Anorexie: Hungern bis das Leben stillsteht - Betroffene berichten in der Bibliothek Zug

ZUG ⋅ Im Rahmen der Veranstaltung Living Library berichten vier Personen in der Bibliothek Zug über ihre Lebens- und Leidensgeschichte. Eine davon ist Nadine Fabig, die jahrelang mit einer Essstörung zu kämpfen hatte.

23. September 2020, 05:12

Cornelia Bisch

Cornelia Bisch

Nadine Fabig aus Zürich ist eine sympathische junge Frau mit lebhaften, klugen Augen. Von Ihrer fünf Jahre andauernden Krankheit Anorexie (Magersucht) sind keine bleibenden Spuren zurückgeblieben. «Zum Glück», sagt die 28-Jährige, die heute als Floristin und Kunsttherapeutin arbeitet und nebenbei Kunsttherapie studiert.

Am Ende siegte der Lebenswunsch:

«Ich wollte endlich raus aus dieser Opferrolle und entdecken, wer ich eigentlich bin.»

Damals war Nadine Fabig 18 Jahre alt und hatte eine fünfjährige, unfassbar schwere Leidenszeit hinter sich, die sie mehrmals an den Rand des Todes gebracht hatte. Über diese Zeit wird sie mit den Besuchern des Anlasses Living Library in der Bibliothek Zug sprechen, der in Kooperation mit dem Kantonalen Sozialamt, Fachstelle Integration, am 26. September stattfindet.

Mit allem überfordert

Im Alter von 13 ? Jahren hörte Nadine Fabig auf zu essen. Nicht von heute auf morgen, sondern in einem schleichenden Prozess. «Ich war jung und sehr scheu. Mein Körper begann, sich zu verändern, und ich war überfordert mit einfach allem.» Sie habe sich selbst enormen Druck gemacht und immer die Beste sein wollen, erzählt Fabig. Zusehends habe sie die Kontrolle verloren.

«Mein Essverhalten war das
einzige, was ich voll und ganz kontrollieren konnte.»

Obwohl sie nicht übergewichtig gewesen sei, habe sie angefangen, Diäten einzuhalten. «Es gab mir ein überlegenes Gefühl, so stark zu sein und zu wissen, dass andere essen müssen, ich aber nicht.» Manchmal habe sie einen richtigen Endorphinrausch erlebt. «Aber ich lag auch nächtelang wach, weil der Hunger mich nicht einschlafen liess.»

Vordergründig ging die Rechnung auf: Sämtliche Probleme wurden von den Gedanken ans Essen und Nichtessen verdrängt. «Ich hatte schlicht keine Zeit mehr für Probleme.»

Die Essstörung wird zur Identität

Das Mädchen verlor so rasant an Gewicht, dass ihr Zustand rasch auffiel. Eltern, Lehrer und Mitschüler sprachen sie darauf an und ermunterten sie zum Essen. Sie erfand allerlei Ausreden, um diesen Aufforderungen nicht Folge leisten zu müssen. «Meine Eltern reagierten schnell und schleppten mich zum Hausarzt», erinnert sich Fabig. Sie selbst habe aber partout nicht einsehen wollen, dass sie ein Problem habe. «Die Essstörung war zu meiner Identität geworden. Ich hatte Angst, dass man sie mir wegnehmen würde», erklärt sie mit beeindruckender Klarheit. Die Tagebucheinträge aus dieser Zeit erscheinen ihr heute nur noch absurd. Die junge Frau berichtet weiter:

«Es gibt Foren auf den Sozialen Medien, auf denen sich Anorexie-Kranke austauschen und Wettkämpfe veranstalten, wer es am längsten aushält ohne zu essen. Das ist total gestört.»

Andererseits habe sie dort auch das Gefühl bekommen, nicht allein zu sein mit ihrem Problem.

Der Kälte ausgesetzt

«Ich habe nicht nur nichts mehr gegessen, sondern auch nichts mehr getrunken», erzählt sie kopfschüttelnd. Denn ihrem Empfinden nach habe sich auch Wasser im Körper unangenehm angefühlt.

«Ich hatte sogar Angst davor, Lebensmittel anzufassen, weil ich glaubte, Kalorien könnten durch die Haut aufgenommen werden.»

Manchmal habe sie sich im Winter mit von der Dusche noch nassem Körper zwei Stunden lang vor offenem Fenster der Kälte ausgesetzt, um noch mehr Kalorien zu verbrennen. «Davon bekam ich eine Lungenentzündung, und das in diesem geschwächten Zustand.»

