Telemark-WM auf Melchsee-Frutt: mit dem Know-how aus dem Ski-Weltcup

SPORT ⋅ Die Schweiz holt an den Telemark-Weltmeisterschaften auf Melchsee-Frutt 14 von 19 möglichen Medaillen. Der Anlass hat den Touch eines alpinen Weltcup-Rennens.

23. März 2021, 07:39

René Leupi

René Leupi

René Leupi

René Leupi

Mit dem Classic-Rennen endete am Sonntag auf Melchsee-Frutt die Telemark-WM. Es war eine eindrückliche Machtdemonstration der Schweizer Delegation. 14 von 19 möglichen Medaillen, davon siebenmal Gold, untermauern, dass die Schweiz die klare Nummer eins der Welt ist. Und mit den Weltcup-Gewinnern Amélie Wenger-Reymond (33, Sion) und Bastien Dayer (33, Hérémence) stellte die Schweiz die beiden herausragenden Athleten auf der Erzegg-Piste.

Wenger-Reymond gewann Gold in allen drei Disziplinen (Classic, Classic-Sprint, Parallel-Sprint) und im Team-Wettbewerb. Für die 33-jährige Walliserin, die «Queen of Telemark», wie sie Speaker Christian Graf im breiten Berner Oberländer Dialekt begrüsste, waren es die WM-Goldmedaillen 13 bis 16.

Eigentlich hätten am vergangenen Wochenende die Schweizer Meisterschaften und die Junioren-WM, die von den Franzosen übernommen wurde, über die Bühne gehen sollen. Doch nach der WM-Rückgabe von Mürren erhielt das Frutter OK vor drei Wochen die Anfrage, als Ersatzort für die Elite-Weltmeisterschaften einzuspringen. OK-Präsident Tino Tresch und der letztjährige Weltcup-Gesamtsieger Stefan Matter (30, Vizepräsident) zögerten keine Sekunde, nahmen die Herausforderung an.

Innert einer Woche wurde mit Hilfe von Chats und Internet-Aufrufen die Helferzahl von 20 auf 120 aufgestockt. Tresch und Matter investierten mindestens eine Woche Ferien. Matter musste wegen einer Knieverletzung auf diese Saison verzichten und hofft, im kommenden Jahr wieder auf der Rennpiste angreifen zu können.

Helfer aus halb Europa

Die Freiwilligen rekrutierten sich aus dem ZSSV-Gebiet, dem Umfeld der Rennfahrer. Sie reisten aber auch aus dem Berner Oberland, Deutschland, Frankreich, Slowenien und Holland an. So beispielsweise Mark, der aus der Nähe von Den Haag stammt und gleich nach den Rennen in Oberjoch (GER) ins Obwaldnerland kam. «Ich bin alle Jahre als Volontier bei einem oder zwei Telemarkrennen vor Ort.» Er liebt die Komplexität dieses Sports, den er als Ursprung des Skifahrens bezeichnet.

«Organisatoren, Athleten und Helfer – wir sind eine Familie. Nur gemeinsam können wir funktionieren.»

Oder die Familie Niederberger aus Dallenwil: Vater Franz ist Presseverantwortlicher, Mutter Marie-Theres zuständig für den Zielbereich, Tochter Lydia Torwartin und Sohn Reto, ehemaliger Rennfahrer und WM-Goldgewinner in der Teamwertung, verantwortlich für die Rennleitung. «Es war eine Herzensangelegenheit, diese WM zu übernehmen», sagt Tino Tresch, «wir wollten den Schweizern nach der Covid-19-bedingten Absage von Mürren diese WM in der Heimat ermöglichen.» Auch wenn das Budget von rund 100000 Franken noch nicht vollumfänglich gedeckt ist, zieht Tresch ein positives Fazit:

«Es war ein super Anlass mit den richtigen Leuten in den richtigen Positionen.» Und er ist zuversichtlich, dass zuletzt im Budget eine schwarze Null herausschauen wird.

Keine Ausrüsterverträge und keine Serviceleute

Nicht nur Speaker Graf verlieh dem Anlass den Touch einer alpinen Weltcup-Veranstaltung. Reto Wyss, Vater der dreifachen Medaillengewinnerin Martina Wyss (Parallel-Sprint, Classic, Team), präparierte für einmal die Rennstrecke für die weltbesten Telemarkfahrer statt den Hang in Wengen für die Slalomkünstler.

Im Gegensatz zu den Alpinen finden im Telemark die Rennen für Frauen und Männer immer zeitgleich am selben Ort und auf der gleichen Piste statt. Zudem bezahlt jeder WM-Teilnehmer für Unterkunft, Essen und Transport 110 Franken aus dem eigenen Sack. Keine Ausrüsterverträge und keine Serviceleute: Jeder präpariert seine Rennskier selber und schleppt sie eigenhändig den Hang hoch. Einzig die Bekleidung und die Schuhe können von Swiss-Ski gratis bezogen werden.

Eklatant ist der Unterschied im finanziellen Bereich. Während im Weltcup Siegprämien zwischen 20000 und 81000 Euro (Sieg in der Abfahrt von Kitzbühel) ausbezahlt werden, sind im Telemark Beträge zwischen 200 und maximal 800 Franken Usus – wenn es überhaupt Bargeld gibt. So erhielt beispielsweise Beatrice Zimmermann für ihren Weltcup-Sieg im deutschen Oberjoch 200 Euro plus drei Liter Bier. Da die 30-jährige Stanserin kein Bier mag, übergab sie es kurzerhand ihrem Fanklub. Für die Fitness-Instruktorin endete das abschliessende Classic-Rennen mit Rang 4 etwas enttäuschend. Sie bilanzierte: «Ich hätte nach der Bronze- und Silbermedaille den Medaillensatz gerne komplettiert. Dennoch bin ich mehr als zufrieden.»

Die Ranglisten finden Sie auf telemark-laif.ch


Login


 

Leserkommentare