden sogar zensuriert, Swing-Töne waren am Abend in den Klubs zu hören, der fast 250 Meter lange Zeppelin "Hindenburg" schwebte als Beleg für die deutsche Ingenieurskunst über dem Stadion.

Die Veranstaltung war durchinszeniert, angefangen beim Fackellauf. Diese Stafette wurde von den Nazis erfunden, denn in der Antike existierte sie nicht! Die Organisation funktionierte perfekt, die Massenaufmärsche boten ein mitreissendes Spektakel, ein riesiger Lichtdom über dem Stadion faszinierte die ganze Welt.

Die Propaganda-Schlacht des NS-Regimes entfaltete ihre Wirkung auch gegen innen. Mit einer intensiven Bautätigkeit wurde der darbenden Wirtschaft Impulse verliehen. Die Deutschen sahen in sich im Gefühl einer erfolgreichen, wieder erstarkten Nation mit Hitler als international respektiertem Staatsmann an der Spitze bestärkt. Unter dem Titel "Olympia" verherrlichte die Regisseurin Leni von Riefenstahl das Bild vom durchtrainierten Arier. Und auch sportlich klappte vieles: Deutschland wurde mit 33 Goldmedaillen Erster im Medaillenspiegel vor den USA mit deren 24. Die Leistungen der deutschen Olympioniken nutzte das Regime für Propagandazwecke, gegen aussen als Zeichen der Überlegenheit Deutschlands und gegen innen, um den Führerkult zu verstärken.

Die Nazis wussten die neuen Medien zu nutzen. Erstmal wurden in Berlin 1936 die Olympischen Spiele im Radio und Fernsehen übertragen. Ein Kurzwellensender belieferte aus Ozeanien alle Kontinente, die TV-Aufnahmen gab es in sogenannten Fernsehstuben zu bestaunen. Und da wurde was geboten. Wer den Film kontrolliert, kontrolliert auch die Massen. Die Schwimmer beispielsweise sahen die Zuschauer erstmals in Unterwasser-Aufnahmen.

Zum Star der Spiele avancierte zwar der dunkelhäutige US-Leichtathlet Jesse Owens mit 4 Mal Gold. Insgesamt verliefen die Spiele aber nach dem Gusto der Nazis, die mit dem Grossanlass einen Grosserfolg verbuchten. Hitlers Popularität war noch mehr gestiegen, die deutsche Nation hatte weiter an Selbstvertrauen getankt.

Boykott nur knapp abgewendet

Es war ja nicht so, dass die Sportfunktionäre die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen hatten. Den Zuschlag hatten die Deutschen zwar 1931, also vor der Machtübernahme Hitlers, erhalten. Aber bereits 1933 kamen beim IOC angesichts der offensichtlichen Brutalität des NS-Regimes Zweifel auf. In den USA, aber auch in England und sogar in der Schweiz entstanden Boykottbemühungen.

Ein Boykott - für die heutige Welt keine gute Massnahme, wie auch unlängst IOC-Präsident Thomas Bach betonte, weil der Sportler um seinen Lohn gebracht wird und sich an der politischen Realität durch das Fernbleiben nichts ändert - kam primär deswegen nicht zustande, weil sich der Amerikaner Avery Brundage, der spätere IOC-Präsident, erfolgreich wehrte. Als Präsident des Amerikanischen Olympischen Komitees reiste er nach Deutschland und berichtete anschliessend, Berlin 1936 würde die olympischen Regeln respektieren. In der entscheidenden Abstimmung in den USA setzten sich er und seine Anhänger gegen die Boykott-Befürworter äusserst knapp durch - somit war der Weg auch für die Sportler anderer Nationen frei.

Auch das IOC mit Präsident Graf Henri de Baillet-Latour verfolgte die US-Linie, wonach Sport und Politik nicht miteinander vermischt werden dürften und das IOC innenpolitische Zustände in Deutschland so lange nichts angingen, wie die Athleten gut behandelt würden. Die Boykott-Gegner sahen sich zudem bestärkt, als im Februar 1936 die Olympischen Winterspiele in Garmisch Partenkirchen reibungslos über die Bühne gingen.

Die Gegenbewegung, die im "Comité international pour le respect de l’esprit olympique" aufging, liess sich nicht beirren. Im Juni 1936 fand in Paris eine "Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee" statt, an der Schriftsteller Heinrich Mann - der ältere Bruder von Thomas Mann - warnte, dass Sportler, die an den Olympischen Sommerspielen der Nazis in Berlin teilnehmen, dort nichts weiter sein würde als "Gladiatoren, Gefangene und Spassmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr der Welt fühlt". Die Gegenbewegung, in der Schweiz auch unterstützt von den Satus-Vereinen, plante sogar die Volksolympiade in Barcelona. Zu den Spielen Ende Juli, die 17 Sportarten sowie kulturelle Veranstaltungen umfassen sollten, wurden 6000 AthletInnen aus 23 Staaten und Kolonien erwartet. Am Tag der geplanten Eröffnung entbrannte aber in Spanien der Bürgerkrieg, das Ende der Olympiade der Gegenbewegung. Deutsche Bomben flogen auf Spanien, während in Berlin die 20'000 Friedenstauben stiegen.

Berlin 1936 hingegen stellte mit 49 teilnehmenden Nationen und 3961 Aktiven Rekorde auf. Und die Nazi-Propaganda wirkte sogar nach. 1938 vergab das IOC die Winterspiele 1940 zunächst an St. Moritz. Zwischen der FIS und dem IOC entbrannte aber ein Streit um die Zulassung professioneller Skilehrer zu den Spielen, da dies in den Augen des IOC dem Amateurstatus widersprach. Das IOC entzog im Juni 1939 den Bündnern die Spiele und beauftragte wenige Wochen vor dem Überfall der Deutschen auf Polen erneut Garmisch-Partenkirchen mit der Durchführung. Am 22. November 1939 teilten die deutschen Organisatoren dem IOC mit, dass man die Spiele 1940 wegen des Krieges nicht ausrichten könne. (sda)


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