Hingeschaut: Farbiges Enten-Defilee an einer Betonfassade in der Stadt Zug

ZUG ⋅ Die Balkone eines Mehrfamilienhauses nahe dem Zuger Brüggli sind vom Steinhauser Künstler Andy Ineichen bemalt worden.

08. August 2020, 05:11

Cornelia Bisch

Es sind nicht nur einfach naturalistische Darstellungen von Mandarinenten. Die Komposition aus sechs Bildern an den Balkonen des Mehrfamilienhauses an der Chamerstrasse 79 erzählt eine Geschichte. «Es ist die Entstehung einer Entenfamilie vom Kennenlernen der Eltern bis zum Flüggewerden der Jungen», erklärt Hauseigentümerin Barbara Jenny Oswald. Zu unterst sei ein Männchen abgebildet, auf dem nächsten Stockwerk das Weibchen. «Dann folgen beide als Paar, als nistendes Paar, in Gesellschaft der frisch geschlüpften Jungenten und schliesslich als davon fliegende Familie.»

Die leidenschaftliche Sammlerin von Entendarstellungen und -figuren wollte das etwas triste, sechsstöckige Betongebäude aus den frühen 1970er-Jahren im Rahmen einer Kernsanierung für die Bewohner und Passanten freundlicher gestalten. «Ich habe mir gedacht, die Bilder könnten Reisende aufheitern, denen es vielleicht ein wenig stinkt, am Montagmorgen zur Arbeit zu fahren», berichtet sie lachend. Die ursprünglich aus England stammende Baarerin ist befreundet mit dem Künstler Andy Ineichen, der in Steinhausen ein Atelier betreibt und in Alikon/Sins lebt und arbeitet. «Ich habe im Jahr 2006 in der Stadt Zug einen Laden mit englischen Kinderbüchern eröffnet, den er mit Märchenfiguren und Fabelwesen bemalt hat.» Für sie sei klar gewesen:

Wenn jemand die Fassade ihres Mehrfamilienhauses freundlicher gestalten könne, dann Andy Ineichen.

«Wir sind zusammen gesessen und haben die Entengeschichte gemeinsam entwickelt.» Der Künstler habe die Bilder ganz wunderbar umgesetzt, schwärmt Oswald begeistert.

Letztes Jahr sei Barbara Jenny Oswald mit dieser Idee auf ihn zugekommen, erinnert sich Ineichen. «Sie wählte die Mandarinente, weil sie so farbenfroh ist und eine besondere Form hat.» Diese Art sei zwar hin und wieder in der Schweiz anzutreffen, aber eigentlich nicht hier heimisch.

«Ich habe Skizzen angefertigt und diese der Hauseigentümerin vorgelegt.» Anschliessend habe er die Bilder mit Kohlestift eins zu eins auf unbedrucktes Zeitungspapier übertragen. «Diese Zeichnungen bildeten die Grundlage für die Arbeit vor Ort.» Das Stellen des Gerüsts sei für den Baumeister eine Herausforderung gewesen, erzählt der 55-jährige Künstler. «Baugerüste sind genormt. Ich musste aber immer genau auf der richtigen Höhe stehen, um die Bilder optimal auf die Balkone übertragen zu können.» Also musste das Gerüst entsprechend angepasst werden.

100 Stunden Arbeit

Nachdem er die Betonoberfläche etwas abgeschliffen und weiss grundiert hatte, malte Ineichen während rund eines Monats – von Mitte Juni bis Mitte Juli – die Entenbilder mit Acrylfarbe auf die Balkone. «Zuletzt kam ein UV-Schutzlack darüber, damit die Farben nicht ausbleichen.» Gut 100 Arbeitsstunden hat der Künstler in dieses Werk investiert, das alles in allem etwas über 7000 Franken kostete. Andy Ineichen berichtet:

«Einmal kam so plötzlich ein Sturm auf, dass ich nicht rechtzeitig ins Trockene flüchten konnte.»

Eine Windböe habe die Farbpalette erfasst und nach unten gefegt. «Das verschmierte die ganze Fassade mit Farbe. Ich musste sie stundenlang wegputzen.» Glücklicherweise seien die bereits fertigen Bilder – Ineichen hatte entgegen seiner Gewohnheit von unten nach oben gearbeitet – verschont geblieben. Er sei sehr positiv überrascht gewesen, als er die Bilder gesehen habe, erzählt Fabian Amstutz von der STS Immobilien AG in Rotkreuz, welche das Mehrfamilienhaus verwaltet.

«Als die Eigentümerin von Enten sprach, die sie an die Balkone malen lassen würde, dachte ich, es handle sich um gelbe Bade-Quietschenten. Stattdessen sind die Bilder nun ganz sensationell geworden.» Er habe das Entenmotiv sogar ins Marketingkonzept des Hauses aufgenommen, mit dem Slogan «Be different» und der Begrüssung für Neumieter «Willkommen in Entenhausen».

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.


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