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LZ Podium

Geldstopp, bis sich etwas ändert – kontroverse Debatte zur Kirche wird öffentlich ausgetragen

Einige Luzerner Pfarreien halten Kirchensteuerzahlungen ans Bistum Basel zurück, die Landeskirchenführung ist damit nicht einverstanden. «Missbräuche in der Kirche – wie weiter?» Unsere Zeitung veranstaltet eine Podiumsdiskussion zu diesem umstrittenen Thema. Nicht dabei: Bischof Felix Gmür.
Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, feiert einen Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Martin in Olten.
Bild: Bild Valentin Hehli (Olten, 16. 9. 2023)

Die unabhängige Studie der Universität Zürich zu Missbräuchen in der römisch-katholischen Kirche hat schreckliche Tatsachen zutage gefördert. Aufgedeckt wurden über 1000 Fälle sexuellen Missbrauchs, aus den 1950ern bis in die Gegenwart . Die Häufigkeit von Übergriffen und Machtmissbrauch sowie die Systematik der kirchlichen Vertuschungspraxis haben die Öffentlichkeit nach der Publikation vom 12. September aufgeschreckt. Die Zahl der Kirchenaustritte ist seither sprunghaft angestiegen. Die Studie war von der Schweizerischen Bischofskonferenz, der Konferenz der Ordensgemeinschaften und anderer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens in der Schweiz und von der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) in Auftrag gegeben worden.

Welche Folgen hat das für die weitere Zusammenarbeit zwischen Kirchenbasis und -führung? Zwischen Pfarreien, Landeskirche und Bistum? Kirchgemeinden wie Adligenswil und Willisau etwa haben sich entschieden, ein handfestes Zeichen zu setzen. Sie halten den Kirchensteueranteil ans Bistum Basel bis auf Weiteres zurück. Die Meinungen über die notwendigen Massnahmen gehen aber auseinander. Die Führung der Luzerner Landeskirche etwa hat das Vorpreschen einzelner Kirchgemeinden kritisiert. An einem öffentlichen Podium «Missbräuche in der Kirche - wie weiter?» der «Luzerner Zeitung» vom Montag, 30. Oktober, soll darüber kontrovers diskutiert werden.

Fünf Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer

Vom Bistum Basel wird Brigitte Glur-Schüpfer an der Podiumsveranstaltung teilnehmen. Sie ist Regionalverantwortliche des Bischofsvikariats St. Viktor, zu welchem der Kanton Luzern gehört. Für die Landeskirche des Kantons Luzern spricht Annegreth Bienz -Geisseler , als Synodalratspräsidentin ist sie quasi die Regierungschefin der weltlichen Kantonalkirche. Auf Seiten der Pfarreien, die den Zahlungsstopp ans Bistum Basel verfügt haben, nehmen die beiden Kirchgemeindepräsidentinnen aus Adligenswil, Monika Koller Schinca , und Willisau, Evelyne Huber, teil. Huber ist zudem Präsidentin des Verbandes der Kirchgemeindepräsidentinnen und -präsidenten des Kantons Luzern. Mitdiskutieren wird auch der Theologe Stefan Loppacher , er ist Präventionsbeauftragter des Bistums Chur und leitet das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz.

Synode entscheidet bald über Geldstopp

Rund zwei Wochen nach Publikation der Studie hatte der Kirchenrat Adligenswil entschieden, keine Kirchensteuern mehr an das Bistum Basel zu liefern, bis geforderte Massnahmen erfüllt sind. Adligenswil rief auch explizit weitere Kirchgemeinden zur Nachahmung auf. Es schlossen sich in der Folge Ballwil sowie die sechs Kirchgemeinden Geiss, Gettnau, Hergiswil, Menzberg, Menznau und Willisau an. Und seit dieser Woche unterstützen auch der Pastoralraum Oberer Sempachersee mit den Pfarrgemeinden Eich, Hellbühl, Hildisrieden, Neuenkirch, Rain und Sempach die Forderungen, Gelder der Landeskirche an die Bistumsleitung zurückzuhalten, bis die Massnahmen umgesetzt sind. Alle Pfarreien haben klar kommuniziert: So kann es nicht weitergehen.

Es liegen weitreichende Forderungen an die Adresse der Schweizer Bischofskonferenz auf dem Tisch: unabhängige Untersuchungen, die Errichtung einer unabhängigen Meldestelle, der Verzicht auf Aktenvernichtung, die Öffnung der Kirchenarchive, Abschaffung des Pflichtzölibats und die Gleichberechtigung der Frauen für alle Ämter, inklusive Priesterweihe.

Im Kanton Luzern ist die Ausgangslage nun brisant: Am 8. November wird die Synode, also das Parlament der römisch-katholischen Landeskirche, abschliessend über die Einstellung der Zahlungen befinden . Ein entsprechender Vorstoss ist eingereicht worden. Für die Adligenswiler Kirchenratspräsidentin Monika Koller Schinca ist klar: «Wir können es uns nicht mehr leisten, zu warten. Es geht uns alle etwas an. Wir müssen jetzt eine offene Diskussion führen. Schöne Worte alleine genügen nicht mehr. Das erwarten unsere Mitglieder und das haben sie auch verdient.»

Bistum Basel entsendet eine Frau statt einen Geistlichen

Bischof Gmür äusserte sich anfangs Oktober in einem Interview im Pfarrblattverbund Nordwestschweiz zum Geldstopp der Kirchgemeinden. Auf die Frage, ob er den aufgesetzten Druck durch die Pfarreien als Hilfestellung sehe, um in Rom argumentieren zu können, sagte der Bischof: «Ich glaube nicht, dass das Vorgehen der Kirchgemeinde eine Hilfestellung ist, sondern ein Protest. Sie haben nicht mit mir gesprochen, ich weiss nicht genau, was sie wollen.» Was Pfarreien wie Adligenswil oder Willisau genau wollen, wird Felix Gmür auch nicht am Podium aus erster Hand erfahren. Denn er kann der Einladung durch unsere Zeitung nicht Folge leisten, weil er kurz nach Abschluss der Weltsynode in Rom weitere Verpflichtungen habe. Gemäss Barbara Melzl, Kommunikationsverantwortliche des Bistums Basel, könne man auch nicht dem expliziten Wunsch nach einer Teilnahme einer geistlichen Vertretung, um die es in der Studie explizit geht, entsprechen. «Wir haben das selbstverständlich diskutiert. Brigitte Glur-Schüpfer ist als Regionalverantwortliche die richtige Person, um Bischof Felix Gmür und das Bistum Basel am Podium zu vertreten», sagt Melzl.

Die Reaktion aus Adligenswil ist deutlich: «Die Abwesenheit des Bischofs zeigt: das Bistum versteht die Dringlichkeit des Ganzen noch nicht», so Monika Koller Schinca.

Die öffentliche Podiumsveranstaltung startet am kommenden Montag, 30. Oktober um 18.30 Uhr im LZ Auditorium an der Maihofstrasse 76 in Luzern. Moderiert wird die Podiumsrunde von Jérôme Martinu , Chefredaktor «Luzerner Zeitung» und Regionalausgaben. Das Publikum kann Fragen stellen. Der Eintritt ist frei, eine Bushaltestelle befindet sich direkt vor dem Medienhaus, Parkplätze sind keine vorhanden.

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