Ehrendoktorate für vier Männer und eine Frau – der akademische Tag der Uni Luzern ist männlich

LUZERN ⋅ Der heutige «Dies Academicus» veranschaulicht im Kleinen das Gleichstellungsproblem der Uni Luzern.

07. November 2019, 05:09

Jonathan Biedermann

Vier Männer und eine Frau. So sieht die Verteilung der diesjährigen Ehrendoktorate der Uni Luzern aus. Beim jährlichen Festakt des «Dies Academicus» zeichnet die Uni «bewährte Persönlichkeiten aus Lehre und Forschung» mit der Ehrendoktorwürde aus. Heute ist es wieder soweit (siehe Box am Ende des Textes).

Das ungleiche Geschlechterverhältnis in diesem Jahr ist kein Einzelfall: Seit den ersten Auszeichnungen im Jahr 1981 gingen von insgesamt 70 Ehrendoktoraten 13 an Frauen – das entspricht einer Quote von weniger als 20 Prozent. In den letzten drei Jahren war es immerhin ein Drittel.

Ziel: Ausgewogenes Geschlechterverhältnis

Die Verteilung der Ehrendoktorate zeigt, was an Schweizer Universitäten weit verbreitet ist: Frauen sind in der Forschung und Lehre deutlich untervertreten, auch an der Uni Luzern. Und das trotz des bereits 2005 verabschiedeten Ziels, auf allen akademischen Stufen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herzustellen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde die Fachstelle für Chancengleichheit sowie eine Gleichstellungskommission (GLK) geschaffen. Ihr Auftrag beinhaltet ein Gleichstellungsmonitoring, womit die Geschlechterverhältnisse auf den unterschiedlichen akademischen Stufen – von Bachelorstudium bis zur ordentlichen Professur – ermittelt werden.

Die Ergebnisse zeigen für das Jahr 2018 folgendes Bild: Auf Bachelor- und Masterstufe sind Frauen mit 60 Prozent noch in der Mehrzahl. Zwischen Doktorat und Assistenzprofessuren gleichen sich die Anteile aus. Bei den höher qualifizierten Professuren, den ordentlichen und ausserordentlichen, fällt der Frauenanteil mit knapp 25 Prozent deutlich ab.

Kurzum: Je höher die akademische Stufe, desto weniger Frauen sind anzutreffen. Die Frage lässt sich nicht unter den Teppich kehren: Sind Frauen weniger gut in der Forschung und Lehre als Männer? «Menschen in wissenschaftlichen Aufgaben zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt», betont Bruno Staffelbach, Rektor der Uni Luzern. Statistisch gehäufte Unterschiede zwischen Frauen und Männer gebe es aber nicht.

Dem Ziel eines ausgeglichenen Geschlechterverhältnisses sei man insgesamt deutlich näher als zur Zeit der Universitätsgründung im Jahr 2000. Viele Teilziele habe man erreicht, so Staffelbach. Insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Studium beziehungsweise Beruf habe man mit der Kindertagesstätte verbessern können. Zudem stehe man beim Berufungsverfahren für die Neubesetzung von Professuren gut da. Zwar sei der Frauenanteil dort zuletzt leicht gesunken. Bei einem Teil davon, den Assistenzprofessuren, seien die Frauen mit zwei Drittel aber in der Mehrheit.

Fachstelle fordert mehr Teilzeitprofessuren

Pia Ammann, Leiterin der Fachstelle für Chancengleichheit, relativiert: Zwar habe man es geschafft, die Frauenanteile bei den Assistenzprofessur zu stärken. Aufgrund der tiefen Fallzahlen und schnellen Wechsel seien die Anteile dort starken Schwankungen ausgesetzt. Bei den höher qualifizierten Professuren sei der Anstieg zwischen 2012 und 2015 nicht nachhaltig gewesen. In den drei Jahren danach zeichnete sich ein Abwärtstrend ab. Schliesslich waren noch 15 von 61 Professuren mit Frauen besetzt. Die Gründe für die tiefen Frauenanteile seien vielseitig. Die Arbeitsbedingungen seien immer noch schwierig mit dem Familienleben zu vereinbaren: Mehr Teilzeitprofessuren für Personen mit Betreuungspflichten wären notwendig.

Auch Stereotypen und Rollenbilder seien immer noch ein Hindernis: Keine Professorinnen bedeute auch keine Vorbilder für Studentinnen – und das bedeute wiederum keine zukünftigen Professorinnen. Die Vorbildfunktion von Professorinnen werde viel zu oft unterschätzt, betont Amman.

Ein Teil der Lösung sei die Sensibilisierungsarbeit. Im Mai habe die Fachstelle zusammen mit der Gleichstellungskommission einen Workshop zum Thema «Chancengleichheit in Berufungsverfahren» organisiert. Leider habe sich niemand dafür angemeldet. Auch die Entscheidungsträger in den Fakultäten sollten die Thematik ernsthaft angehen. Sie sollten eigene Pläne entwickeln, die aufzeigen, wie sie wann und welche Verbesserungen erreichen wollen, führt Ammann aus. Staffelbach betont die Verantwortung der Führungspersonen ebenfalls. Er hält aber auch fest, dass die Gewährleistung von Chancengleichheit eine Aufgabe aller sei: «Alle Bereiche und Mitarbeitenden leisten ihre Beiträge».

Kollektiv fordert mehr Professorinnen

Inzwischen werden an der Uni Stimmen von unten laut. In einem offenen Brief schreibt das Feministische Hochschulkollektiv: «Dein Talent hat Zukunft, damit wirbt die Uni Luzern auf ihrer Website. Wir fragen uns, haben wir Frauen dieselben Zukunftsaussichten wie unsere Mitstudenten oder Mitarbeiter?» Hanna Hubacher vom Kollektiv fühlt sich als Studentin nicht angemessen repräsentiert: «In diesem Semester stehen in meinen Seminaren und Vorlesungen nur Männer vorne im Raum». Auch in der Sprache und Literatur seien Männer in der Überzahl. Das Leitbild der Uni – man setze sich für Chancengleichheit und gegen Diskriminierung ein – sieht sie verletzt.


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