Queue und Henman Hill sind wieder da

WIMBLEDON ⋅ In Wimbledon ist wieder alles wie vor Corona - keine Zuschauerbeschränkung, Tennisfeste auf dem Henman Hill, campieren für eines der begehrten Tickets. Und doch ist etwas anders: Roger Federer fehlt.

02. Juli 2022, 09:00

Nun stehen die kleinen Zelte wieder im Wimbledon Park, gleich neben der berühmten Tennisanlage. Es ist für hart gesottene Fans die Möglichkeit, an die begehrten Tickets zu kommen. Bei kaum einer anderen grossen Sportveranstaltung ist dies so einfach möglich. Wenn man denn genug Sitzleder hat. Drei Jahre mussten sie nun auf diese Chance warten, 2020 musste das Turnier in der ersten Corona-Welle abgesagt werden, im letzten Jahr war die Kapazität auf 50 Prozent beschränkt und das Anstehen in der Queue in der traditionellen Form deshalb nicht erlaubt.

Nun aber sind die wahren Tennisfans wieder da. Wer rechtzeitig - also idealerweise schon am Abend vorher - da ist und sein Zelt aufschlägt, hat ein Ticket für den Centre Court auf sicher. Zwischen 85 und 200 Franken (der Preis steigt mit Fortdauer des Turniers) kostet so ein Eintritt, um die ganz Grossen wie Novak Djokovic oder Rafael Nadal bei der Arbeit zu sehen, bereits für gut 30 Franken gibt es ein Ground Ticket für sämtliche Aussenplätze, auf denen Anfang Woche auch die Schweizer Belinda Bencic, Viktorija Golubic oder Marc-Andrea Hüsler spielten.

36 Seiten mit Tipps und Regeln

Ein paar Regeln müssen sie beachten: Es sind höchstens Zwei-Personen-Zelte erlaubt, um 6 Uhr wird man von Helfern geweckt, um sich wieder in der Queue (Schlange) einzureihen. Genau an dem Platz, für den man bei Ankunft eine Karte bekommen hat. Diese ist natürlich nicht übertragbar, wer ein Ticket ergattern will, muss die Mühe schon selber auf sich nehmen. Je 500 gibt es an den ersten zehn Tagen für Centre Court und Court 1. Das Büchlein mit Tipps und Vorschriften ist stolze 36 Seiten dick.

Die Queue ist aber noch bei weitem nicht so lange wie vor drei Jahren. Die Meinungen über die Gründe gehen auseinander. Gut möglich, dass Corona noch immer eine Rolle spielt. Touristen aus Asien, von denen es in Wimbledon immer sehr viele hat, fehlen wegen Reiseeinschränkungen, andere meiden noch immer grosse Menschenansammlungen und wieder andere bevorzugen nach Jahren ohne Fernreisen vielleicht wieder einmal einen simplen Badeurlaub.

Ein Grund taucht aber immer wieder auf: Roger Federer, noch immer der mit Abstand populärste Tennisspieler, ist erstmals seit 1998 nicht im Hauptfeld (er gewann in dem Jahr das Juniorenturnier). In den vergangenen Jahren war das Zeltlager im Wimbledon Park jeweils ein wahres Meer von Schweizer Fahnen, und bei weitem nicht alle gehörten Schweizern. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was dem Tennis beim unvermeidlichen Rücktritt des Wimbledon-Rekordsiegers fehlen wird.

Djokovic kein Publikumsmagnet

Auch eine andere Tradition lebt in diesem Jahr wieder auf, und auch sie leidet unter dem Fehlen Federers: der Hill, meist Henman Hill genannt, alternativ auch mal Murray Mount. Hier versammeln sich jeweils die Inhaber von Ground Tickets, um auf einer gigantischen Leinwand die Partien auf dem Centre Court zu verfolgen. Bevorzugt, wenn ein Brite oder eben Federer spielt.

Auch Rafael Nadal geniesst mittlerweile viele Sympathien, spanische Fahnen sucht man dennoch fast vergebens. Und dann ist da noch das Phänomen Novak Djokovic. Immer wenn der Titelverteidiger an einem Fenster, auf dem Durchgang von der Players Lounge zum Centre Court oder auch nur auf einem Bildschirm, skandiert eine Gruppe von serbischen Fans seinen Namen und lässt ihn hochleben. Von den übrigen Tennisfans kann sich aber kaum einer für den sechsfachen Wimbledon-Champion erwärmen.

Die Zuschauerzahlen gingen an den ersten vier Tagen gegenüber 2019 um gut zehn Prozent zurück. Auffallend: Am Montag und Mittwoch, als Djokovic spielte, waren es deutlich weniger Fans als am Dienstag und Donnerstag, als Nadal im Einsatz stand. Dass der nach dem ehemaligen Spieler Tim Henman benannte Hügel in diesem Jahr nicht so dicht bevölkert ist wie in vergangenen Jahren, könnte auch andere Gründe haben. Zum einen kletterte das Thermometer in dieser Woche nie über die 20-Grad-Marke, auch wurde man an drei von vier Tagen zwischendurch verregnet, zum anderen scheiterten die grössten britischen Hoffnungen Andy Murray und Emma Raducanu schon in der 2. Runde. (sda)


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