Wie eine koreanische Pop-Band Touristen nach Luzern locken soll

LUZERN ⋅ Die koreanische Girlgroup Red Velvet weilt gerade in der Schweiz. Im Auftrag von Schweiz Tourismus drehen sie ein Werbevideo. Während sie hier beinahe unerkannt bleiben, wird ihre Reichweite in Korea benutzt, um die Schweiz zu vermarkten.

19. September 2019, 19:19

Jonathan Biedermann

Jonathan Biedermann

Red Velvet heissen die derzeitigen Botschafterinnen des Schweizer Tourismus. In Korea geniessen die fünf Mitglieder der K-Pop-Band grösste Aufmerksamkeit. Dass ihr erfolgreichster Youtube-Hit 200 Millionen Mal angeschaut wurde, spricht für sich. In der Schweiz geniessen sie hingegen die Ruhe. Allerdings sind sie nicht für Ferien hier: Auf Einladung von Schweiz Tourismus dreht Red Velvet ein Werbevideo: an fünf Orten, in zehn Tagen. Unsere Zeitung begleitet ihren Besuch am Donnerstag in der Luzerner Innenstadt.

Die Agenda ist strikt getaktet. Um 12.05 Uhr legen sie mit dem Schiff in Luzern an. Das Fotoshooting auf dem Schiff sei wegen des Wellengangs schwierig gewesen, teilt Liên Burkard, Medienverantwortliche von Schweiz Tourismus, mit. Sie holen es auf dem Weg vom Quai in die Altstadt nach. Am Nachmittag steht noch ein Stadtrundgang und Wandern in der Fräkmüntegg an, bevor es für eine Übernachtung auf den Pilatus geht. Zuerst gilt es aber bei einem Mittagessen Energie zu tanken.

Die 25-köpfige Gefolgschaft ist in Aufruhr. Liên Burkard wechselt hastig einige Worte mit Jean Kim, Marktleiterin Korea bei Schweiz Tourismus. Dem Team rund um Red Velvet seien zwei Paparazzis gefolgt, sagt Burkard später. Diese wollten Fotos schiessen, um sie anschliessend an die Medien zu verkaufen: «Sie wirkten sehr aufdringlich, deshalb hat das Management von Red Velvet gefragt, ob wir die Polizei rufen könnten». Die zwei Fotografen haben die Red Velvets zwar per Zufall erkannt, nicht aber in der Schweiz. Sie erkannten die Gruppe bei der Abreise am Flughafen, hätten gesehen, wo sie hinfliegen und wären ihnen prompt gefolgt.

Fans wollen den Stars nachreisen

Auf der Terrasse im Restaurant können sich alle beruhigen. Mit Sicht auf die Reuss wird zu Mittag gegessen. Auf die Frage, auf was sie sich in Luzern am meisten freue, antwortet Bandmitglied Joy:

«Das Gleitschirmfliegen wird bestimmt aufregend. Der Blick auf die schöne Landschaft von oben muss atemberaubend sein.»

14.00 Uhr: Aufbruch in die Altstadt. Ein kurzer Rundgang durch die engen Gassen von Luzern ist angesagt. Während die Bandmitglieder durch die Gassen schlendern, könnte man meinen, es sei ein gewöhnlicher Donnerstagnachmittag in Luzern. Die Strassen sind mit Touristenvolk gefüllt. Eine lose Gruppe mit 25 Kameraträgern zieht von der Weinmarktgasse in Richtung Reussbrücke.Die Route für den Video-Dreh ist von Schweiz Tourismus geplant.

Auf der Brücke angelangt spaltet sich die Gruppe: Vier der Bandmitglieder nehmen auf einer der Bänke Platz. Sechs Fotografen (es sind tatsächlich nur Männer) belagern die Bank und lichten die Gruppe für einige Minuten ab. Schliesslich noch ein Video, wie die Red Velvets über die Brücke flanieren. Sie lassen die Handtaschen baumeln, werfen ihre Haare gekonnt hinter die Schulter und blicken auf Kommando in die Kamera.

