Drohne wird zu Schutzengel für Rehkitze – so wollen zwei Luzerner und ein Obwaldner helfen

OBWALDEN ⋅ Bei Mäharbeiten sind Bambis tödlicher Gefahr ausgesetzt. Ein Sarner Jugendlicher will im Rahmen eines Schulprojekts helfen.

02. Juni 2020, 05:12

Marion Wannemacher

Marion Wannemacher

Severin Waser, Gajenth Parameswaran und Tim Gautschi sind bereit. Sie haben sich an einem Feld in Sarnen unweit der Autobahn mit ihrer Ausrüstung bei einer Scheune niedergelassen. Die Wiese steht im hohen Gras. Die drei Absolventen der Wirtschaftsmittelschule Luzern wollen eine Rehkitz-Rettung simulieren.

Der 16-jährige Severin aus Sarnen verschwindet hinter einem Siloballen aus dem Blickfeld und versteckt sich. Tim Gautschi startet seine Drohne und schaut gebannt auf das Display seines Handys, das mit der Kamera am Flugkörper gekoppelt ist. Die Drohne surrt über das Feld. «Da ist er schon», freut sich Tim und zeigt auf Severin auf seinem Bildschirm. Severin liegt geduckt im Gras. Wenige Meter davon steht Gajenth, bereit zum Rettungseinsatz. «Wenn es sich um ein echtes Reh handeln würde, könnte ich eine Kiste über das Tier stülpen oder es mit Handschuhen und Grasbüscheln forttragen, um es vor der tödlichen Mähmaschine zu retten», sagt er.

Wärmebildkamera ersetzt lange Fusswege

Die drei Schüler stehen im ersten Jahr ihrer KV-Ausbildung an der Wirtschaftsmittelschule. Ihre derzeitige Aufgabe ist, Konzept und Strategie eines realen Projekts im Crowdfunding umzusetzen. Im Internet fand der 15-jährige Tim Gautschi aus Beromünster ein ähnliches Projekt der Revierjagd in St. Gallen, das alle inspirierte. Mittels Wärmebildkameras wollen die Jugendlichen Rehkitze auffinden. «Damit wären wir schneller, als wenn jemand das Feld zu Fuss absuchen müsste. Ausserdem würden wir so auch nicht das Gras zertrampeln», sieht der 16-jährige Gajenth aus Sursee klare Vorteile in ihrer Methode. Severin Waser:

«Unser Ziel ist Menschen für den Tierschutz zu sensibilisieren».

Seit dem 10. Mai ist ihr Projekt auf einer Crowdfunding-Plattform online. Als Minimum möchten die Jugendlichen 6000 Franken zusammenbekommen. «So viel kostet eine professionelle Drohne mit Wärmebildkamera plus Ausrüstung», erklärt Severin. Eigentlich wäre ihr Ziel aber mindestens zwei Drohnen einsetzen zu können, um Einsätze zu koordinieren. Tim, dessen Drohne ohne Wärmebildkamera beim Demo-Versuch zum Einsatz kam, hat kräftig trainiert. «Es geht darum, Felder einzuscannen, Routen abzufliegen und entsprechende Apps zu testen und Weg-Punkte zu markieren», berichtet er.

500 Franken wurden bislang gespendet

Mit dem Sammeln von Geld ist es für die drei Jugendlichen nicht getan. «Wir wollen das Angebot in der ganzen Zentralschweiz selber durchführen, Geld wollen wir nur für die Anfahrt annehmen», betonen sie. Bei Anfragen wollen sie sich notfalls schulfrei genehmigen lassen. Auch im kommenden Jahr planen sie die Aktion fortzusetzen, bekräftigen die drei. Und wenn aus dem Projekt nichts wird? «Dann können wir auch privat, ausserhalb der Schule ein Crowdfunding starten», findet Gajenth.

