Das Geheimnis um den Freienhof

LUZERN ⋅ Was hat ein 1949 abgerissenes «Stadtschloss» in Luzern mit dem geplanten Theaterneubau und der Zentralbibliothek zu tun? Eine neue Publikation zeigt spannende Zusammenhänge auf.

07. Dezember 2019, 05:11

Hugo Bischof

Hugo Bischof

Hugo Bischof

Nichts erinnert heute mehr an den Freienhof, der bis zu seinem Abriss 1949 zwischen dem Luzerner Stadttheater und der Jesuitenkirche stand. Heute beherrscht die hölzerne Box des Luzerner Theaters diesen Freiraum – «als ständen die Möbelpacker bereit, mit dem Theater auf eine grosse Reise zu gehen». Das schreibt Ueli Habegger, Architekturhistoriker und ehemaliger Denkmalpfleger der Stadt Luzern, im neusten Band der Schriftenreihe «Innerschweizer Schatztruhe».

Habegger hat die Geschichte des Freienhof akribisch und leidenschaftlich recherchiert. Er durchforschte Ratsprotokolle, sichtete alte Baupläne, suchte in historischen Stadtplänen neue Hinweise. Was er vorlegt, ist aufschlussreich, überraschungsreich – und sehr spannend geschrieben. Illustriert ist die 70-seitige Publikation im A5-Format mit vielen, teils noch nie gesehenen Bildern und Fotos. Echte Trouvaillen sind die Fotografien von den Abbrucharbeiten im Winter 1948/49.

Theater-Neubau am Standort des früheren Freienhof

Die Schrift kommt zur richtigen Zeit, mitten in die Diskussion um die Erneuerung des Luzerner Theaters. Gemäss derzeitiger Planung käme ein Neu- oder Erweiterungsbau nämlich genau dort zu stehen, wo einst der Freienhof war. Einst ebenfalls am Standort des damals noch bestehenden Freienhof hätte die Zentralbibliothek Luzern errichtet werden sollen, die heute im Vögeligärtli steht. Doch davon später.

Die Entstehungsgeschichte des Freienhof datiert Habegger ins 13. Jahrhundert, also in die Zeit vor dem Bau der Kapellbrücke. Der erst später so benannte Freienhof war zunächst eine Wohnburg, ein steinerner Wohnturm. Darin wohnte ein Ministeriale (Verwalter, Lehensherr) des Abts von Murbach. Dieser übte damals die Grundherrschaft in Luzern aus und liess seine Dinghöfe, etwa in Horw oder Kriens, durch ebendiese Ministerialen verwalten. Man muss sich den Wohnturm als alleinstehende Baute am linken Reussufer vorstellen, umspült vom Seewasser und der Reuss. Richtung Osten – wo sich heute das Siedlungsgebiet zwischen Hirschengraben/Theaterstrasse und Europaplatz befindet – befand sich damals unbesiedeltes Schwemmland. Im 9. bis 14. Jahrhundert seien auf dem Gebiet der heutigen Schweiz rund 1400 solcher unterschiedlich grosser Burgen entstanden, schreibt Habegger. Sie standen oft an gut sichtbarer Stelle – wie der Freienhof in Luzern. Habegger: «Seine Wirkung war für lange Zeit raumprägend für das Erscheinungsbild Luzerns.»

Baugeschichtlich bestand der Freienhof aus drei Häusern. Der älteste Teil war das Hinterhaus am Hirschengraben mit einem trapezförmigen Grundriss – in der Form eines Wehrturms. Später kamen das mittlere Haus und das Vorderhaus dazu. Der Freienhof gehörte zum städtischen Sicherheitssystem auf der Kleinstadtseite der Reuss. Er bildete den östlichen Abschluss der dortigen Ringmauer. Und – ganz spannend – er war reussseitig direkt mit der 1365 erbauten Kapellbrücke verbunden. Deren südlicher Brückenkopf stand ursprünglich rund 50 Meter weiter vorne als heute. Verkürzt wurde die Kapellbrücke 1833, als die Bahnhofstrasse aufgeschüttet wurde.

Münzen vor die «Gofen» geworfen

Das Tor zwischen Kapellbrücke und Freienhof ist in den Ratsbüchern von 1393 bis 1410 als «Goventor» verzeichnet. Eine Erklärung sieht darin eine Ableitung des mundartlichen Wortes «gof» (für Kind). Darauf deutet ein Bild aus der Diebold-Schilling-Chronik hin. Es zeigt den Besuch des lothringischen Herzogs René II. 1476 in Luzern. Er steht vor dem Freienhof und wirft Münzen vor die spielenden Kinder («gofen»). Auch die Herkunft des Namens Freienhof ist nicht restlos geklärt. Vermutet wird, dass er auf die begüterte Familie Frey zurückgeht, die ihren Wohlstand dem schwunghaften Handel mit Pfeffer verdankte und wohl im Hoch- oder Spätmittelalter Besitzer der Freienhof-Liegenschaft war.

