Der letzte erlegte Bär hinterlässt heute noch Spuren

ISENTHAL ⋅ Vor 200 Jahren wurde er getötet. Im Tal sorgt er immer noch für Gesprächsstoff – vor allem dank den seinen Pranken und dem Bärenweg.

29. Mai 2020, 05:12

 

Markus Zwyssig

Am 29. Mai 1820, also genau vor zweihundert Jahren wurde der letzte Isenthaler Bär nur rund 500 Meter hinter dem Dorf, eingangs Kleintal am Fusse des Uri-Rotstocks erlegt. Noch immer gibt es im Dorf eine besondere Erinnerung daran: die Pranken des getöteten Tiers. Lange Zeit hingen die Bärentatzen ungeschützt am Eingang des Hauses des Schützen, jetzt sind sie vis-a-vis der Posthaltestelle im Schaufenster zu sehen. Und diese Pranken sind wohl auch der Grund, dass man die Bärenjagd bis heute nicht vergessen hat. «Die sind immer noch imposant anzuschauen, auch wenn sie durch das Präparieren kleiner geworden sind», sagt Wildhüter Oskar Bissig.

Der Bär im Isenthal ist nicht der letzte, den man im Kanton Uri erlegt hat. Im Etzlital würden sechs Jahre später zwei Tiere geschossen. Dies ist aber in den Köpfen der Bevölkerung viel weniger stark in Erinnerung geblieben. Bissig vermutet, dass die Bärenpranken im Isenthal der Grund dafür sind. «Wenn die Spuren des Bären nicht mehr sichtbar sind, ist er schnell wieder vergessen.»

Bär kehrt in die Schweiz zurück - Bärenweg erhält zusätzlichen Aufwind

Die Waffe, mit dem der Bär vor 200 Jahren getötet worden ist, gibt es ebenfalls noch. Hans Infanger zeigt das Gewehr mit dem sein Ur-Ur-Grossvater Anton Johann Josef Infanger den letzten Bären des Isenthals erlegt haben soll. «Dieser Vorderlader funktioniert eigentlich noch heute», sagt Infanger. Sein Ur-Ur-Grossvater sei ein sicherer Schütze gewesen, ist er überzeugt. «Mit den heutigen Waffen kann man viel einfacher ein Tier erlegen.»

Vor 16 Jahren hatte man in Isenthal die Idee zur Schaffung eines Bärenwegs. 2004 ergriff Isenthal Tourismus die Initiative für einen Lehrpfad - übrigens den ersten in der Schweiz. 100 Jahre waren seit der Ausrottung des Bären in der Schweiz vergangen. Doch der Bär kehrte in die Schweiz zurück. Ende Juli 2005 wurde am Ofenpass ein erster Bär gesichtet. Kurz zuvor war in Isenthal der erste Bärenweg der Schweiz eröffnet worden. Der Erlebnisweg, der Verständnis, aber auch Respekt für Meister Petz wecken will, fand Anklang. Er wurde seither von Hunderten von Kindern und Erwachsenen erkundet.

Wie gross ist die Angst vor dem Bären? Wildhüter Bissig sagt, der Wolf bereite viel mehr Probleme als der Bär. «Wölfe haben in Uri in der Vergangenheit Dutzende von Schafen gerissen», gibt Bissig zu bedenken. «Der Bär hingegen ernährt sich vor allem vegetarisch und frisst Fleisch von Aas.»

Der Bär sei in der Regel ein scheues Tier und es komme nicht zu Übergriffen auf den Menschen. Problematisch werde es erst, wenn er sich an den Menschen gewöhne. In Uri wurde der Bär in den vergangenen Jahren vor allem im Schächental und im Maderanertal gesehen, respektive es wurden Spuren entdeckt. 2017 hat ein Bär in Silenen ein Bienenhaus beschädigt. Darauf wurde ein Elektrozaun montiert und es kam zu keinen weiteren Schäden.

«Der Bär hielt sich vor allem im Hochgebirge auf», sagt Wildhüter Bissig. Erstaunlich sei auch gewesen, dass man während der Jagdzeit keine Hinweise hatte, wo sich der Bär befand. «Er hat einen sehr guten Geruchsinn und er kann sich trotz seiner Grösse sehr gut verstecken.» Bären legen grosse Distanzen zurück. Seit längerem hat man in Uri Meister Petz nicht mehr gesichtet. Auf dem Bärenweg kann man aber weiterhin seinen Spuren folgen.

Eine Hetzjagd wurde dem Bär zum Verhängnis

Karl Franz Lusser, ein Zeitzeuge der Bärenjagd von 1820, hinterliess die folgenden Aufzeichnungen: «Ein Bub entdeckt den Bären im Siti und hält ihn für den ‘Flühlerteufel’, womit man dort die Kinder schreckt. Sein Meister erkennt den Bären, wird fast ohnmächtig, sofort eilen 14 Mann aus dem Dorf auf die Jagd. Kirchenvogt Infanger tut den ersten Schuss, der Bär brüllte, dass die Felsen erbebten und gab einen Gestank von sich, den man im Dorfe roch.

Er rollte in den Bach hinab, wo er durch zwei weitere Schüsse erlegt wurde. Am kommenden Tag brachte man ihn im Triumph nach Altdorf, er wog 265 Pfund, er hatte nichts im Magen, aber im Darm noch Schafwolle. Im Kiefer war eine alte Kugel eingewachsen von einem früheren Jagdversuch. Der Pelz sei graubraun gewesen, die Extremitäten aber dunkelbraun. Das Fleisch, wovon ich gebraten auch verkostete, war weiss, aber ekelhaft süsslich.»


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