Fotografen lichten Bandmitglied in Kirche ab

Weiter geht’s zur Jesuitenkirche. Das eine Bandmitglied ist protestantisch: Sie möchte die Kirche betreten. Die Truppe betritt den hellen Raum. Das protestantische Mitglied setzt sich auf die vorderste Bank und schliesst die Augen. Die Fotografen kennen kein Pardon: Ohne zu zögern umkreisen zwei davon die still Dasitzende von vorne. Einer positioniert sich auf der Bank hinter ihr und schiesst Bilder von hinten. Der Manager interveniert und zitiert die Fotografen mit Handzeichen von ihr weg. Nach dem er sie für eine Minute sitzen liess, ist es bereits Zeit, die Kirche zu verlassen. Draussen steht der Car bereit um die Gruppe nach Kriens zu chauffieren.

Die Route für den Video-Dreh ist von Schweiz Tourismus geplant. Die Tourismus-Agentur spannt die Superstars ein, um in Korea die Schweiz zu vermarkten. Red Velvet hat dort eine hohe mediale Aufmerksamkeit, meint Kim. Hinzu komme, dass die Menschen in Korea gerne dahin verreisen, wo ihre Idole waren. Wenn die Leute in Korea also das Werbevideo oder einen Instagram-Post von Red Velvet sähen, denken sie: «Da muss ich auch unbedingt hin!»

Diese Strategie wird von Schweiz Tourismus seit 2003 angewandt und funktioniere hervorragend, meint Kim weiter. Das bestätigt Mark Meier von Luzern Tourismus. Nachdem eine koreanische TV-Serie Luzern besucht habe, sei die Zahl an Logiernächten massiv angestiegen. Ähnliches geschah nach dem Besuch von Ranveer Singh. Der «George Clooney von Bollywood», wie Meier den indischen Schauspieler nennt, habe viele indische Touristen dazu inspiriert, nach Luzern zu kommen.

Finanzielles bleibt geheim

Im asiatischen Raum seien die Menschen sehr Medien-affin. Deshalb funktioniere die Strategie so gut. Im Zeitraum von 2013 bis 2018 seien die jährlichen Logiernächte von koreanischen Touristen in der Stadt Luzern um 32 Prozent auf etwa 40'000 angestiegen. Schweizweit stiegen sie sogar um 142 Prozent an: auf insgesamt 456'000 Nächte. Geht es nach Burkard und Meier, wird man auch in Zukunft mit asiatischen Promis zusammenarbeiten.

Seit 2003 vergibt Schweiz Tourismus dazu den Titel «Switzerland Tourism Ambassador». Lokale Mitarbeiter von Schweiz Tourismus bauen Beziehungen zu Personen mit grosser medialer Reichweite auf, küren sie zu sogenannten Swiss Friends und beauftragen diese schliesslich, ihrer Heimat die Schweiz als Reiseziel näherzubringen.

Genau so verlief auch die Geschichte mit Red Velvet. Im Mai 2019 verlieh das koreanische Team von Schweiz Tourismus den Pop-Sängerinnen den Ambassadoren-Titel. Ob man einen Bezug zur Schweiz hat oder nicht, spielt anscheinend keine Rolle: Keines der Band-Mitglieder war zuvor schon einmal in der Schweiz. Was sich die Tourismus-Agentur die Werbung durch Red Velvet kosten lässt, will niemand verraten.

Ein Kartoffelschäler als Souvenir

Am stärksten werden sie sich an das Bergpanorama erinnern, sagen die Mitglieder von Red Velvet. Mit nach Hause nehmen sie aber auch einen Haufen Souvenirs: Etwa Magnete mit der Kapellbrücke darauf oder Postkarten vom Pilatus. «Und vor allem einen Kartoffelschäler», sagt Sängerin Wendy lachend.


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