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Stadt Luzern

Ein Grüner wird neuer «Kapitän» des Luzerner Stadtparlaments

Der bisherige Fraktionschef der Grünen, Christian Hochstrasser (40), präsidiert neu das Parlament. Auch wenn dort manchmal die Fetzen fliegen: «Auf der persönlichen Ebene funktioniert es sehr gut.»

Am 1. September wurde Christian Hochstrasser (Grüne) turnusgemäss zum neuen Präsidenten des Luzerner Stadtparlaments gewählt. Bei der Feier am Abend kam es zu einem erstaunlichen Spektakel: Ein Orchester aus über 20 Parlamentsmitgliedern aller Fraktionen spielte auf – sogar Stadträtin Franziska Bitzi nahm ihre Querflöte hervor.

Ein Parlament in musikalischer Harmonie vereint, das ist doch etwas ungewöhnlich. «Auf der persönlichen Ebene funktioniert es tatsächlich sehr gut – auch über die Parteigrenzen hinweg», sagt der 40-jährige Christian Hochstrasser, der dem Parlament seit elf Jahren angehört und zu den Amtsältesten zählt.

Von welchem Schiff stammt das Steuerrad?

In den Parlamentsdebatten hingegen fliegen regelmässig die Fetzen, wenn sich Links-Grün und Bürgerliche duellieren. Als Präsident muss Hochstrasser nun während eines Jahres die Debatten leiten und in geordneten Bahnen halten.

«Meine Aufgabe ist es sicherzustellen, dass die Meinungsbildung demokratisch korrekt ablaufen kann.»

Um das Parlament «auf Kurs» zu halten, hat er von seinen Ratskolleginnen und -kollegen ein Schiffssteuerrad aus dem Fundus der SGV erhalten. Von welchem Schiff es stammt, ist nicht bekannt. «Vielleicht finde ich es ja noch heraus», sagt Hochstrasser, der mehrere Jahre lang als Matrose gearbeitet und heute noch «ein grosses Herz für den Vierwaldstättersee und Schiffe» hat.

Hochstrassers Vorgängerin als Parlamentspräsidentin, Sonja Döbeli (FDP), musste ab und zu zur Disziplin aufrufen, wenn sich – insbesondere jüngere – Parlamentarier allzu hart angingen. Der neue Präsident vertraut da auch auf seinen Hintergrund als Pädagoge (Hochstrasser ist Berufsschullehrer für Detailhandel im Kanton Bern). Humor sei meist ein gutes Mittel, um Konflikte zu bändigen. Wichtig sei, dass sich die Streitenden nachher wieder in die Augen schauen können. Im Falle des Stadtparlaments müsse man sich aber wenig Sorgen machen:

«Wer zusammen musizieren kann, kann auch Wortgefechte austragen, ohne dass es persönlich eskaliert.»

Er gehört dem moderaten Flügel an

Christian Hochstrasser selber gehört innerhalb der Grünen zum moderaten Flügel. Der bisherige Fraktionschef scheute sich auch nicht, mit Bürgerlichen gemeinsame Vorstösse zu lancieren. Dazu muss man wissen: Im Luzerner Stadtparlament herrscht seit 2020 quasi ein Patt: SP/Grüne halten exakt die Hälfte der 48 Sitze, Bürgerliche und GLP ebenso. Da das Präsidium nicht stimmberechtigt ist, ist diejenige Partei im Nachteil, die das Präsidium stellt. Die letzten beiden Jahre gab es bürgerliche Präsidentinnen – so hatten SP/Grüne faktisch eine Mehrheit. Wenig überraschend haben sie seit 2020 die meisten Anliegen durchgebracht.

Links-Grün wieder in der Minderheit

Doch jetzt, mit einem grünen Präsidenten, ändert sich das Machtgefüge. Wenn Bürgerliche und GLP zusammen halten, sind sie in der Mehrheit. Was bedeutet dies für künftige politische Entscheide? Christian Hochstrasser will die Stadtpolitik nicht auf mathematische Mehrheiten reduzieren. «Wenn man einfach alles mit einer Stimme Mehrheit durchboxt, kann dies eine verlässliche Politik behindern.» Ziel müsse sein, Entscheide immer so breit wie möglich abzustützen.

«Bei wichtigen Geschäften wären Kompromisse anzustreben, hinter denen mindestens eine 60-Prozent-Mehrheit stehen kann.»

Aber natürlich seien auch knappe Entscheidungen zu akzeptieren.

Die grössten Herausforderungen der Stadt sieht Hochstrasser neben der Klimakrise beim Wohnraum sowie der Stadtentwicklung, insbesondere für weniger Privilegierte. Dazu kommt die Weiterentwicklung der Tagesschule. Bei seinen eigenen Kindern erlebe er zwar, dass das Miteinander von Volksschule und Betreuung hervorragend funktioniert.

«Doch beim Ausbau der Plätze harzt es.»

Bei der Bildungspolitik hält sich Hochstrasser allerdings bewusst zurück – gerade wegen seines beruflichen Hintergrunds als Lehrer. Er wolle Interessenkonflikte vermeiden, Beruf und Politik «sauber trennen».

Wenn die Legislatur 2024 endet, wird Hochstrasser die Amtszeitbeschränkung von zwölf Jahren, die sich die Grünen selber auferlegen, überschritten haben. Er wird zwar 2023 für den Kantonsrat kandidieren, lässt seine politische Zukunft sonst aber noch offen.

2024 wird ein Sitz im Stadtrat frei

Das gilt auch für die Stadtratsfrage: 2024 wird der grüne Sitz von Adrian Borgula vakant. Doch als Vater von drei kleinen Kindern müsse er sich gut überlegen, ob er ein solch zeitintensives Amt ausüben könnte, sagt Hochstrasser.

Was es bedeutet, ständig für die Politik auf Achse zu sein, erlebt er jetzt als Parlamentspräsident: Neben der Vorbereitung und Leitung der Debatten ist er mehrmals pro Woche für Repräsentationszwecke unterwegs. Er mache das gerne, sagt Hochstrasser. Politik sei nach wie vor «eine grosse Leidenschaft».

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