Bisher kamen 500 Franken zusammen. Da sich der Druck der Flyer verzögert habe, hoffen die Jugendlichen nun auf durchschlagenden Erfolg. Ausserdem nutzen sie soziale Medien. Sie haben sich vorgenommen, Bauernverbände zu kontaktieren. «Wir arbeiten daran, unsere Reichweite zu erhöhen», hält Severin Waser fest. Die Reaktionen von Freunden und Familien seien zumindest schon mal sehr positiv ausgefallen, freuen sich alle. Auch der Lehrer unterstützte sie. «Und der Bauer, bei dem wir um Genehmigung für die Wiese gebeten haben, fand es jedenfalls eine coole Sache», sagt Severin.

Kadaver der Rehkitze vergiften Heuernte

Pro Jahr sterben zwischen 1500 und 3000 Rehkitze durch die scharfen Messer der Mähmaschinen. Vermutlich ist die Dunkelziffer um einiges höher. Wenn ein Tier in den Mäher kommt, ist es nicht nur für die Landwirte ein unschönes Erlebnis. Es bedeutet auch Gefahr für deren Tiere im Stall: Denn wenn Kadaver von Tieren ins Silo geraten, bilden deren Reste im Silofutter Toxine, welche die Nahrung der Nutztiere vergiften.

Hinweis: Mehr Informationen gibt es unter www.crowdify.net

«Gute Sache» aber «kostspielig» sagen die Fachleute

Bereits gibt es im Kanton Nidwalden einzelne Einsätze von Drohnen mit Wärmebildkameras, bestätigt Fabian Bieri, Leiter Jagd und Fischerei auf Anfrage. Genaue Zahlen werden vom Kanton nicht erfasst. In Obwalden habe der Kanton zu Testzwecken sogar eine Drohne gekauft, erklärt Cyrill Kesseli, Jagdverwalter im Amt für Wald und Landschaft. «Diese gelangt derzeit in der Gemeinde Alpnach zum Einsatz. Sie wird von einem ausgebildeten Drohnenpiloten bedient, der jeweils von zwei sachverständigen Jägern begleitet wird.» Weitere Drohnen würden von den Hegegemeinschaften Alpnach, Kerns und Giswil eingesetzt sowie einer Privatperson ebenfalls in Alpnach.

Sowohl Fabian Bieri als auch Cyrill Kesseli halten die Suche von Kitzen mit Drohnen für eine gute Ergänzung zu den konventionellen Methoden mit Verblenden oder systematischer Absuche oder vor dem Mäher herzulaufen. Beide Fachleute sehen aber auch die Einschränkung der Suche mit der Wärmebildkamera. «Sie ist nur bedingt einsetzbar, am Morgen früh oder spät am Abend, an heissen Tagen bringt sie nicht so gute Resultate. Dann zeigt sie auch andere Objekte, wie beispielsweise Steine an. Plötzlich wären da lauter Rehkitze, die es gar nicht gibt», erklärt Bieri. «Es ist eine gute Sache, aber nicht das Ei des Kolumbus», lautet sein Fazit.

Laut Cyrill Kesseli gibt es aber noch einen Grund, warum Drohnen nicht häufiger eingesetzt werden. Diese seien kostspielig und müssten von ausgebildeten und versierten Drohnenpiloten bedient werden, die sich von Ende April bis Mitte Juni in den sehr frühen Morgenstunden Zeit für die Rehkitzrettung nehmen könnten. Auch seien neben dem Piloten noch weitere fachkundige Personen nötig, um die Kitze zu sichern und innert nützlicher Frist wieder zu entlassen. Sicher sei unter Einhaltung aller Voraussetzungen Hilfe in einigen Gemeinden willkommen, vermutet Kesseli. Allerdings setze die Arbeit auch Mobilität voraus, um das gesamte Material schnell von Ort zu Ort zu transportieren. Am Einsatztag sei die Zeit knapp, das müsse es zügig von A nach B gehen. Ausserdem wollten häufig die Landwirte zur gleichen Zeit mähen, ergänzt sein Nidwaldner Kollege. Dann brauche es sehr viele Helfer gleichzeitig.


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