71 Transfers für 57 Punkte

SUPER LEAGUE ⋅ Der ruhmreiche Grasshopper-Club steht in seiner schwierigsten Saison seit 70 Jahren. Die Entlassungen von Thorsten Fink und Mathias Walther sind Symptome. Was aber verursacht die Misere?

06. März 2019, 01:22

Schaut man zuerst auf die nackten Zahlen dieser Saison, hört man sofort die Alarmglocken. 0,78 Punkte pro Spiel haben die Hoppers in der laufenden Meisterschaft eingefahren. 0,78 Punkte sind ebenfalls der Schnitt aus allen Meisterschaftsspielen unter Trainer Thorsten Fink, der im April 2018 Murat Yakin ablöste - nach einem kurzen Interregnum von Sportchef Mathias Walther.

0,78 Punkte sind ein miserabler Durchschnitt. Auf die 36 Runden der Saison hochgerechnet, würden 28 Punkte oder Pünktchen herausschauen. Diese Marke hatten die Young Boys schon nach zwölf Runden übertroffen.

In den bislang 15 gespielten Saisons seit der Einführung der Super League 2003 bedeuteten 28 Punkte sechs Mal den 10. Platz und damit den direkten Abstieg. Weitere sechs Mal reichten 28 Punkte gerade noch für den vorletzten Platz aus. Bis 2011/12 und ab dieser Saison wieder musste und muss sich der Neunte der Super League für eine sogenannte Barrage dem Zweiten der Challenge League stellen. Nur 2007, 2010 und 2012 war eine Mannschaft mit 28 Punkten mindestens Achte.

Die letzten drei GC-Trainer Carlos Bernegger, Murat Yakin und Thorsten Fink brauchten zu Beginn ihrer Tätigkeiten die ungefähr gleichen Worte: Man muss Geduld haben, es wird eine Zeitlang dauern, bis nach den vielen Wechseln im Kader eine starke, eingespielte Mannschaft entsteht. Vielleicht stecken gerade darin das Hauptübel und die Hauptursache der Misere. Vielleicht muss man die operative Führung als plan- und konzeptlos bezeichnen, und vielleicht haben die Trainer gerade deshalb grösste Mühe, etwas Besseres auf die Beine zu stellen. Tatsächlich hatten die Transferaktivitäten in den letzten Jahren etwas von einem Aktionismus, wie man ihn im Schweizer Fussball höchstens in Sitten erlebt.

Seit Sommer 2017 gab es im Kader der Hoppers 71 Mutationen. 36 Zuzüge und 35 Abgänge von Doumbia bis Caiuby. Die Änderungen machen das Dreifache eines normalen Kaders aus. Wer erinnert sich noch an alle Spieler, die in den letzten gut anderthalb Jahren für Blauweiss spielten? Vielleicht nicht einmal die Trainer selbst. Mit etwas Boshaftigkeit liesse sich sagen, dass die 71 Transferbewegungen den Hoppers 57 Punkte in der Meisterschaft eingebracht haben. Und schon ist man wieder bei einem miserablen Schnitt: 0,80 Punkte pro Transfer. Allerdings beteiligten sich auch die Trainer selber an der Transferwut. So Yakin, der im Winter 2017/18 eine Reihe von Wechseln im Kader verlangte.

Waren die Hoppers seit dem Wiederaufstieg 1952 jemals in einer so misslichen Lage wie jetzt? In der Geschichte stösst man auf die Saisons 1992/93 und 2011/12. Vor sieben Jahren unter Trainer Ciriaco Sforza - für die letzten Spiele übernahm Uli Forte - war der Punkteschnitt mit 0,76 noch ein bisschen schlechter als der jetzige. GC geriet aber zu keinem Zeitpunkt in Abstiegsgefahr. Denn erstens wurde Neuchâtel Xamax zwangsrelegiert, und zweitens wurden Sion in jener Saison wegen einer nicht eingehaltenen Transfersperre 36 Punkte abgezogen, sodass GC trotz des schwachen Abscheidens mühelos auf den 8. Platz kam.

Am sonnigen Sonntagnachmittag des 6. Dezember 1992 ging die EWR-Vorlage bachab und tauchte GC erst- und einmalig in die seinerzeitige Auf-/Abstiegsrunde. Der polnische Stürmer Pjotr Nowak erzielte in der 82. Minute im Wankdorf das 2:1 für YB, das den Hoppers eine Schmach sowie allenthalben Hohn, Spott und Schadenfreude einbrachte. Das damalige Kader der Hoppers war in der Schlagkraft jedoch das schiere Gegenteil des heutigen. Bei GC waren die Besten der Besten engagiert, nur wusste der renommierte Trainer Leo Beenhakker ein Jahr nach dem Wegzug des erfolgreichen Ottmar Hitzfeld mit der exzellenten Auswahl nichts anzufangen.

GC spielte im Wankdorf mit Mats Gren, Ramon Vega, Murat Yakin, Ciriaco Sforza, Thomas Bickel, Mario Cantaluppi, Peter Közle und Goalie Pascal Zuberbühler. Alain Sutter und Marcel Koller waren gesperrt respektive verletzt. In wirkliche Abstiegsgefahr gerieten die Zürcher nicht. Im Frühling 1993 wurden sie Erste der Auf-/Abstiegsrunde. Einer der Aufsteiger war der FC Basel nach fünf Saisons in der Zweitklassigkeit.

Zurück zu den Transferaktivitäten. Die Young Boys sind heute der Gegenpol der Grasshoppers in der Super League. In den letzten vier Transferperioden gab es im Kader der Berner nicht 71 Wechsel, sondern 27. In dieser Zeit sammelte YB in der Meisterschaft 146 Punkte - oder 5,4 statt 0,8 Punkte pro Transfer. Einige Transfers in Bern waren überdies Abgänge von Spielern, die eine Stange Geld brachten. Solche Spieler waren Denis Zakaria, Yoric Ravet, Kasim Nuhu sowie zuletzt Sékou Sanogo und Leonardo Bertone. (sda)


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