30 Jahre Kunsthaus Zug: Der Direktor blickt auf abwechslungsreiche Jahre zurück

ZUG ⋅ Die Institution in der Stadt Zug wurde 1990 eröffnet. Seither wird sie von Matthias Haldemann (57) geleitet – und er hat ihr Profil verliehen. Die Pandemie hat ihn vor neue Herausforderungen gestellt.

13. Januar 2021, 18:11

Monika Wegmann

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Sie und Ihr Team haben das Jubiläum bestimmt anders geplant.Matthias Haldemann: Wir freuten uns auf die grosse Richard-Gerstl-Ausstellung und das Fest zum 30-Jahr-Jubiläum des Kunsthauses Zug an der Dorfstrasse. Seit dem Lockdown planen wir immer wieder um und haben als Ersatz zwei Sammlungsausstellungen gemacht. Wird das Fest in diesem Jahr nachgefeiert?Wir möchten das Jubiläumsfest am 19. Juni nachholen. Es soll vor allem draussen stattfinden im Hof, im Garten und im Daheimpark und so die Stadt einbezogen werden.Anscheinend nehmen Sie die Situation mit Humor. Dies zeigt die originelle Lichtinstallation der Konzeptkünstlerin Bethan Huws an der barocken Fassade.Das Werk war zum Jubiläum gedacht und konnte vor Weihnachten in die neblig dunkle Stadt leuchten und hoffentlich etwas erheitern. Bekanntlich braucht man den Humor in schwierigen Zeiten ganz besonders. Was hat sich in den 30 Jahren markant verändert?Sehr viel. Ich durfte als junger Kunsthistoriker in einem fast leeren Haus beginnen und seine Entwicklung mitgestalten. Wir hatten damals nur eine kleine Sammlung, heute könnten wir das Haus rund 15-mal mit eigenen Werken bespielen; die Sammlung greift auch in die Stadt, mit Tadashi Kawamata bis ins Brüggli-Gebiet, mit Pavel Pepperstein bis in die Strafanstalt, mit Roman Signer bis auf den Seegrund...Das kleine Haus ist heute wie ein grosses in verschiedenen künstlerischen Bereichen aktiv, ausserdem in der Kunstvermittlung, Forschung und im Leihwesen. Es ist lokal ebenso verankert wie global vernetzt.Wie offen ist die Zuger Kunstgesellschaft nach Ihrer Erfahrung?Dank der künstlerischen Entwicklung in verschiedenste Richtungen und dank der 1998 als Dauerleihgabe ins Haus gekommenen Sammlung der Stiftung Kamm mit dem Schwerpunkt Wiener Moderne und klassische Moderne durften wir kontinuierlich ausbauen. Das war nötig, da man 1990 in Zug mit grossem Rückstand auf die anderen Kantone mit einem eigenen Haus professionell mit bescheidenen Mitteln startete. Der Betrieb ist seither auch personell gewachsen.Aus Spargründen konnte die Stelle für Kunstvermittlung nicht besetzt werden, dafür mussten wir fünf Jahre «kämpfen». Heute besuchen pro Jahr rund 2000 Schulkinder die Workshops unter der Leitung von Sandra Winiger, die mit dem Team eigene Projekte durchführt, auch mit Erwachsenen, mit Menschen mit Behinderung, mit Flüchtlingen, der Spitex etc. Ich erinnere an das Grossprojekt «The Ship of Tolerance» von Ilya und Emilia Kabakov, das mit 100 Klassen und 50 Partnern aus dem Kanton realisiert wurde und im Internet über eine Million Follower hatte. Die «Financial Times» und «Washington Post» berichteten darüber.Welche Ziele hatten Sie damals, und sind diese erreicht?Damals wünschte ich mir das Kunsthaus als Ort der Begegnung, wollte künstlerische Installationen zeigen und versuchen, neue Wege zu bestreiten. Das liess sich dank des offenen Vorstands, der Behörden und des wunderbaren Teams umsetzen. Bis heute ist mir die Verbindung von Innovation und Kontinuität wichtig, aber auch von innen und aussen, von Kunst und Leben.Moderne Kunst hat es in der Bevölkerung nicht einfach. Wie sind Ihre Erfahrungen?Die zeitgenössische Kunst hat es heute in Zug einfacher als vor 30 Jahren. Es gibt eine ausgezeichnete offizielle Förderung und engagierte Galerien. Seit 1996 arbeiten wir mit Kunstschaffenden für Sammlungsprojekte zusammen. Besonders das Wirken von Tadashi Kawamata in Zug war wichtig und sorgte bei der Bevölkerung für mehr Verständnis. Wir vermitteln zeitgenössische Kunst nicht nur hier, sondern als einziges Schweizer Museum auch in der Stadt. So durfte ich für den neuen Bahnhof beitragen, dass James Turrell die grosse Lichtinstallation machen konnte. Zeitgenössische Kunst ist in der Stadt populär geworden, denken Sie auch an die Besucher der «Seesicht»-­Skulptur von Roman Signer. Gibt es neue Anschaffungen? Welcher Schwerpunkt wird in Zukunft