Hingeschaut: Er soll uns Mahnung sein

ZUGERSEE ⋅ Streng geometrisch behauen ragt bei der Chamer Villette ein Steingebilde aus dem Zugersee. Hintergrund des Kunstwerks ist ein wertvoller Rat fürs Leben.

21. Januar 2022, 18:47

Andreas Faessler

Was da aus dem Wasser sich zu erheben scheint und aussieht wie ein im Seegrund stecken gebliebener Boomerang, dient vielen Besucherinnen und Besuchern des Chamer Villetteparks als willkommenes Fotosujet. Insbesondere mit dem landschaftlich äusserst reizvollen Hintergrund – oder in Kombination mit der mächtigen Platane auf dem nahen «Inseli» – lässt sich das Objekt im Wasser wunderbar in Szene setzen. Es steht da nun bereits seit über 30 Jahren, und wohl niemand interpretiert es als eine in Stein gemeisselte Mahnung.

Anno 1991 führte die Gemeinde Cham anlässlich der Feierlichkeiten zu 700 Jahren Eidgenossenschaft eine gross angelegte Skulpturenausstellung im Villettepark durch. Künstlerinnen und Künstler mit über die Landesgrenzen hinaus reichendem Renommee lieferten eindrucksvolle Beiträge, von denen mehrere bis heute im Park verblieben sind und zu dessen Gestaltungskonzept gehören. So auch das Monument im Wasser. Es ist insgesamt knapp fünfeinhalb Meter hoch, besteht aus behauenem Cresciano Gneis aus der Leventina und heisst «Ikaros». Mit der griechischen Mythologie Vertraute dürften somit bereits eine Vorahnung haben, was uns die Skulptur vermitteln will.

Ikaros – im allgemeinen Sprachgebrauch Ikarus – war der Sohn des talentierten griechischen Erfinders und Künstlers Daidalos aus Athen. Es trug sich zu, dass Daidalos mit seinem Sohn von König Minos auf Kreta gefangen gehalten wurde. Die Gründe dafür unterscheiden sich je nach Quelle. Die beiden wollten von der Insel fliehen, doch war der Seeweg ausgeschlossen, zu streng liess Minos die Gewässer bewachen. So hatte Daidalos den Einfall, seine Gabe, Kunstwerke natur- und lebensecht anzufertigen, zu nutzen, um für sich und seinen Sohn Flügel anzufertigen, welche sie durch die Lüfte in die Freiheit tragen sollten. Mit Vogelfedern und Kerzenwachs baute er je ein grosses Flügelpaar. Sie erfüllten die erhoffte Funktion. Daidalos warnte Ikarus eindringlich, er dürfe nicht zu hoch – und somit zu nahe – an die Sonne fliegen, weil die Flügel sonst schmelzen. Sie montierten ihre Flügel und traten gemeinsam die Flucht durch die Lüfte übers Meer in Richtung Norden an.

Doch dann, auf der Höhe der Insel Samos, wurde Ikarus aus lauter Freude an seiner neuen Gabe vom Übermut erfasst und erhob sich hoch hinauf – die Warnungen seines Vaters vergessend. Es geschah das Unvermeidliche: Die Sonne versengte seine Flügel, Ikarus stürzte ins Meer und damit in den Tod.

Eine bewusste Verletzung des Steins

Tja, und da steckt er nun, unser toter Ikarus. Nicht in der Ägäis, sondern im lehmigen Grund des Zugersees – als monolithische Interpretation des Zürcher Steinbildhauers Roland Hotz (*1945). Das bewusst grob behauende, archaisch anmutende Kunstwerk – als federloser Flügel in seiner Formensprache an das australische Wurfholz erinnernd – vermittelt uns das Lehrstück der Ikarussage: Das im Mensch tief sitzende Streben nach etwas Höherem, Besserem und somit das Sich-Lossagen von irdischen Gesetzen und Regeln geht selten gut aus. Kurzum: Wer hoch fliegt, fällt tief. Eine eng mit dem Ikarusflug verwandte und gebräuchliche Redewendung lautet: «Hochmut kommt vor dem Fall.» Die Ikaruslegende war über Jahrhunderte hinweg Vorlage und Motiv für Künstlerinnen und Künstler.

Roland Hotz bedient sich geometrischer wie organischer Formen gleichermassen. «Ikarus» gehört zu Ersterem. Mit einer gezielten Oberflächenbearbeitung verleiht er seinen Kunstwerken ihre Profile. Beim «Ikarus» sind das insbesondere die regelmässig angeordneten Rillen an der zum Inseli weisenden Stirnseite. Aus Sicht des Künstlers ist dies eine bewusste Verletzung des Steins, zumindest bei denjenigen Arbeiten, welche Themen der Mythologie aufgreifen. Solche Helden als Standesvertreter unserer Kultur hätten ausgedient, sagt Hotz. Deshalb zerschlage er den Stein.

Aber ob auch ein Ikarus in seiner starken Symbolhaftigkeit ausgedient hat? Zumindest die Mahnung dahinter ist zeitlos weise, und wer wünscht sich schon ein Schicksal wie dasjenige unseres gescheiterten Flughelden...

In der Serie «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.


Login


 

Leserkommentare