Martina Hingis’ Glück auf der kleinen Zuger Bühne

REGIO-SPORT ⋅ Die ehemals beste Tennisspielerin der Welt ist das Aushängeschild des neuen NLB-Teams des TC Zug. Ein Besuch im Training.

24. August 2020, 18:54

Raphael Biermayr

«Panierte Pouletbrust Luganer Art» steht auf dem Aushang. Das Menu an diesem Mittag im Tennisclub Zug muss schmackhaft sein, denn es interessiert augenscheinlich mehr Gäste als das, was sich auf dem Platz unterhalb der Terrasse abspielt. Dort zeigen vier Frauen an der Schwelle zum mittleren Alter im Rahmen einer Trainingseinheit, was in ihnen steckt. Glaubt man einer Gruppe Beobachterinnen an der Schwelle zum reiferen Alter, dann ist das eine ganze Menge. «Sie ist halt schon die Beste, ganz klar», sagt eine der Zaungäste sachkundig.

Mit «sie» ist Martina Hingis gemeint, die 25-fache Grand-Slam-Siegerin in Einzel (5), Doppel (13) und Mixed (7). Mit 209 Wochen an der Weltranglistenspitze im Einzel liegt sie in der Allzeitwertung an fünfter Stelle. Und das, obwohl sie bei ihrem ersten Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen im Jahr 2003 erst 22 Jahre alt war. Es folgte ein Auf und Ab. Bei ihrer Rückkehr auf der Einzeltour konnte sie nicht mehr an die zurückliegenden Erfolge anknüpfen. Am Tiefpunkt sperrte sie der Weltverband ITF rückwirkend ab Herbst 2007 für zwei Jahre wegen Dopings infolge der – stets bestrittenen – Einnahme von Kokain. Im Jahr 2013 kehrte sie im Doppel und Mixed mit fulminantem Erfolg auf die Tour zurück. Im Sommer 2016 gewann sie an der Seite von Timea Bacsinszky auch die Olympia-Silbermedaille im Doppel. Der endgültige Rücktritt erfolgte im Oktober 2017.

Vor 25 Jahren zum letzten Mal im Interclub

Nun steht Martina Hingis vor einem Comeback auf kleinerer Bühne – im Interclub. Sie und ihre Tennisfreundinnen Geraldine Dondit, Barbara Suter-Keller und Nadine Kenzelmann bilden das NLB-Stammteam des TC Zug in der bevorstehenden Saison. Die vier Spielerinnen in der Jahrgangsspanne von 1976 bis 1980 hätten auch in der Kategorie 40+ mittun können, bei den sogenannten Seniorinnen also. Doch dafür sind sie zu ehrgeizig. Hingis ist mit 39 Jahren die Jüngste unter ihnen, aber nicht der ganzen Equipe: Mit Julia Stusek (Jahrgang 2008) und Isabella Kellenberger (2007) zählen auch zwei auswärtige Juniorinnen dazu. Beide sind sehr jung – aber älter als Hingis, als diese im Sommer 1992 zum ersten Mal Schweizer-Interclub-Meisterin wurde. Sie war noch nicht 12 Jahre alt, als sie alle ihre Einzelpartien für den TC Schützenwiese Winterthur gewann, und so massgeblich zu dessen erstem Titel beitrug. Zwei Jahre später führte sie «Schützi» zum zweiten und bis heute letzten Triumph. Nach 1995 spielte sie nicht mehr im Rahmen der Interclub-Konkurrenz – bis jetzt, 25 Jahre später.

Die Zuger Equipe stellte Nadine Kenzelmann, die 1994 auch Teil des Winterthurer Meisterteams war, auf die Beine. Die Finanzfachfrau ist vor kurzem in die Stadt gezogen, wo auch Hingis mit deren Mann Harry und der eineinhalb Jahre alten Tochter Lia wohnt. Die anderen beiden Stammspielerinnen wohnen nicht weit entfernt: Geraldine Dondit, die ehemalige Direktorin des Turniers in Lugano, in Affoltern am Albis, die Polizistin Barbara Suter-Keller in Brunnen.

