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Sarnen

Frühförderung einmal anders: In diesem Obwaldner Atelier ist das Kind der Experte

Mit viel Idealismus betreibt das Ehepaar Amstad im Sarner Industrie-Quartier ein Gestaltungsatelier für Frühförderung. Mit Französisch- oder Geigenunterricht hat das wenig zu tun.

Wer an Frühförderung von Kleinkindern denkt, hat vielleicht Bilder im Kopf von Geige spielenden, Französisch lernenden Kindern. Anders geht es im Sarner Gestaltungsatelier Farbe und Experiment an der Industriestrasse 20 zu und her. Leon robbt gerade durch einen dreieckigen Karton-Tunnel. Louisa schneidet Klebstreifen von der dicken Krepprolle, die ihr Yvonne Amstad geduldig zum Abschneiden hinhält, und klebt Zeitschriften-Schnipsel an einen Karton.

Leon Krummenacher (3) zwischen Papp-Wänden.

Von den sechs Kleinkindern zwischen zwei und vier muss niemand müssen. «Heute haben wir ihnen einfach mal Kartons hingestellt, um auszuprobieren, ob sie damit etwas machen möchten», erklärt Teddy Amstad. «Die Kinder sind die Experten. Sie hätten das Angebot komplett ignorieren und etwas anderes machen können.» Haben sie aber nicht. Es wird entdeckt, probiert und verworfen. Mit Schachteln kann man Wände aufstellen, Tunnel bauen oder ganze Häuser. Auch mit noch so geringer Kraft sind Wände aus Pappe zum Einstürzen zu bringen.

Interaktives Handeln mit den Kindern statt fertig ausgearbeitete Anleitungen

Seit dem 22. August betreiben Yvonne und Teddy Amstad ihr gemeinsames Malatelier nach dem Konzept der nationalen Initiative Lapurla zur künstlerischen Frühförderung von Kindern. Sie reden von «kreativen Freiräumen». Die Kleinkinderzieherin vom «Chinderhuis Obwalden» und der Lehrer für bildnerisches Gestalten an der Kantonsschule Obwalden kannten dieses aus ihrer jeweiligen beruflichen Arbeit.

Leon Krummenacher (3) zwischen Papp-Wänden.

Ein zentraler Begriff daraus macht klar, um was es geht. Teddy Amstad erklärt ihn so: «Bei der Ko-Konstruktion handelt es sich um die Ermöglichung der Wünsche oder Ideale der Kinder. Wir halten also das Klebeband und das Kind schneidet», nennt er ein Beispiel. Es entscheidet selbst, was es damit machen möchte. «Das Kind ist neugierig auf die Welt und soll seine Erfahrung machen dürfen. Wir sind häufig versucht, dem Kind umständliche Wege abzunehmen, weil wir den Wissensvorsprung haben», so der 49-Jährige aus Kerns.

Möglichkeiten, die Kinder daheim nicht haben

Eine der wichtigen Voraussetzungen für die kulturelle Entdeckerreise der Kleinkinder sind der 130 Quadratmeter grosse helle Raum im ersten Stock des Industriegebäudes und die vielen ästhetischen Materialien in den fahrbaren Holzboxen. Schnell mal die Finger in die kunterbunte Murmelkiste gleiten lassen, die glatten runden Steine befühlen oder durch die an Farben, Formen und Grössen unterschiedlichen Knöpfe wühlen.

Auch die Mütter zeigen sich sehr angetan. Wie Sabrina Rastedter, die ihre dreijährige Louisa abholt. «Das freie Gestalten, die kleinen Gruppen, finde ich super. Daheim sind wir eingeschränkt, hier gibt es so viele Materialien. Hier macht sie Sachen, die sie daheim nicht macht, sie lässt sich inspirieren.» Die Tochter überreicht ihrer Mutter vorsichtig zwei Bilder mit Farbverläufen in Zartlila. Die Linien enden im Farbnebel.

Leon Krummenacher (3) zwischen Papp-Wänden.

Bereits den ganzen Morgen hat Leon Krummenacher nicht von den Schachteln abgelassen. Gerade lässt er eine Murmel durch eine Pappröhre laufen. Bald begreift er aber, dass er eine Unterkonstruktion braucht für die erforderliche Schräge. Ein Karton ist die Lösung. Spielerisch hat sie der Dreijährige selber herausgefunden.

Wertvolle Momente auf spielerischer Entdeckungsreise

«Das sind die Momente, die so wertvoll sind», kommentiert Teddy Amstad erfreut. «Frühförderung ist so wichtig», ist er überzeugt. «Wir wollen integrativ arbeiten.» Das Projekt passt inhaltlich gut in den Kanton, der bereits ein Konzept für die «Strategie Frühe Kindheit» erarbeitet hat. Mit viel Idealismus stehen die Amstads als Duo hinter dem Projekt. 5000 Franken Anschubfinanzierung gab es vom Migros Kulturprozent und der Hochschule der Künste Bern.

Die Kosten für Miete und Materialien sind durch die zahlenmässig begrenzten Teilnehmer bei weitem nicht gedeckt, auch nicht durch das Atelier am Samstag für Kinder und Jugendliche ab fünf oder das Angebot vom «Freitagszeichnen» für Erwachsene. Langfristig wünschen sich beide, wenigstens schwarze Zahlen zu schreiben. Zeitlich leisten kann sich das Ehepaar das Atelier nur, weil beide nicht Vollzeit arbeiten. «Wir schaffen gern mit Menschen und sind mit Leidenschaft und Herzblut dabei.»

Mehr Infos zum Angebot unter www.farbexperiment.com .

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