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Luzern

Eine alte Fabrik in Emmenbrücke wird zur grossen Bühne

In einer stillgelegten Spinnerei in der Viscosistadt in Emmenbrücke inszeniert Annette Windlin das Theaterstück «Gedächtnispalast». Das Budget für das Grossprojekt beträgt über 1 Million Franken.

Es ist wie der Gang in ein verwunschenes Labyrinth: Metallrohre, Kessel, Eisentrommeln, Schaltknöpfe, Kabel, kahle Betonwände. Totenstille, wenig Kunstlicht. Ein Hauch Apokalypse weht durch die kalten Räume, die gespenstisch und – auf subtile Weise – zugleich heimelig anmuten. Wir sind in einer stillgelegten Spinnerei der früheren Viscosuisse in Emmenbrücke. Polyamid-Pneu- und Teppichgarne sowie Polyester-Filamentgarne wurden hier fabriziert. Hunderte von Tonnen jährlich. Die Produktion wurde zwischen 1990 und 2012 etappenweise eingestellt – aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen.

Zwei riesige, verrostete Silos zeugen vom Zerfall. Ansonsten stehen die alten Garnträger, Spinndüsen und Spulenwagen unverändert da. Fast so, als ob sie auf Knopfdruck wieder starten könnten. Anstelle von Schichtarbeiterinnen und -arbeitern werden hier nun aber demnächst Schauspieler Einzug halten. Die alte Spinnerei wird zum Schauplatz eines spektakulären Theaterprojekts unter dem Titel «Gedächtnispalast». Premiere wird am 26. April 2019 sein.

Putzarbeiten waren eine Riesenbüez

Die Vorbereitungsarbeiten haben längst begonnen. «Als erstes befreiten wir die Spinnerei vom Staub und Schmutz der letzten Jahre», sagt die Innerschweizer Theatermacherin Annette Windlin, die das Stück inszeniert:

«Alle machten mit bei
den Putzarbeiten, vom Produktionsteam
bis zu den Schauspielern.»

Es war eine Riesenbüez. Kein Wunder – die alte Nylon-6-Spinnerei erstreckt sich über fünf Stockwerke auf 5000 Quadratmetern Fläche. Alles, bis fast in den letzten verwinkelten Raum, wird für das kommende Theaterstück genutzt.

Das Gefühl, einen Fabrikraum aus dem vergangenen Jahrhundert zu betreten, wird bleiben. Allerdings wird für das für das Publikum nun eine zusätzliche Erlebnisebene geschaffen, mit kleineren und grösseren Installationen, verteilt über die fünf Stockwerke. Neben dem alten Kommandoraum steht ein Fauteuil aus den 1950er Jahren. An einer Wand hängen Heiligenbilder und Landschaftsansichten. Ein Raum wurde in eine Küche verwandelt, bedrückend eng, voll von Gläsern, Geschirr, Gewürzdosen. Irgendwo steht verlassen eine alte blecherne Badewanne. Hier und dort Gartenzwerge, Engelfiguren, ein Leiterwagen.

«Im Stück geht es um Erinnerungen, um die Frage, was es braucht zum Glück», sagt Windlin. «Glück findet man überall, in Esoterik, Neurowissenschaft, im Wirtschaftsleben. Glück hat aber auch viel mit Erinnerungen zu tun, mit Gegenständen, Geräuschen – sie sind der Boden, auf dem das Leben weitergeht.»

60 Szenen, diverse Schauplätze

Windlin ist durch Zufall auf die teils banalen, teils wunderlichen Alltagsgegenstände gestossen, die sie nun in der zum «Gedächtnispalast» umgewandelten Spinnerei ausbreitet. «Wir fanden sie in einem alten Wohngebäude, das den Besitzer wechselte. Eine Familie hatte hier in relativer Armut gelebt, in liebevoll gestalteten, teils hoffnungslos überstellten Wohnräumen.» Die Überbleibsel ihrer dortigen Existenz werden nun in einer vollkommen neuen Umgebung gezeigt und im Theaterstück neu gedeutet.

«Gedächtnispalast» ist die Geschichte zweier Familien, deren Leben sich überschneiden. «Die Idee dazu geistert seit 2001 in mir herum», sagt Windlin. «Jetzt habe ich, nach langem Suchen, den geeigneten Raum dafür gefunden.» Den Text schrieb Martina Clavadetscher, die Ausstattung macht Ruth Mächler. Das Theaterstück besteht aus 60 Szenen. Gespielt werden sie von 40 Schauspielerinnen und Schauspielern – ohne chronologischen Ablauf, verteilt über das ganze fünfstöckige Gebäude. Die Zuschauer können sich individuell durch die Räume bewegen, an einem Schauplatz länger, an einem anderen kürzer verweilen und «Erinnerungen aufsaugen», wie es Windlin umschreibt.

Kurzführungen für Interessierte

Das Budget beträgt über 1 Million Franken. «Einen Drittel davon tragen wir selber bei», sagt Windlin, «der Rest kommt von Stiftungen, Sponsoren und der öffentlichen Hand». Alle Innerschweizer Kantone und die Stadt Luzern leisten Beiträge.

Am Wochenende vom 30. November bis 2. Dezember gibt es Vorab-Kurzführungen durch die «Gedächtnispalast»-Räume. Sie finden im Rahmen der Designtage von Fidea-DesignSchenken an der Spinnereistrasse 11 in der Viscosistadt statt.

Hinweis: Premiere am 26. April 2019. Vorstellungen bis 29. Juni 2019. Für die Produktion werden weitere Helfer gesucht. Kontakt: René Marthaler, Telefon 044 764 05 12, r-marthaler@bluewin.ch

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