Im 16. Jahrhundert wurde der Freienhof aufgestockt und erhielt seine drei charakteristischen Türmchen, die späteren Luzernern so gefielen. Viele sahen im Freienhof fortan in erster Linie ein «prachtvolles Stadtschloss». 1666 bis 1677 erfolgte dann westlich des Freienhof der Bau der Jesuitenkirche. Laut Habegger verlangten die Jesuiten, dass die Freienhof-Besitzer «in ihrem Hof keine hohen Scheiterbeigen mehr errichten durften und auch den Stall im Hinterhof nicht mehr erneuern durften, um den Lichteinfall in die Jesuitenkirche nicht zu gefährden» – eine interessante Parallele zur heutigen Theater-Neubau-Debatte.

Der Freienhof hatte im Lauf der Zeit mehrere Besitzer, meist Luzerner Patrizier. Einer von ihnen war Karl Pfyffer von Altishofen (1771-1840), bekannt geworden als Initiant des Löwendenkmals. Habegger hat an ihm noch eine ganz andere Seite entdeckt. Als Luzerner Aristokrat habe er die Französische Revolution hautnah erlebt «und deren Erbe, die Gewerbefreiheit und das Unternehmertum, während der Helvetischen Republik rasch und konsequent umgesetzt, unter anderem als erster Bierbrauer in der Stadt».

Eine «Augenweide» – Bierbrauerei mit Biergarten

Tatsächlich richtete Pfyffer im Freienhof eine Brauerei mit Biergarten ein, an bester Lage – «die Aussicht auf die Seegestade von Reuss und Luzerner See war bei Sonne und Mond eine Augenweide», so Habegger. Um dafür mehr Land zu gewinnen, begann Pfyffer unerlaubterweise, gegen Osten Land aufzuschütten. 1830 bekräftigte der Stadtrat die Schutzmassnahmen aus dem 18. Jahrhundert für die Jesuitenkirche zum Schutz des natürlichen Lichteinfalls in den Kirchenraum. Pfyffer setzte sich mit seinen Umbauplänen für den Freienhof dennoch durch. Unter anderem entstand anstelle der bisherigen Laube eine Wirtsstube. Und zwischen Freienhof und Jesuitenkirche liess er ein Kunstkabinett bauen.

1837 wurde östlich des Freienhof das Stadttheater errichtet, als nächster Ausbauschritt an diesem städtebaulich und verkehrsmässig immer wichtigeren Ort. 1843 kaufte Vital Kopp den Freienhof. Er führte die Brauerei weiter.

«Unter dem Bogen des Vorderhauses war der Eingang in die finsteren Bierlokale»

, erinnerte sich ein Zeitgenosse, «im ersten Stock waren die Säle grösser und heller, und Billardspieler fanden sich dort ein.» Im Magazingebäude zwischen Hinterhaus und Jesuitenkirche am Hirschengraben entwickelte sich zusätzlich ein reger Delikatessen- und Südfrüchtehandel. Bankier Carl Kopp wickelte während einiger Zeit im Freienhof seine Finanzgeschäfte ab, Carl und Vital Kopp betrieben gemeinsam den Nahrungsmittel-Grosshandel (Commissionsgeschäfte) als Kopp & Co. Im Erdgeschoss verkauften die Schwestern Nannette und Emerenzia Bieri Broderiewaren und Stickereien.

Die wirtschaftliche Situation der Brauerei Kopp-Bariolo verschlechterte sich jedoch zusehends – unter anderem durch die Konkurrenz der neuen, grösseren Bierbrauereien Falken, Endemann und Spiess, aber auch durch den Verkauf von Bier «über die Gasse». Nur einen Steinwurf entfernt betrieb Caroline Schwab-Breitinger im Stadttheater eine eigene Bierhalle. Als der Stadtrat 1890 ein neues Stadthaus zu projektieren begann, bot Vital Kopp der Stadt den Freienhof zum Kauf an – erfolglos. 1893 schloss er den Brauereibetrieb. Am 20. August 1899 verkaufte er die Liegenschaft Freienhof für die damals beträchtliche Summe von 325 000 Franken an den Luzerner Eisenbahnspezialisten und Kunstfreund Roman Abt. Dieser nutzte den Freienhof zunächst als repräsentativen Wohnsitz für sich und seine Familie. Im Hinterhaus waren die Sanitäreinrichtungen. Das Mittel- und Vorderhaus wurden zuletzt für Geschäftslokale und Büros genutzt. Das Gebäude wurde mehrfach umgebaut und teilweise erhöht. «Das Palais Freienhof war nun zeitgemäss ein Wohn- und Geschäftshaus», folgert Habegger. Darin eingemietet waren unter anderem ein Goldschmied, eine Filiale der Schweizerischen Kreditanstalt, Dienstabteilungen der Stadtverwaltung, Büros der städtischen Werke, das Verkaufsmagazin des Gaswerks und eine Seilerei gegen den Hirschengraben hin. Bis 1909 befand sich auch die Szenerienwerkstatt des Luzerner Stadttheaters im Freienhof.

