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Kolumne

Das Ende eines ewigen Sommers

«Ich meinti»-Kolumnistin Carmen Kiser erlebte die Schattenseiten des Klimawandels. Die Campingferien waren geprägt von der Hitze – mit dem bitteren Ende der Flucht vor einem Feuer.

Mit meiner Familie verbrachte ich den Sommer auf der iberischen Halbinsel. Ein lang ersehnter Urlaub, der ungeplant zum Anschauungsunterricht für den Klimawandel wurde. Denn es war heiss. So heiss, dass jede Bewegung zu Schweissausbrüchen führte, auch wenn es nur ein Armheben war, um einen Schluck Wasser zu trinken. Die brennende Sonne zwang uns, ständig die Strassenseite zu wechseln, um im Schatten gehen zu können. Wir waren dankbar für jeden klimatisierten Raum – und nahe Wege zum kühlenden Meer.

Und dann kam das Feuer. Auf einem Camping im Nationalpark in Portugal sind wir mitten in einen Waldbrand geraten. Anfänglich war das interessant – Rauchsäulen am Horizont, den Löschflugzeugen zuschauen, die am Stausee vor unserer Hütte ihre Tanks beluden. Doch der Wind drehte. Irgendwann sahen wir Flammen statt Rauch. Nachmittags begann es Asche zu regnen. Abends läuteten im nächsten Dorf die Kirchenglocken Sturm, die Einwohnerinnen und Einwohner wurden evakuiert. Und auch wir begannen schon mal vorsorglich unsere Koffer zu packen.

Das Camping-Management beruhigte: Kein Problem, hier passiert nichts. Und trotzdem bauten unsere Mit-Camper ihre Zelte ab, füllten ihre Autos, räumten die Häuschen. Bis wir fast als Einzige noch übrig waren. Wir und das tiefenentspannte Management. Mein Mann hat die halbe Nacht Brandwache gehalten. Er hat Bäumen beim Explodieren zugeschaut und die Fenster geschlossen, als der Rauch in unsere Richtung zog. Am nächsten Morgen hatte sich die Lage nicht verbessert. Die Löschflugzeuge waren längst verschwunden, sie wurden andernorts gebraucht. Die Feuerwehr konzentrierte sich darauf, die Häuser zu schützen, rasch Felder zu roden und mit einem einzigen Helikopter ein bisschen Wasser über den schlimmsten Brandherden abzuwerfen. Dableiben wurde uns, im wahrsten Sinne des Wortes, zu heiss: Wir beschlossen, weiterzuziehen. Das Auto laden, losfahren, unterwegs Frühstück kaufen, irgendwo ein Hotel buchen und noch tagelang der Geruch von Feuer in unseren Kleidern – es hatte etwas Apokalyptisches, einen Hauch von Weltuntergang.

In diesem langen Sommer spürte ich deutlich, dass sich die Welt, in der wir leben, verändert. Was andernorts schon längst Realität ist – Hitzewellen, Dürren, Naturkatastrophen und all ihre Folgen – spüren wir nun auch hier, in abgeschwächter, privilegierter Variante. Denn wir können in die Berge oder ans Wasser fliehen vor der Hitze, können uns Klimaanlagen leisten, können ausgefallene Ernten kompensieren mit mehr Importen. Trotzdem stellt sich immer drängender die Frage: Was jetzt? Soll ich alle Kraft in den Kampf für eine nachhaltige und soziale Lebensweise stecken? Oder ist es sowieso schon zu spät? Soll ich mich zurücklehnen und entspannt auf das Ende warten? Ich meinti: Ich weiss es nicht. Und betrauere, wie vier Milliarden andere Menschen, für den Moment lieber den Tod einer europäischen Monarchin – und mit ihr auch ein bisschen die Zeiten, die waren – als sich mit dem auseinanderzusetzen, was da noch auf uns zukommt.

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