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Zug

Drei Zuger erzählen ihre Geschichten und Kantonsarzt Rudolf Hauri blickt auf eine turbulente Zeit zurück

Mitte März jährt sich der erste Lockdown. Seither hat sich das Leben im Kanton Zug für alle stark verändert. Eine Zugerin und zwei Zuger erzählen von ihrem Coronajahr. Dazu der Rückblick mit Kantonsarzt Rudolf Hauri.
Pascal Lötscher
Maggie Lüönd
Werner Uttinger

Linda Leuenberger

Linda Leuenberger

Linda Leuenberger

Pascal Lötscher (38), Finanzbuchhalter, Rotkreuz

«Da ich mit meinem Bluthochdruck und schwachen Immunsystem zu den Risikopatienten gehöre, habe ich schon zu Beginn der Coronakrise den Kontakt zu anderen Personen eher gemieden. Als ich dann im August positiv auf das Coronavirus getestet wurde, überraschte mich das sehr.

Acht Wochen lang ging es mir sehr schlecht, erst ab Oktober ging es wieder ein wenig bergauf. Ich war so müde, dass mir schon nur Treppensteigen grosse Mühe bereitete. Der Geruchs- und Geschmackssinn ist bis heute nicht mehr so ausgeprägt wie vorher. Zudem konnte ich bei der Arbeit kaum mehr fokussieren und mich nur noch schlecht organisieren. Ohne die Hilfe meines Arbeitgebers und vor allem meines direkten Vorgesetzten hätte ich meinen Arbeitsalltag nicht mehr bewältigen können. Mein bester Freund hat mir zudem immer Essen vorbeigebracht. Er hat es jeweils draussen hingestellt und ich konnte es reinholen, sobald er weg war.

Als ich die angeordnete Quarantäne hinter mir hatte, ging es mir immer noch nicht gut. Ich habe sie deshalb freiwillig verlängert. Was in dieser zweiten Quarantäne passiert ist, nagt noch heute an mir: Eines Nachmittags ist mein bester Freund vorbeigekommen und wir haben auf der Terrasse ein Bier getrunken. Wobei er auf der Terrasse sass und ich mit fünf Metern Abstand drinnen im Wohnzimmer. Nach so vielen Quarantänetagen haben mir die sozialen Kontakte einfach gefehlt. Ein paar Nachbarn scheinen uns lachen gehört zu haben und haben in einem Gruppenchat über uns gelästert und uns beschimpft.

Kurze Zeit später – mein Freund war schon weg – standen zwei Polizisten in Schutzanzügen vor meiner Tür und beschuldigten mich, gegen die Coronarichtlinien verstossen zu haben. Jemand aus der Nachbarschaft hatte mich verpetzt, nicht wissend, dass ich meine verordnete Quarantäne bereits hinter mir hatte und mein bester Freund und ich mehr als vorsichtig gewesen sind. Dieser Ansicht waren dann glücklicherweise auch die Beamten, da mein Freund die Geschehnisse telefonisch bestätigen konnte und die Einhaltung der Richtlinien durch einen weiteren Zeugen bewiesen werden konnte. Es hat keine Anzeige gegeben. Eine Entschuldigung von Seiten der Nachbarn kam nie.

Corona hat mich gelehrt: In schlechten Zeiten realisiert man, wer die wahren Freunde und Unterstützer sind.»

Die Coronachronologie

Maggie Lüönd (64), Teamleiterin Pflege, Altersheim Chlösterli Unterägeri

«Dieses Coronajahr war unschön. Und es ist immer noch nicht schön, auch wenn wir wohl das Schlimmste überstanden haben. Der grösste Einschnitt bei der Arbeit war für mich – und auch für die Senioren – die Maskenpflicht. Gerade beispielsweise dann, wenn wir Hilfestellung beim Duschen leisten. Auch die Verständigung ist bedeutend schwieriger.

Generell sind die Arbeitsschritte seit dem ersten Lockdown stark erschwert. Gerade wenn beispielsweise ein Arzt hinzugezogen oder Tests gemacht werden müssen. Zu einer isolierten Person dürfen wir zudem nur in Schutzanzügen.

Ende November, Anfang Dezember musste das ganze Altersheim zehn Tage in Quarantäne. Und als wäre das nicht genug, gab es dann nochmals zehn Tage obendrauf. Die Bewohner mussten auf ihren Zimmern bleiben und wir brachten ihnen das Essen vorbei. Es kam auch vor, dass jemand weinte. Viele Bewohnende fühlten sich eingesperrt und beschwerten sich, dass man über ihre Köpfe hinweg entscheidet. Andere waren traurig, dass man ihnen die letzten Jahre ihres Zusammenseins wegnehme. Auch das Besuchsverbot wirkte sich für die Bewohnenden sehr belastend aus. Was sagt man in solchen Fällen? Ich habe immer mein Verständnis ausgedrückt, habe aber auch gesagt, dass wir da halt jetzt durch müssen. Gemeinsam. So mussten wir auch vermehrt psychische Unterstützung bieten.

Das nagt an einem. Ich habe das Glück, einen sehr verständnisvollen Mann zu haben, mit dem ich über alles reden kann. Und wir haben wirklich viel geredet in diesem vergangenen Jahr.»

Zuger Kantonsarzt: «Die Bevölkerung soll sich gut Sorge tragen»

Werner Uttinger (89), Bewohner Chlösterli Unterägeri

«Ich hatte zwar Corona, allerdings habe ich davon gar nichts gemerkt. Meine Lebenspartnerin, mit der ich in einer 2,5-Zimmer-Wohnung lebe, blieb negativ. Trotzdem verbrachten wir natürlich mindestens zehn Tage in unserer Wohnung in Quarantäne. Diese Zeit ist mir aber nicht in schlechter Erinnerung: Wir haben zusammen Spiele gespielt, uns ausgeruht, Radio gehört oder gemalt. Im Sommer haben wir oft mit dem Auto Ausflüge unternommen – wir fuhren nach Einsiedeln oder um den Rigi herum.

Im Chlösterli haben wir viele Schutzmassnahmen. Wir tragen alle Masken und dürfen nur noch stockweise unten in der Cafeteria essen gehen. Der Austausch mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern fehlt mir manchmal schon. Aber es gibt immer wieder Dinge, die wir pro Stock gemeinsam machen können. Kürzlich haben wir Ostereier bemalt.

Das Chlösterlipersonal macht seine Arbeit wahnsinnig gut. Ich möchte ihnen an dieser Stelle ein Kompliment aussprechen. Sie haben uns auch die Fasnacht ins Haus gebracht. Natürlich nur in kleinem Rahmen, aber es gab Musik, wir haben uns verkleidet, getanzt und etwas Wein getrunken.

Ich habe das Gefühl, dass ich vor dem Virus nie Angst haben musste. Jetzt, da meine Partnerin und ich beide geimpft sind, fühlen wir uns noch sicherer.»

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