notifications
Zug

Baufirma aus dem Ennetsee in der Kritik: Wurden Reklamationen als Vorwand für Lohnkürzungen genutzt?

18 Jahre lang war Januz Tolaj Hilfsgipser bei einer Baufirma im Ennetsee. Zweimal wurde ihm schon der Lohn gekürzt, jetzt mit 55 steht er auf der Strasse – ohne Perspektiven. Seine Tochter kämpft um die Würde ihres Vaters.
Die Baustelle war auch lange Januz Tolajs zweites Zuhause. (Symbolbild: Key/Gaetan Bally)

Christopher Gilb

«Es sieht nicht gut aus für meinen Papi, aber das haben wir ja geahnt.» Die 29-jährige Shqipe Tolaj steht vor der Unia-Geschäftsstelle in Zug, neben ihr Vater Januz, 55. Rund eine Dreiviertelstunde haben sie mit einem Rechtsberater gesprochen. Shqipe Tolaj hat den Fall aus ihrer Sicht erklärt, ihr Vater daneben gesessen und genickt. Er versteht nicht gut Deutsch. «Er hat immer nur auf dem Bau gearbeitet, wie hätte er es auch lernen sollen», sagt seine Tochter. Berge kann auch die Gewerkschaft nicht versetzen, wie sie feststellen mussten.

Die Familie aus dem Kosovo kam 1994 in den Kanton Zug. Seit 2001 arbeitete Januz Tolaj dann bei der Gebr. B. + R. Renggli AG in Hünenberg als Hilfsgipser. Alles lief gut, bis 2014 dann das begann, was seine Tochter «eine Masche» nennt. «Er und seine zwei Arbeitskollegen, zwei Kroaten, wurden ins Büro gerufen, wo ihr Chef behauptete, es habe Reklamationen wegen ihrer Arbeit gegeben. Wenn sie einen tieferen Lohn akzeptieren würden, dürften sie bleiben, wenn nicht müssten sie gehen.» Den Inhalt der «Reklamationen» hätten die drei aber nie erfahren. «Das war doch nur eine Ausrede, um ihren Lohn zu drücken», sagt die Tochter aufgebracht. Sie zeigt die Arbeitsvertragsänderung ihres Vaters: Statt wie bisher zwischen 5000 und 6000 Franken, verdiente Tolaj neu noch etwas über 5000 Franken brutto. Auch die anderen zwei hätten eingewilligt. Bestätigen können sie den Vorfall gegenüber unserer Zeitung allerdings nicht. Sie habe sie extra gefragt, sagt die Tochter, beide seien aber leider nicht bereit, auszusagen.

Gekündigt und wieder eingestellt

Im Jahr 2016 hätte sich das Spiel wiederholt. «Dieses Mal kam die Kündigung per Post.» Als Kündigungsgrund wird «schlechte Auftragslage» genannt, angekündigt wird eine Kündigungsfrist von drei Monaten, da Tolaj schon über zehn Dienstjahre habe. «Wir suchten das persönliche Gespräch. Zu unserer Überraschung wurde gesagt, dass es wieder Reklamationen gegeben habe», sagt die Tochter. Wieder habe es geheissen, wenn er mit dem Lohn runtergehe, könne er bleiben. Arbeit zu haben, sei besser als zu Hause rumzuhängen, habe der Vater sich gesagt und sei geblieben. Es wurde ein neuer Vertrag aufgesetzt, mit dem 1. Dezember 2016 als Beginn, gekündigt worden war Vater Tolaj auf den 30. November. Knapp 5000 Franken brutto sollte er jetzt noch verdienen. «Damals vereinbarte ich mit seinem Chef Beat Renggli, dass er sich direkt bei mir meldet, sollte es wieder eine Reklamation geben», sagt Shqipe Tolaj. Das habe dieser aber nie getan. Ende September kam die nächste Kündigung mit Umstrukturierungen als Kündigungsgrund – Kündigungsfrist ein Monat. Nicht einmal ein Gespräch habe es gegeben.

Wir erreichen Beat Renggli, am Telefon. Er bestreitet einen Zusammenhang zwischen Reklamationen und Lohnkürzung oder allenfalls sogar der Kündigung. Manchmal habe es schon geheissen, dass der Mann etwas unsauber oder zu langsam arbeite. «Aber er ist nicht der einzige, der jetzt gehen muss. Ich habe zwei Bauführer weniger, deshalb reduziere ich die Belegschaft.» Darum stehe ja auch Umstrukturierung in der Kündigung. Das sei den Angestellten auch mitgeteilt worden. Zur Kündigung 2016 sagt er, dass es damals fast keine Arbeit gegeben habe und sie mehrere Personen hätten nach Hause schicken müssen. Danach habe man den Hilfsgipser frisch anstellen können. Doch wieso mit einem tieferen Lohn? Er sei ein Hilfsgipser, so einer verdiene heute oft nur 4100 Franken, er habe also immer noch überdurchschnittlich verdient. Zur Vertragsänderung 2014 könne er sich nicht äussern, da damals jemand anderes zuständig gewesen sei.

Unia fordert besseren Kündigungsschutz

Der Rechtsberater der Unia wird jetzt prüfen, was Tolaj für Varianten hat, aber auch er hat die beiden beim Gespräch in Zug auf das hingewiesen, was sie bereits wussten: Als 55-jähriger Hilfsarbeiter eine neue Stelle zu finden, wird schwierig.

Was sagt die Gewerkschaft grundsätzlich zu den Anschuldigungen der Tochter? Für Medienanfragen ist Giuseppe Reo, Regionalsekretär bei der Unia Zentralschweiz zuständig: «Wenn es wirklich Reklamationen gab, wäre das normale Vorgehen, das Gespräch mit dem Angestellten zu suchen und die Fakten auf den Tisch zu legen, aber auch zu prüfen, ob er als Hilfsgipser überhaupt für die Fehler zur Verantwortung gezogen werden kann», so Reo. Denn die Aufsichtspflicht habe immer noch der Arbeitgeber. Eine Lohnkürzung als Massnahme sei aber sehr ungewöhnlich. Und auch wenn sich die Auftragslage so verschlechtre, dass man Leute entlassen müsse, dann könne man sie im Normalfall nicht mit etwas weniger Lohn plötzlich doch weiter beschäftigten. Er könne sich aber andere Gründe vorstellen: «Lohndruck und die Sozialversicherungsprämien, die mit dem Alter des Angestellten steigen.» Wichtig seien deshalb ein besserer Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer und bessere Kontrollmöglichkeiten, so Reo. Denn die Erfahrung zeige: Bis ein Unternehmen kontrolliert werden könne, seien potenzielle Machenschaften oft nicht mehr nachvollziehbar.

Kommentare (0)