Der Luzerner Julien Clémence sagt vor dem Weltcup-Start: «Im Wettkampf kann ich Sachen klettern, die ich im Training nicht schaffe»

SPORT ⋅ Am Freitag und Samstag treffen sich die weltbesten Kletterer bereits zum fünften Mal zum Weltcup-Auftakt im bernischen Meiringen. Unter den 14 Schweizer Athleten ist auch Julien Clémence aus Gisikon.

15. April 2021, 16:38

Jule Seifert

Jule Seifert

Nino Grünenfelder aus Baar (ZG) und Julien Clémence aus Gisikon (LU) konnten bereits beim Swisscup am 20. März in Bulle zeigen, dass sie für die kommende Wettkampfsaison parat sind. Grünenfelder wurde Siebter, Clémence erreichte Rang zwei. Das vergangene Jahr, in dem fast keine Wettkämpfe stattfanden und die Trainingsmöglichkeiten begrenzt waren, war schwierig für die beiden 19-jährigen Zentralschweizer.

Julien Clémence, der sich kurz vor seinen Abschlussprüfungen zum Kaufmann befindet, dachte sogar ans Aufhören. Für den dreifachen U18-Schweizer-Meister von 2018 und Schweizer Meister im Speed von 2019 war es eine lehrreiche Zeit. Er bemerkte, dass es auch ein Leben neben dem Wettkampfsport gibt. Bei den Kletterferien mit den Kollegen kam der Wunsch schliesslich zurück, weiterhin bei Wettkämpfen anzutreten. «Ich wusste wieder, wofür ich das ganze harte Training auf mich nehme: Nicht um eine Platzierung zu erreichen oder einer Person zuliebe, sondern weil es mir Spass macht zu klettern», erzählt er.

Geduld, Motivation und ein gutes Auge

Für den Weltcup-Auftakt in der Kletterhalle in Meiringen hat sich Clémence vorgenommen, seine beim Swisscup erprobten Strategien auch im Weltcup umzusetzen. Durch seine mentale Stärke und taktische Vorgehensweise schaffte er es beim Formtest in Bulle auf das Podest. Das intensive Aufbautraining, das er zu Beginn des Jahres absolvierte, enthielt neben den zweieinhalb Stunden Klettertraining pro Tag auch ein Kraft- und Athletiktraining sowie ein spezielles Fingerkrafttraining.

Um optimal auf den Weltcup vorbereitet zu sein, spielte Clémence vergangenes Wochenende die Wettkampfsituation durch: In der Qualifikation müssen fünf Boulder (Kletteraufgaben) innerhalb von je fünf Minuten bestritten werden. Diese Simulation hilft ihm dabei, sich am Wettkampftag wohler zu fühlen, und gibt ihm das nötige Selbstvertrauen. Unter Druck setzen will er sich aber nicht, er sieht den Weltcup als wichtige Erfahrung, bei der es weniger um die Leistung geht. Wenn es für ihn am Freitag stimmt, die Boulder ihm liegen und er seine Taktiken umsetzen kann, hält er es für möglich, in den Halbfinal zu kommen. Diese Saison wird Clémence noch zwei weitere Weltcup-Anlässe bestreiten. Auch seine Chancen, sich für Olympia 2024 in Paris zu qualifizieren sieht er optimistisch:

«Wenn ich mich auf etwas fokussiere und mir ein Ziel vornehme, dann schaffe ich das auch.»

Laut Clémence braucht ein guter Kletterer Geduld, Motivation und ein gutes Auge, um sich einen schnellen Weg durch die Wand zu suchen. Sein eigenes Erfolgsrezept sieht er darin, dass er Bewegungsabläufe seiner Konkurrenten nach einmaligen studieren direkt umsetzen kann. Neben seiner schnellen Aufnahmefähigkeit hilft ihm sein gutes Körpergefühl, um die Routen in wenigen Versuchen zu durchklettern. Ausserdem sei er ein Wettkampftyp: «Im Wettkampf kann ich Sachen klettern, die ich im Training nicht schaffe.»

Aufgrund der aktuellen Situation werden in der Kletterhalle in Meiringen keine Zuschauer zugelassen sein. Clémence bedauert dies, da ihn die Anfeuerung der Zuschauer zusätzlich motiviert. Um trotzdem eine gute Leistung abliefern zu können, wird Clémence auf seine Lieblingsmusik zurückgreifen: Rap und Partymusik bringen ihn in die richtige Stimmung. Die Fans können den Halbfinal