Kanton wollte dort die Zentralbibliothek bauen

1933 starb Roman Abt. Danach verfiel der Freienhof zusehends. Am 6. April 1943 verkaufte die Erbengemeinschaft Abt die Liegenschaft dem Kanton Luzern. Dieser hatte kurz zuvor, 1935, einen Ideenwettbewerb für den Bau einer Zentralbibliothek und eines kantonalen Verwaltungsgebäudes auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses im Sentihof-Gebiet durchgeführt – ohne befriedigendes Ergebnis. 1944 schrieb der Kanton erneut einen Architekturwettbewerb aus, diesmal mit der Freienhof-Liegenschaft als Standort für die Zentralbibliothek. Den neun eingeladenen Architekturbüros war es freigestellt, ob sie den «historisch wertvollen» Teil des Freienhofs erhalten oder die ganze Liegenschaft abreissen und durch einen Neubau ersetzen wollten.

Denkmalschutz im heutigen Sinn gab es damals noch nicht.

Habegger zitiert aber aus einem Bericht der «Schweizerischen Bauzeitung» von damals. Der Freienhof enthalte zwar keine besonderen Kunstwerke, und der Stammbau sei nur notdürftig und ungünstig aufgeteilt, hiess es darin. Die «städtebauliche Qualität» des Freienhof, seine «heute noch erkennbare typische Gestalt» seien dennoch bemerkenswert. Die aktuelle Diskussion um die Neubaupläne des heutigen Luzerner Theaters läuft ähnlich: Vor kurzem verfassten die Eidgenössischen Kommissionen für Denkmalpflege sowie Natur- und Heimatschutz ein Gutachten. Gemäss diesem würde ein Abriss des heutigen Theaters «zu einer schweren Beeinträchtigung des Ortsbilds von nationaler Bedeutung führen». Insbesondere die Nordfassade sei «ortsbildprägend».

Zurück zum Freienhof: Die Mehrheit der Architekten entschied sich damals für einen Neubau. Gegen den drohenden Abriss gab es aber breiten Widerstand in der Bevölkerung. Der Architekt August Am Rhyn veröffentlichte in allen Luzerner Tageszeitungen einen Aufruf zu dessen Erhaltung. Sogar die «Neue Zürcher Zeitung» fragte, «ob der Kanton Luzern den Wert der spätgotischen Liegenschaft, einer echten Sehenswürdigkeit, erkannt habe». Nach einigem Hin und Her entschied sich der Regierungsrat – entgegen der Empfehlung der Jury – für das Projekt des Luzerner Architekten Otto Dreyer. 1948 kündigte der Kanton allen Mietern. Im Februar/März 1949 wurde der Freienhof abgerissen und eine tiefe Baugrube für den Neubau ausgehoben. Täglich säumten Schaulustige den Bauzaun und beäugten die Abbrucharbeiten. «Kopfschütteln allenthalben blieb», schreibt Habegger. Für ihn ist klar: «Die politischen Behörden von Stadt und Kanton Luzern hatten den Wert des Freienhof nicht erkannt.»

Eine offene Baugrube, gefüllt mit Fischen

Der Kanton ging danach über die Bücher und entschied, die Bibliothek doch nicht auf dem Freienhof-Grundstück zu bauen. Sie wurde schliesslich in der Neustadt beim Vögeligärtli errichtet. Hier steht sie noch heute und wird am kommenden Mittwoch nach mehrjähriger Renovation feierlich wiedereröffnet. Die Baugrube auf dem Theaterplatz wurde erst 1952 zugeschüttet. Sie füllte sich in der Zwischenzeit mit Sickerwasser. In diese warf ein Sechstklässler, der an der Reuss fischte, jeweils die zu kleinen Fische, erzählt Habegger: «Als die Bauarbeiter 1952 zurückkamen, um die Grube aufzufüllen, staunten sie über die Vielzahl grosser Fische im Wasser der Baugrube.»

Hinweis

Die Publikation kann bestellt werden bei: Dr. Jost Schumacher, Anwaltskanzlei, Alpenstrasse 1, 6004 Luzern. kanzlei@anwalt-schumacher.ch. Preis: Fr. 15.–


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