Bereit für den Marathon

ROTKREUZ ⋅ Myriam Keiser (26) bewegt sich zwischen Strassenläufen und Bahnrennen. In der laufenden Saison verfolgt die Rotkreuzerin ein grosses Ziel. Im Zusammenhang mit ihrer Zukunft stellt sich eine Frage.

16. April 2019, 05:09

Raphael Biermayr

Es kann vorkommen, dass Myriam Keiser selbst bei Kilometer 16 eines Halbmarathons zu den Zuschauern winkt. Das war jedenfalls ihre Spontanreaktion während eines solchen Wettlaufs, als sie einen Bekannten am Strassenrand ausmachte, mit dem sie nicht gerechnet hatte. «Das Laufen macht mir Freude», sagt Keiser am Ende des Gesprächs mit unserer Zeitung in ihrer WG-Wohnung in Rotkreuz. Das ist bei ihren Äusserungen kaum zu überhören.

Die 26-Jährige fügte ihrem reichen Palmarès unlängst am Rotseelauf als Dritte einen weiteren Podestplatz hinzu: Topplatzierungen unter anderen am Murianer Herbstlauf, am Basler Frauenlauf, am Säuliämtler Chlauslauf, und auch am Swiss City Marathon – das klingt nach einer klassischen Volkslaufkarriere, reicht aber darüber hinaus. Denn Keiser ist auch Bahnläuferin, spezialisiert auf die 5000 Meter. Seit vier Jahren gehört sie der Laufgruppe von Trainer Rolf Fölmli im TSV 2001 Rotkreuz an. Ende März startete sie zur Schweizer Meisterschaft über 10000 Meter, die sie in 37:23 Minuten als 17. im Gesamtklassement und 15. Schweizerin beendete.

Von Susanne Rüegger erkannt

Dieser Wettkampf hat ihr einerseits eine besondere Freude bereitet: «Susanne Rüegger kam auf mich zu und sprach mit mir – sie kennt mich also.» Die Chamerin Rüegger ist seit Jahren die stärkste Zuger Langstreckenläuferin und war 2018 für die Marathon-EM aufgeboten, wo sie verletzungsbedingt aber nicht starten konnte. Andererseits hat die 10-km-SM Myriam Keiser Mut gemacht für die Saison 2019. Denn sie musste im November und Dezember wegen einer Fussverletzung länger pausieren – erstmals in ihrer Laufbahn. «Es war nicht einfach für mich. Zwei Monate ohne zu laufen, waren schwer auszuhalten», schildert sie. Wenigstens konnte sie auf den Rollen mit dem Rennvelo ein wenig trainieren.

Nun ist die drahtige Läuferin zurück, und verfolgt ein grosses Ziel: den ersten Marathonstart. Im Herbst in Berlin oder im Winter in Valencia soll es soweit sein. Als Arbeitstätige in einem 100-Prozent-Pensum – sie ist medizinische Praxisassistentin bei einem Hautarzt – bedürfen ihre Tage Struktur, um Training und Alltägliches darin unterzubringen. Zumal sie derzeit noch eine Weiterbildung absolviert. Ihr Chef und ihre Arbeitskolleginnen unterstützten sie aber, indem sie Rücksicht auf Trainingslager und Wettkämpfe nehmen würden. Zudem bestätigt Keiser eine Annahme: «Ich mag es, zu planen.» So joggt sie manchmal die Strecke von ihrem Wohnort Rotkreuz zu ihrem Arbeitsort nach Zug, um Zeit zu sparen respektive zu gewinnen. Früher hätte sie dabei Musik gehört, heute höre sie auf ihren Körper. Bei ihrer Tagesplanung ist es zudem von Vorteil, dass ihr Freund ebenfalls Läufer ist. Das bringt – neben gemeinsamen Dauerlauftrainings – auch Verständnis für das sportliche Engagement des anderen mit sich.

Sportliche Schwestern

Auch ihre Familie unterstützt Keiser. Wenn immer möglich sei sie an den Läufen dabei. Für die Eltern gilt dabei, mitunter Kompromisse einzugehen: Die jüngste Tochter Annja (25) ist eine erfolgreiche Geräteturnerin und die Wettkämpfe manchmal gleichzeitig. Auch Myriam Keiser betrieb zunächst Geräteturnen, ehe «im Alter die Beweglichkeit nachliess» und sie auf die Leichtathletik setzte. Auch hier hatte sie in ihrer Familie ein Vorbild: Ihre ältere Schwester Fabienne (28) war eine gute Läuferin sowie 2009 Schweizer Nachwuchsmeisterin im Speerwurf und 2011 Silbermedaillengewinnerin bei den Aktiven in jener Disziplin.

Myriam Keiser setzt sich Medaillen bei Schweizer Meisterschaften nicht zum Ziel, und sie liegen auch ausser Reichweite. Die Rotkreuzerin will in der aktuellen Saison ihre persönliche Bestzeit über 5000 Meter verbessern. Diese liegt bei 17:51 Minuten. Damit belegte sie in der vergangenen Saison Platz 18 in der Schweizer Bestenliste. Die Nummer eins, Fabienne Schlumpf, ist fast zweieinhalb Minuten schneller gelaufen. Den Schweizer Rekord hält seit 23 Jahren die legendäre Anita Weyermann (14:59). «Für mich ist der Sport Freizeit, der Beruf ist wichtiger», hält Keiser auf ihre Ambitionen angesprochen fest. Ihre Herausforderung dürfte folglich sein, den Balanceakt zwischen Spass und Leistungsanspruch zu meistern.

Isostar gegen das Zuckertief

Es stellt sich die Frage, ob sie bereit wäre, regelmässig über die Schmerzgrenze hinauszugehen. Sie ist auch deshalb schwierig zu beantworten, weil sie kaum je daran gestossen ist. Hochkonzentrierte Energiegels gegen Hungeräste kenne sie nur vom Hörensagen, und besondere Ernährungspläne hätte sie keine. Nur einmal hätte sie während eines Laufs ein Zuckertief erlitten, diesem konnte sie jedoch mittels Isostar Abhilfe leisten. «Auf Marathons werde ich sicherlich solche Gels brauchen», ist sich Keiser bewusst. Den wichtigsten Energieschub soll ihr aber nach wie vor die Freude verleihen.


Login


 

Leserkommentare