Der Mittag ist vorüber, Terrasse und Klubhaus im äussersten Zuger Norden haben sich geleert. Es kommt starker Wind auf – ein Vorbote des folgenden Sommergewitters. Die vier Frauen denken aber nicht ans Aufhören, ehe der letzte Ball in der letzten Paarung gespielt ist. Martina Hingis kehrt später als Erste aus der Garderobe zurück und betritt das Klubhaus. Auf die Frage, ob es noch etwas zu essen gibt, verweist der Mitarbeiter sie an den Chef, der gerade nicht da ist. «Sonst nehme ich etwas davon, kein Problem», sagt Hingis und deutet auf ein offenes Tupperware, in dem drei übrig gebliebene Stücke der panierten Pouletbrust Luganer Art liegen. Nach ein paar Minuten kehrt der Chef zurück und bereitet ihr einen Teller Spaghetti zu.

Einheit demonstrieren durch extra gestaltete Shirts

Die ehemals beste Tennisspielerin der Welt macht einen glücklichen und auch aufgeregten Eindruck, wenn sie über ihr bevorstehendes Comeback im Interclub mit dem neuen Team spricht. Bald sollen die Shirts eintreffen, die nach ihren Wünschen gestaltet sind. Hingis lässt von den Spaghetti ab, kramt in ihrer Tasche und zieht schliesslich ein Shirt heraus. «So werden sie aussehen, hier kommt das Logo des TC Zug drauf – chic, nicht?», fragt sie und lacht. «Wir werden als Einheit in Blau-Weiss auftreten und so Stärke demonstrieren», erklärt sie und ballt die Faust.

Wie stark das Team wohl im Vergleich mit den anderen NLB-Equipen sein wird? Es gibt kaum Anhaltspunkte. Hingis ist vom Verband als N1.8 eingestuft worden. Sie wird diese Klassierung rechtfertigen müssen. Ihre Teamkolleginnen zählten einst alle zur Schweizer Spitze. Heute sind sie R2-klassiert und haben – mit Ausnahme der letztjährigen Interclubspielerin Nadine Kenzelmann – lange keine Ernstkämpfe mehr bestritten. Auch hinter dem Können der Gegnerinnen stehen Fragezeichen. In der Garderobe nach der Trainingseinheit haben die Zugerinnen die veröffentlichten Kader studiert. Gemäss Martina Hingis konnten sie daraus aber keine umfassenden Schlüsse ziehen. Auf das Saisonziel angesprochen, sagt sie deshalb unverfänglich: «Wir wollen in der NLB bleiben, alles andere sehen wir dann.»

Keine Entschädigung für die Spielerinnen

Abzuwarten bleibt auch, wie stark das Interesse an der diesjährigen NLB-Interclub-Meisterschaft dank ihrer Rückkehr sein wird. Im Normalfall interessiert sich nämlich ausserhalb der teilnehmenden Klubs so gut wie niemand für diesen Mannschaftswettbewerb. Gleichwohl leisten sich Klubs respektive wohlhabende Gönner für Teams beider Geschlechter nach wie vor prominente Hilfskräfte aus den Weltranglisten. Manche erhalten pro Einsatz oder Einsatztag mehrere tausend Franken.

Martina Hingis dürfte nicht darauf angewiesen sein. Nach offiziellen Angaben hat sie in ihrer Karriere fast 25 Millionen Dollar Preisgeld gewonnen. Auf die Frage nach einer Entschädigung der Zuger NLB-Spielerinnen stellt sie klar: «Uns geht es um den Spass. Wir vier können alle sehr gut selbst für uns sorgen.» Anschreiben lassen muss sie den Teller Spaghetti und den folgenden Kaffee im Klubhaus trotzdem: Das Gerät für die Kartenzahlungen ist ausgestiegen.


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