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Gastkolumne Stadtentwicklung

Mission Hitzeminderung – und was Städte wie Luzern dafür tun können

Der Hitzesommer 2022 zeigt schonungslos, wie Städte zu mitunter gefährlichen Hitzeinseln mutieren. Es braucht deshalb weniger Beton und mehr entsiegelte Flächen. 

Im August herrschte Heisszeit in der Stadt: Hunde, die ihre Pfoten am heissen Asphalt verbrennen, verdorrte Kastanienbäume, gelbe Wiesen, leere Plätze und schattensuchende Menschen. Hitzetage schädigen die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen. Kühlung im Siedlungsraum wird im Sommer zur Überlebensstrategie, weisen Studien doch nach, dass nach Tropennächten deutlich mehr Menschen sterben. Hitzeminderung, so heisst das Fachwort, ist das zentrale Puzzleteil im Big Picture einer nachhaltigen und klimaangepassten Stadt, weil es Themen wie Schwammstadt, Verdichtung und Mobilität zusammenhält.

Wie entsteht Hitze in der Stadt? Die Zutaten des gefährlichen Cocktails liegen auf der Hand. Ein hoher Grad von versiegelter Fläche, enge Bauweise, hitzereflektierende Materialien und Farbgestaltungen, verbaute Kaltluftschneisen und zu wenig Grünflächen führen dazu, dass die Stadt sich aufheizt und in eine Hitzeinsel verwandelt. Lange Zeit war die Kombination aus Beton und gezähmter Natur Ausdruck einer qualitätsvollen Urbanität. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Klimaanpassung ist eines der zentralen Themen der Stadtentwicklung. Das Prinzip ist einfach: «Grün und Blau statt Grau», wie es Martin Neukomm, der Baudirektor des Kantons Zürich, formuliert. Die Umsetzung dagegen kommt einer Herkulesaufgabe gleich. Gilt es doch nicht weniger und mehr als einen massiven Stadtumbau in weitgehend bestehenden Strukturen zu bewerkstelligen. Stellen wir uns vor, was es für Luzern bedeuten würde, wenn wie in Paris 40 Prozent der asphaltierten Flächen entsiegelt werden und ein Viertel der Stadtfläche durch Baumkronen verschattet werden sollte, wie es der Plan von «Grün Stadt Zürich» vorsieht.

Vom Park zum Teich zum Park

Warum Entsiegelung? Wasser ist mittlerweile ein rares Gut, und wir müssen mit jedem Tropfen, auch Regenwasser, haushälterisch umgehen. Das Prinzip heisst Regenwasserbewirtschaftung statt Entwässerung. Wasser wird bewusst zurückgehalten und dann genutzt, wenn es benötigt wird. So könnten in Luzern zum Beispiel Freiflächen in Parks umgewandelt werden, die sich bei Starkwetterereignissen in einen Teich verwandeln, ohne dass dadurch Schaden entsteht.

Vor lauter Stadt die Bäume nicht sehen

Eine andere natürliche Klimaanlage sind Bäume. Sie spenden Schatten, tragen durch die Verdunstung von Wasser zur Kühlung bei und filtern dazu noch die Luft. Leider werden aber immer noch in vielen Gemeinden Quartiere mit zu wenig Grün- und Wasserflächen neu gebaut. Es bleibt zu hoffen, dass sie die letzten ihrer Art sind. Im Bestand hingegen ist die Herausforderung enorm, Raum für Bäume zu finden, benötigen sie doch ein Bewässerungssystem und vertragen sich schlecht mit Tiefgaragen, Leitungen und Kanalisation. Darüber hinaus ist auch in Städten viel Grund Privatbesitz, auf dessen Bepflanzung die Gemeinde keinen Einfluss hat.

Dicht und doch luftig bauen

Eine weitere Herausforderung liegt darin, die Forderung nach einer dichten Bauweise zu vereinen mit der Notwendigkeit, Gebäude so zu positionieren, dass die Baustruktur die kalte Luft durchlässt, vor allem, wenn grössere und höhere Arealüberbauungen geplant werden. Eine klimaangepasste Stadt benötigt Planerinnen, Architekten und Landschaftsarchitektinnen mit dem dafür notwendigen Bewusstsein und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Auch gehört das Thema Klima künftig in die Grundausbildung des Architekturstudiums.

Halten wir fest: Die Mission Hitzeminderung erhöht die Lebensqualität und Gesundheit in unseren Siedlungsräumen. Sie bietet Chancen, vergangene Fehler zu beheben und eine Stadtentwicklung nicht gegen die Natur, sondern im Einklang mit ihr zu gestalten. In der Verantwortung künftiger Generationen stehend, haben wir keine Zeit mehr zu verlieren. Denn sonst, so schreibt der «Economist» schonungslos, wird dieser Sommer für die jüngere Generation einer der kühleren gewesen sein.

Peter Schwehr ist Leiter des Kompetenzzentrums Typologie & Planung in Architektur der Hochschule Luzern – Technik & Architektur.

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