Rhamel Brown – der Mann für das Grobe

BASKETBALL ⋅ Statt um Punkte kümmert sich Rhamel Brown bei Swiss Central Basket um die Defensive. Die ungewöhnliche Vorliebe für die Verteidigungsarbeit hat auch mit seiner Herkunft zu tun.

04. November 2016, 08:39

Daniel Schriber

In Brownsville, einer besonders rauen Gegend im New Yorker Stadtteil Brooklyn, gehören Gewalt und Drogen zum Alltag vieler. Wer an diesem Ort aufwachsen muss, ist mit 25 Jahren entweder in einer Strassengang, im Gefängnis – oder tot. So sagen es die Leute in der Gegend, in dem auch der berühmte Mike Tyson seine ersten Faustkämpfe ausgetragen hatte. Rhamel Brown nickt und sagt: «Es ist so, wie man es aus dem TV kennt. Nur schlimmer.» Schiessereien, Metalldetektoren in der Grundschule, Polizeisirenen rund um die Uhr. In Brownsville ist das alles ganz normal, gehört das zum Alltag.

Auch Brown kennt viele, die es nicht aus dem Sumpf herausgeschafft haben. Sie scheiterten an Drogen, der Gewalt, der Armut, den fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten – oder an allem zusammen. Auch Freunde von ihm befinden sich darunter. Aber nicht Brown. Er hat es geschafft. Er habe versucht, die Negativität nie an sich heranzulassen, sagt der 24-Jährige. Seine Eltern haben ihn gelehrt, immer das Gute zu sehen. Und vor allem: hart zu arbeiten. «Work ­Ethic», nennen das die Amerikaner. Ob auf dem Sportplatz oder daneben: Brown hat nie etwas geschenkt bekommen. Das gilt für seinen College-Abschluss in «Business Management» – und auch für sein Leben als Profibasketballer. Stolz ist er auf beides gleichermassen.

Vom Kanonenfutter zum Favoritenschreck

Stolz ist auch Rhamel Brown auf den Saisonstart von Swiss Central Basketball (SCB). Zwei von drei Spielen konnten die Zentralschweizer gewinnen. Die beiden Erfolge verbuchten sie nicht etwa gegen mittelklassige Teams, sondern gegen die beiden Topklubs aus Lugano und Neuchâtel. Es sind Siege, mit denen zu Beginn der Saison wohl niemand gerechnet hatte. «Niemand ausser wir», korrigiert Brown. «Wir waren stets davon überzeugt, dass wir in der Lage sind, gegen alle Teams zu bestehen.» Morgen Samstag (18.00, Maihofhalle) soll gegen Massagno der dritte Sieg her.

Der plötzliche Erfolg der Zentralschweizer erstaunt. In der vergangenen Saison war die Mannschaft – man muss es so hart ausdrücken – häufig Kanonenfutter für die Gegner aus Fribourg, Genf oder eben Lugano. Warum also ist dieses Jahr auf einmal alles anders? Brown überlegt kurz und sagt dann: «Wir passen hervorragend zusammen. Ich möchte diese Jungs für nichts auf der Welt austauschen.»

Tatsächlich scheinen die Puzzleteile bei SCB dieses Jahr besonders gut zusammenzupassen. Einen dominanten Scorer, wie es in der letzten Saison Richard Carter war, sucht man im aktuellen SCB-Kader vergeblich. Dafür scheint jeder Spieler genau jene Rolle einzunehmen, mit der er dem Team am meisten helfen kann. Neuzugang Marco Lehmann zum Beispiel, erhält die uneingeschränkte Wurferlaubnis aus der Dreipunktedistanz, Spielmacher Nemanja Kovacevic lenkt das Spiel wenig spektakulär, dafür umso effizienter – und Rhamel Brown?

Brown ist nicht der begnadete Werfer

«Brown geht immer wieder dorthin, wo es wehtut», sagt SCB- Coach Danijel Eric. «Er stellt sich stets in den Dienst der Mannschaft und ist sich auch nicht zu schade, wenn nötig, seinen mächtigen Körper auf den Boden zu wuchten. Genau das brauchen wir von ihm.» Am wohlsten fühlt sich der Zwei-Meter-Mann mit den riesigen Armen in der Verteidigung. «Ich liebe es, meinen Gegner zu stoppen, dem Spiel aus der Verteidigung heraus meinen Stempel aufzudrücken», sagt Brown. Es sind Worte, die sonst äusserst selten aus einem Basketballer-Mund zu hören sind.

Dreier werfen, Slam-Dunks in den Korb stopfen, spektakuläre Assists spielen: Das sind die Dinge, von denen die meisten träumen. Aber Verteidigungsarbeit? Brown lacht. «In New York spielen alle Basketball», beginnt er zu erzählen. «Und es gibt in jedem Viertel tausend Spieler, die punkten können.» Er selber sei nie ein guter Werfer gewesen. Das ist er bis heute nicht.

Also suchte er sich etwas anderes. «Etwas, in dem ich dank harter Arbeit und Einsatz richtig gut werden kann. Etwas, das mich irgendwann raus aus Brownsville bringt.» Dieses «Etwas» brachte ihn zuerst an die Universität nach Manhattan. Dort wurde er drei Mal in vier Saisons zum besten Verteidiger seiner Liga gewählt. Und nun der Profivertrag in Europa. Nach einer Saison in Israel ist es für Rhamel Brown die zweite Saison in Übersee.

«Ich bin einfach glücklich, dass ich hier sein kann», sagt Brown. Am Ziel sei er noch lange nicht, sagt der SCB-Center. «Wie für jeden Basketballspieler ist auch für mich die NBA das ultimative Ziel.» Zuerst aber will Rhamel Brown in der Schweiz einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dann hat er auch noch einen grossen Wunsch abseits des Basketballfeldes: «Ich möchte unbedingt irgendwann versuchen, Ski oder Snowboard zu fahren.» Idyllische Berge mit perfekt präparierten Pisten? Nein, so etwas gibt es nicht in Brownsville, New York.

Hinweis

Basketball: Männer, NLA. Samstag: Swiss Central Basketball - Massagno (18.00 Uhr, Maihof­halle Luzern).


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