Bruno Risis Coup an den Olympischen Spielen in Athen: «Gold wäre greifbar gewesen»

SPORT ⋅ Der Radprofi Bruno Risi gewann 2004 Olympia-Silber auf der Bahn. Im Vorfeld kam es zu einem Schockmoment.

07. Juni 2020, 19:23

Stephan Santschi

Stephan Santschi

«Erleichterung, riesige Freude, endlich hatte es geklappt.» Die Emotionen im Moment des grössten Erfolgs waren für Bruno Risi überwältigend. Im Jahr 2004 gewann der Urner mit Franco Marvulli die Silbermedaille im Zweier-Mannschaftsfahren (Madison) an den Olympischen Sommerspielen von Athen. Im vierten Anlauf holte sich der damals 35-jährige Radprofi mit den prägnanten, blonden Locken erstmals Edelmetall an Olympia und krönte damit ein Palmarès, das mit sieben WM-Titeln und 61 Siegen an Sechstagerennen auch so aus allen Nähten platzt.

Der Triumph in Athen kam dabei eher zufällig zu Stande und hing vorübergehend sogar am seidenen Faden. Zufällig deshalb, weil Risi nicht für Olympia vorgesehen war. Nachdem sich Alex Aeschbach verletzt hatte, sprang Risi ein und wurde 2003 an der Seite von Marvulli Weltmeister in Stuttgart. «Der Verband sah, dass Franco und ich sehr gut harmonierten und eine schlagkräftige Formation stellten», erzählt Risi. Und so bildeten sie ein Jahr später an Olympia ein Team.

Dass Risi fit am Start war, grenzte an ein Wunder

Am seidenen Faden hing der historische Erfolg, weil Risi im Abschlusstraining in Athen heftig gestürzt war. «Wir fuhren auf der Bahn hinter einem Töff her. Als dieser kurz stockte, touchierte er das Rad von Marvulli. Er konnte den Sturz verhindern, ich knallte dahinter bei einem Tempo von 60 bis 65 Stundenkilometern aber hart auf den Boden.» Prellungen, Schürfungen und eine Muskelzerrung in der linken Kniekehle waren die Folge. «Im ersten Moment herrschte Verzweiflung, ich war wie in einer Schockstarre. Wir wussten doch, dass etwas Grossartiges entstehen konnte.»

Die medizinische Abteilung habe dann innert Kürze alle Register gezogen, die Behandlung reichte von Massagen über Lymphdrainagen bis hin zu Beweglichkeitsübungen. Bruno Risi sagte rückblickend:

«Dass mich die Verletzung schliesslich nicht beeinträchtigte, grenzte an ein Wunder.»

Im Wettkampf selber war viel Geduld und taktisches Kalkül gefragt. In den 200 Runden auf der 250 Meter langen Rundbahn im Oaka-Velodrome entschieden Rundengewinne und Sprintwertungen über die Klassierung. «Als ich im Nachhinein das Rennen analysierte, stellte ich fest: Gold wäre greifbar gewesen.» Wahrscheinlich habe man den ersten Rundengewinn zu früh realisiert. «Vielleicht hätten wir etwas länger pokern sollen. So fielen wir nach dem Rundengewinn aus der darauf folgenden Sprintwertung. Das kostete uns wertvolle Punkte.»

Olympiasieger wird später des Dopings überführt

Den Sieg holten sich damals die Australier Graeme Brown und Stuart O’Grady. Letzterer wurde später als Dopingsünder bei der Tour de France entlarvt, die Angelegenheit aber war verjährt. Und so erbten Risi und Marvulli nachträglich auch nicht die Goldmedaille. «Einerseits ist das schade», gesteht Risi. «Andererseits hätten auf diese Weise ja die Emotionen eines Olympiasieges gefehlt. Die unbeschreiblichen Erinnerungen eines Profisportlers sind jene, wenn er am Tag X als Sieger über die Ziellinie fährt.»

Und das hat Bruno Risi in seiner Karriere sehr oft getan, am häufigsten mit seinem kongenialen Partner, dem Urner Kurt Betschart (siehe Artikel unten). Auf das Erfolgsrezept angesprochen, antwortet Risi kurz und bündig: «Blindes Vertrauen.» Er habe sich stets auf den ruhigen Betschart verlassen können. Später, an der Seite des extrovertierten und um zehn Jahre jüngeren Marvulli, war die Rollenverteilung eine andere. Risi übernahm mehr taktische Aufgaben, bereitete Situationen für den sprintstarken Marvulli vor. Dinge, die früher Betschart für ihn erledigt hatte. Bald passte es menschlich nicht mehr zwischen Marvulli und Risi, das Vertrauen ging verloren. Ihren grössten Erfolg feierten sie aber gemeinsam. 2004 in Athen.


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