Schliesslich blieb Eltern und Ärzten keine andere Möglichkeit, als die inzwischen 14-Jährige ins Spital einzuweisen. Dort verbrachte sie zwei Monate bei psychologischer Betreuung, Ernährungsberatung und einem strikten Ernährungsplan. Kaum war sie jedoch wieder draussen, fiel sie in alte Verhaltensmuster zurück und magerte noch extremer ab als zuvor. Nadine Fabig stellt fest:

«Ich wog nur noch 33 Kilo.»

Bei einer Grösse von 153 Zentimetern entspricht das einem Body Mass Index von 14,1. Bei weniger als 17,5 gilt ein Kind als untergewichtig.

Sie fand Linderung in der Malerei

Der zweite Klinikaufenthalt folgte, diesmal dauerte er acht Monate. Die Teenagerin schloss Freundschaft mit anderen Betroffenen und fand die Malerei als Ausdrucksmittel. «Ich spürte rasch, dass das etwas für mich sein könnte.» Bald keimte der Wunsch in ihr auf, Malerei als Therapieform zu ihrem Beruf zu machen. Ein entscheidender Wendepunkt in ihrem Leben und ihrer Krankheit.

Trotzdem sollte es noch Jahre dauern, bis sie ihre Sucht würde hinter sich lassen können. Die junge Frau betont:

«Das Leben in der Klinik ist eine Sache, jenes draussen eine andere.»

Ihr malträtierter Körper wehrte sich gegen den erneuten Nahrungsentzug mit unkontrollierbaren Essattacken, welche die 15-Jährige in eine neue Abwärtsspirale aus Schuldgefühlen, Hunger, Angst und Schmerzen riss.

«In der ambulanten Therapie lernte ich, dass die einzige Lösung darin bestand, wieder regelmässig und beherrscht zu essen.» Leichter gesagt als getan ohne Hunger- oder Sättigungsgefühl und mit einem vollkommen zerrütteten Körpergefühl. Dieses wieder aufzubauen, bedeutete Schwerstarbeit für die tapfere Oberstufenschülerin, die ja nebenher auch noch den regulären Schulalltag bewältigen musste. «Das soll jetzt nicht wertend klingen, aber für andere Suchtkranke mit einer stoffgebundenen Abhängigkeit gibt es die Möglichkeit der vollständigen Abstinenz. Essgestörte hingegen müssen lernen, Tag für Tag mit ihrem Suchtmittel zu leben, denn es ist ja lebensnotwendig.»

Nadine Fabig fand Trost in der Kunst und im Wunsch, anderen in ähnlichen Situationen zu helfen. Sie wusste genau, dafür musste sie gesund werden.

Steiniger Weg zurück ins Leben

Schritt für Schritt ging sie ihren Weg, der gepflastert war mit Rückschlägen, Hindernissen, kränkenden Kommentaren der Umgebung, aber auch viel Unterstützung seitens von ihrer Familie, von Freunden, Lehrern und Therapeuten. «Mit der Zeit gewannen andere Dinge wie Freundschaften und Beziehungen oder die Ausbildung an Bedeutung, während die Sucht verblasste. Ich entdeckte eine ganz neue Welt.» Fabig lernte, mit Krisen umzugehen und diese auszuhalten im Wissen, dass sie vorübergehen würden und im Vertrauen darauf, stark genug zu sein, sie zu überwinden.

«Heute ist es so schön aufzuwachen und zu spüren: Es geht mir gut.»

Rückblickend empfindet sie Trauer darüber, so viele Jahre im Bann dieser Krankheit gestanden und viel verpasst zu haben. «Aber ich bin auch stärker geworden und habe meine Bestimmung im Beruf der Kunsttherapeutin gefunden. Irgendwie schliesst sich damit der Kreis.»

In der SRF-Sendung «Gesundheit heute», in der Nadine Fabig kürzlich ihre Geschichte erzählte, sagte sie:

«Wenn Worte fehlen, kann Kunst die Sprache sein.»

Der Anlass «Living Library» findet am Samstag, 26. September in der Bibliothek Zug statt. Als Gäste sind vor Ort: zwei Frauen mit Essstörungen, ein Sektenaussteiger und ein Familienvater, der als Flüchtling in die Schweiz kam. Die Gespräche beginnen um 13.30, 14.10, 14.50 und 15.30 Uhr. Eine Reservation per E-Mail an bibliothek@stadtzug.ch ist empfehlenswert. Die Teilnahme ist kostenlos.


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