verfolgt?Mit Mitteln der Stadt und der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug dürfen wir seit Jahrzehnten die eigene Sammlung mit mehreren Schwerpunkten aufbauen. Unsere Kontinuität hat zu grossartigen Schenkungen, auch von Privatsammlungen, geführt – aus Zug, Cham und Oberägeri, aber auch aus Aarau, Basel, Berlin, Gombosszeg, Hergiswil, Luzern, Moskau, New York, Richterswil, St.Gallen, Zürich...Für die erweiterte Sammlung bauen wir im Daheimpark zum Jubiläumsfest eine Holzinstallation von Thomas Schütte aus Düsseldorf, die zum Verweilen einlädt.Ist das barocke Gebäude ein guter Rahmen auch für die Moderne Kunst?Die historische Anlage wurde von Franz Füeg zu einem modernen Museum mit hellen Räumen umgebaut, das beliebt ist. Natürlich ist darin vieles nicht möglich. Aber wir schätzen die Spannung von Alt und Neu. Auch Künstler reagieren kreativ auf die Gegebenheiten. Wir haben mit Olafur Eliasson auch schon einen Teil des Burgbachs durch das Kunsthaus umgeleitet und es später mit 60 Tonnen Lava gefüllt, die Natur also ins Museum gebracht.Wie steht es mit der geplanten Erweiterung, und wo ist sie möglich?Eine räumliche Erweiterung und Erneuerung ist dringend notwendig: Um mehr Platz für die Sammlung zu haben, ohne auf Wechselausstellungen zu verzichten, auch für Besucher und Team, für eine grössere Garderobe, einen Workshopraum mit Tageslicht für Schulen, eine Werkstatt für die Mitarbeitenden, ein geräumiges Depot und so weiter. Wir platzen aus allen Nähten und haben ausserhalb des Hauses Räume zugemietet. Ich bin überzeugt, dass eine attraktive Erweiterung am bestehenden Standort machbar ist. Sobald die Planungen weiter sind, werden wir darüber berichten. Warum gibt es viele Ausstellungen mit thematischen Schwerpunkten?Das ist konzeptionell bedingt, hat auch mit Corona zu tun. Wir waren eines der ersten Schweizer Kunstmuseen, das alle Aktivitäten mit der Sammlung innovativ verband, um das Hier und Jetzt zu stärken und der Austauschbarkeit des Wechselausstellungsbetriebs zu begegnen. Unsere Sammlung bildet nicht nur die Kunstgeschichte in Ausschnitten ab, sie hat ihre eigene Geschichte. Sie ist als Prozess spürbar, der auch in die Stadt führt und wieder zurück ins Museum, der zur Musik und Literatur führen kann, zur Mode sogar, der aber auch die Frage nach dem Bild von Zug immer wieder stellt.Erfolgt weiterhin ein Austausch mit anderen Museen, um ein Thema zu erweitern? Die grosse, mehrmals verschobene Richard-Gerstl-Ausstellung, die im Mai gezeigt werden soll, entstand in mehrjähriger Forschungskooperation mit dem Leopold Museum in Wien. Die Ausstellung des aus dem Kanton Zug stammenden Fotografen Lukas Hoffmann wurde auch in Biel und im französischen Cherbourg gezeigt, beim Jubiläumsfest werden Studierende der Kunsthochschule Basel kochen. Mit der ETH Zürich erarbeiten wir eine besondere Software für die Kunstvermittlung.Wie ist das Haus national und international positioniert?Wir haben national ein eigenes Profil, das zunehmend international wahrgenommen wird. Deshalb kommen grossartige, auch berühmte Kunstschaffende aus Berlin, New York, Wien oder Düsseldorf nach Zug.Wird das Kunsthaus heute in der Region mehr beachtet als früher? Ja, das ist kein Vergleich. Zudem hat die Zuger Kunstgesellschaft, die das Haus führt, rund 1000 Mitglieder.Sie haben dem Kunsthaus Profil verliehen, sind Autor von Kunstbüchern. Woher schöpfen Sie ihre Motivation?Ich komme aus einem Berufsmusikerhaus und habe die Kunst zu einem wichtigen Teil meines Lebens machen dürfen. Kunst ist für mich Dialog mit Menschen aller Art. Den Dialog zu fördern und zu erfahren, ist für mich ein Gewinn, Tag für Tag. So ist das Kunsthaus Zug stets unterwegs. Es zu führen, ist für mich ein Abenteuer und ein Privileg wie am ersten Tag. Die nächste Ausstellung «ZuZug aus Osteuropa» steht bereits in den Startlöchern. Was wünschen Sie sich und dem Kunsthaus?Dass wir alle gesund durch die Krise kommen und dazu einen kulturellen Beitrag liefern können.

Matthias Haldemann (57) ist seit 1990 als Kunsthistoriker und Direktor im Kunsthaus Zug tätig. Er ist Autor zahlreicher Sachbücher zur Modernen Kunst. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, er lebt mit seiner Familie in Edlibach.


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