Ambri – hier geht man hin, weil man Eishockey liebt

SPORT ⋅ Ambri spielt seit fünf Jahren wieder einmal in den Playoffs. Einen Sieg können die Fans auch im ersten Heimspiel nicht feiern. Ein Augenschein in einer Welt für Hockeyromantiker.

13. März 2019, 16:18

Michael Graber, Ambri

Michael Graber, Ambri

Es gibt da diesen Mann. Zirka 60 Jahre alt, den blau-weissen Schal um den Hals gebunden. Sein Platz ist direkt über der Spielerbank – dort, wo auch die Schiedsrichter rein- und rausmüssen. Und wenn diese das Eis in der Valascia betreten oder verlassen, bildet der Mann mit seinen Händen einen Trichter und schreit sich in Rage. Zwar kann man auf der anderen Seite des Spielfelds nicht hören, was er genau zu sagen hat, seine Gesichtsfarbe verrät aber, dass es kaum Nettigkeiten sind.

Es sind Playoffs. Diesmal auch in der Leventina. Zum ersten Mal seit 2014. Zwei Stunden vor dem Spiel ist jeder Platz in der Pizzeria gefüllt, an den Wänden hängen alte Kalender mit Fotos von Ambri-Spielern mit nacktem Oberkörper, der Corretto Grappa kostet 3.20 Franken. Nach und nach ziehen die Gäste ihre Jacken an, knüpfen blau-weisse Schals um den Hals und entschwinden in die Nacht. Es ist dunkel in ­Ambri, die mächtigen Bergketten links und rechts des Tals bilden schwarze Mauern. In kaum einem Haus brennt Licht. Logisch, alle sind am Spiel – könnte man denken. In Wahrheit brennt wohl in vielen dieser Häuser auch an anderen Tagen kein Licht.

Es kann trist sein in der Leventina. Aber Ambri lebt.

Der grösste Lichtkegel ist die Valascia. Schon draussen hört man das Raunen und Grummeln. In der Curva Sud steht man eng an eng. Man spürt den Hunger dieser Leute. Auf den ersten Sieg in den Playoffs seit 13 Jahren. So lange dauert nun schon die Durststrecke. Was bei manch anderem Verein zu einem Zuschauer-Exodus geführt hätte, hat man hier stoisch ertragen. Viele bittere Niederlagen, viele Geldsammlungen, viele Spiele um den Ligaerhalt. In einem Grossteil der Fanlieder schwingt denn auch eine Moll-Note mit – das Leiden gehört irgendwie zur Ambri-DNA. Aber heute nicht. Oder doch? Der Gegner heisst Biel. Dessen Fans trommeln fröhlich.

Vieles an der Faszination um Ambri Piotta begründet sich im Unperfekten. Es hat zu wenig ­Toiletten im Stadion, es ist irgendwie immer etwas kalt, und wer seinen Platz in der Kurve verlässt, braucht einiges an Ellbogen, um ihn wieder zu ergattern. Hier feiert man auch nicht nur die grandiosen Techniker, sondern jubelt den Kämpfern zu. Einmal gibt es Szenenapplaus, weil Ambri es schafft, einen Angriff der Bieler souverän zu klären. Hier geht man nicht hin, weil man Meister werden will, hier geht man hin, weil man Ambri und Hockey liebt. Mit all seinen Facetten.

Einen guten Pass schätzt man hier besonders, weil man zuvor diverse grottenschlechte Zuspiele gesehen hat.

Das Spiel ist animiert, aber nicht sonderlich gut. Ambri ist dann ebenbürtig, wenn das Tempo hoch bleibt und Kampf vor Talent kommt. Eins zu null Biel. Es wird etwas leiser, die Bieler trommeln. Dann die Eruption: Tor Ambri. Abklatschen. Singen. Die Valascia bebt, irgendwie zittert da vieles, sogar der Mann über der Spielerbank wirkt fast schon fröhlich-gelassen. In solchen Momenten herrscht in dieser sympathischen Lotterbude eine wahnsinnige Energie. Heute klappt’s.

Die Angst vor der Enttäuschung wächst

Die Hoffnung ist ein Gift. Erst wenn man mit dem Erfolg rechnet, kann man enttäuscht werden. Niemand hätte mit Ambri in den Playoffs gerechnet. Gegen Biel hat man in der Qualifikation keinen einzigen Punkt geholt und gerade einmal drei Tore erzielt. Alles andere als ein Viertelfinal-Out wäre eine Sensation. Eine, die spätestens in der 47. Spielminute mit dem Führungstreffer greifbar wird. Wenn nicht jetzt, wann dann? Es singen jetzt auch vermehrt Leute ausserhalb der Kurve mit. Wir schaffen’s. Die Bieler trommeln ihre Lieder. Die Hoffnung kriecht weiter hoch. Vom Herz ins Hirn. Gleichzeitig wächst die Angst vor der Enttäuschung.

Eine dumme Strafe leitet zwei Minuten später die Wende ein. Biel gleicht aus. Irgendwie spürt man nun: Es wird nichts. Die Kräfte lassen nach bei den Kämpfern, die Zuspiele werden noch ungenauer, niemand traut sich wirklich, den Abschluss zu suchen. Zwei Minuten vor Schluss der Todesstoss: Ambri kassiert das 2:3. Es wird leise in der Leventina. Das Aufbäumen ist weder auf den Rängen noch auf dem Eis genügend gross. Ein letzter Schuss, ein letzter Check, Sirene. Der Mann über der Spielerbank gibt dem Schiedsrichter noch ein paar Worte mit auf dem Weg in die Kabine. Auch er macht es maximal halbherzig, seine Gesichtsfarbe bleibt im gesunden Bereich.

Draussen wandern die Lichtkegel der Autos vom Flugplatz weg in Richtung Autobahn. Dort, auf dem Flugplatz, soll auch dereinst das neue Stadion von Ambri entstehen. Der Grundstein ist gelegt, die Pläne gross, die Finanzierung nicht gesichert. Irgendwie kann man es sich nicht recht vorstellen, dass Ambri in einem modernen Stadion spielt. Das Unperfekte passt zu diesem Verein. An kaum einem anderen Ort kann man schöner scheitern als in der Valascia. Weh tut es aber auch da.


Login


 

Leserkommentare