75 000 Leute sind dem Jutz gefolgt

62. ZENTRALSCHWEIZERISCHES JODLERFEST ⋅ Die Zentralschweiz traf sich am Wochenende in Schötz: 75'000 Besucher erlebten ein unvergessliches Fest. Selbst Luzerns Regierungspräsident Guido Graf stellte seine Gesangskünste auf die Probe.

24. Juni 2018, 19:03

Monika van de Giessen

Mit einem eindrucksvoll gestalteten Festakt, der Fahnenübergabe und dem imposanten Festumzug unter dem Motto «Bruuchtom ond Tradition verbendet» hat am Sonntag der grösste Brauchtums­anlass der Zentralschweiz einen krönenden Abschluss gefunden: «Zyt för Frönde», lautete das Motto des 62. Zentralschweizerischen Jodlerfestes, das vom Freitag bis Sonntag nach 1977 zum zweiten Mal in Schötz über die Bühne ging. Das Motto zog sich wie ein roter Faden durch die drei Festtage.

«Sich Zeit nehmen» hat auch den Regierungspräsidenten Guido Graf in seiner Festansprache zu folgender Aussage verleitet: «Zyt ha» oder sich «Zyt näh», das sei heutzutage eine Rarität geworden. Das Bedürfnis der Gesellschaft, überall dabei zu sein, alles zu haben und nichts zu verpassen, bringe den vermeintlichen Erfolg. Es sei fraglich, ob dies längerfristig für die Gesellschaft auch gut beziehungsweise gesund sei.

Zwei Trägerverein für einen Grossanlass

Organisiert wurde das 62. Zentralschweizerische Jodlerfest von zwei Trägervereinen: dem Jodlerklub Bärgglöggli Schötz und dem Verein Freunde alter Traktoren Schötz. Das rund 50-köpfige Organisationskomitee wurde von Urs Kneubühler präsidiert. Der Präsident des Zentralschweizerischen Jodlerverbandes, Richard Huwiler, ging in seiner Rede auf die Werte von Traditionen ein.

«Hauptaufgabe ist es, Altes zu bewahren und Neues aufzunehmen.»

Richard Huwiler, Zentralschweizerischer Jodlerverband

Seit einiger Zeit seien Tendenzen feststellbar, dass auch andere Musikstilrichtungen wie Rock, Pop und Schlager von der Popularität unseres Brauchtums profitieren möchten. «Obwohl wir offen für Neues sind, müssen wir bei dieser Entwicklung genau hinschauen», so Huwiler.

Hauptaufgabe sei es, Altes zu bewahren und Neues aufzunehmen. Huwiler zitierte dabei den früheren bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der einmal sagte: «Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.»

Prominente Verstärkung fürs Infusionschörli

Komponist und Jodler Ruedi Bieri aus Finsterwald ist bekannt für trendige und humorvolle Jodellieder. Er sorgt mit seinen Kompositionen in der Szene für frischen Wind. Luzerns Regierungspräsident Guido Graf kennt den Entlebucher schon länger, wie er uns verriet. «Ich wusste, wie Ruedi Bieri komponiert, und erteilte ihm vor einem Jahr den Auftrag, für das Jodlerfest in Schötz ein Jodellied zu komponieren.»

Herausgekommen ist «ä Heimat ha» eine Komposition, die in Schötz eine Welturaufführung erlebte. Zusammen mit dem Infusionschörli Wolhusen – alles Mitarbeitende des Spitals Wolhusen –, sang sich der Vorsteher des Gesundheitsdepartements im ersten Bass in die Herzen der vielen Besucher. Das Lied hat offiziell drei Strophen. Überrascht und perplex war Guido Graf, als eine vierte angestimmt wurde, von der er nichts wusste. Sie bezog sich auf seine Person. «Drum bruche mier z’Lozärn kei Schaf, mier setzä uf de Guido Graf.»

Es sei nicht ausgeschlossen, dass er sich später einmal dem Infusionschörli anschliessen werde, meinte Graf. «Jodeln bedeutet für mich Gemütlichkeit, Erholung und Emotionen.» Komponist Ruedi Bieri zollte «Jodler» Graf grossen Respekt. «Guido Graf war von Anfang an mit grosser Begeisterung bei der Sache», verriet der Entlebucher.

Zeitweise Stau und kein Durchkommen

Der dreitägige Anlass bot eine Mischung aus Erlebnissen und Begegnungen, die für die 3000 Aktiven genauso faszinierend waren wie für die Festbesucher. Zeitweise war im Jodlerdorf fast kein Durchkommen mehr. Vor den Vortragslokalen gab’s Stau.

Im Zentrum eines Jodlerfestes stehen die Wettvorträge im Jodelgesang, Alphornblasen und Fahnenschwingen. Ziel eines jeden Aktiven ist eine gute Klassierung. Für FDP-Nationalrat Albert Vitali aus Oberkirch war es der 100. Auftritt an einem Jodlerfest. «An mein erstes erinnere ich mich sehr gut, das war in Sarnen im Jahr 1976», verriet der Vorjodler des Jodlerklubs Heimelig Oberkirch.

«Es war für mich ein ganz besonderes Erlebnis, zusammen mit meinem Vater auf der Bühne zu stehen.»

Marco Vitali, Jodler aus Oberkirch

Erstmals trat Vitali in Schötz mit Sohn Marco im Duett auf. Dieser meinte: «Es war für mich ein emotionaler Moment und ein ganz besonderes Erlebnis, zusammen mit meinem Vater auf der Bühne zu stehen.» Marco Vitali gestand, dass er ziemlich nervös war. «Ich war indes zuversichtlich, denn wir haben uns gut vorbereitet.» Dies hat sich gelohnt: Das Duett Marco und Albert Vitali erreichte ein «Sehr gut», was die Klasse 1 bedeutet.


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