Zuger Firma holt neue CEO – diese Frau soll die angeschlagene Marke Kettler wieder fit machen

WIRTSCHAFT ⋅ Melanie Lauer ist neue CEO von Trisport. Die Zuger Firma hat jüngst Kettler gerettet – und will nun hoch hinaus.

22. Juli 2020, 18:11

Gregory Remez

Gregory Remez

Sobald die Türe zum Trisport-Hauptsitz in Hünenberg aufgeht, ist das Klackern eines Pingpong-Balles zu hören. Zwei Mitarbeiter liefern sich gerade ein deutlich hörbares Pausenduell. Auch sonst hat man im ersten Moment nicht das Gefühl, das Büro eines Unternehmens zu betreten. Eher wähnt man sich in einem Fitnessstudio. Aufgereiht stehen im Eingangsbereich Rudermaschinen, Laufbänder, Spinningräder und Crosstrainer. Was die Geräte verbindet: Auf allen prangt das bekannte Kettler-Logo. Dass es die Fitnessmarke, die einige noch mit Kindheitserinnerungen ans Kettcar verbinden dürften, noch gibt, ist einer jüngst unternommenen Rettungsaktion von Trisport zu verdanken. Denn bevor die Zuger Firma im letzten Dezember die Markenrechte erworben hat, stand Kettler gleich mehrere Male am Abgrund.

«Nachdem die Firma Kettler in den letzten fünf Jahren dreimal Insolvenz anmelden musste, haben sich die Trisport-Inhaber Ende 2019 dazu entschlossen, die Markenrechte der Fitnesssparte für den EU/Efta-Raum und die Türkei zu kaufen», sagt Melanie Lauer.

Die 39-Jährige wurde im Mai dieses Jahres als neue CEO engagiert und bildet mit dem langjährigen Geschäftsleiter Stefan Christen, 48, das neue Führungsduo bei Trisport.

Trisport soll international werden

Der Münchnerin wird in Hünenberg einiges zugetraut: Nicht nur soll sie der angestaubten Traditionsmarke Kettler wieder zu altem Glanz verhelfen, auch soll sie massgeblich dazu beitragen, Trisport strategisch neu auszurichten – von einem kleinen Distributor im Schweizer Sportgerätehandel zu einem international tätigen Unternehmen.

Es sei ganz komisch gewesen, bei einer Firma anzufangen, bei der man sich zuvor nicht persönlich vorstellen konnte, sagt Lauer im Gespräch. Wegen Corona sei das unmöglich gewesen, habe aber auch Vorteile gehabt.

«Weil ich mit allen Mitarbeitern vorab per Video chatten konnte, kannte ich schon alle, als ich ins Büro kam.»

Vor ihrer Berufung nach Zug war sie sieben Jahre beim deutschen Elektronikhändler Conrad Electronic tätig, wo sich zuletzt das internationale Geschäft verantwortete. Dort habe sie unter anderem die digitale Transformation mitgetragen, sagt Lauer. Seit Jahren setze sie sich für flexible Arbeitsmodelle ein. Nur so bleibe man als Arbeitgeber attraktiv, gerade für junge Talente. Sie selbst besitze weder einen festen Arbeitsplatz noch einen Drucker, arbeite wenn möglich unterwegs und papierlos. «Alles, was ich brauche, habe ich auf meinem Laptop.» Das erleichtere nicht nur die Arbeit, sondern auch das Pendeln zwischen Zug und München, wo sie mit ihrer Partnerin und ihren zwei Kindern lebe.

Personalbestand in sechs Monaten verdoppelt

Ihre Managementphilosophie sei dabei ziemlich simpel, sagt die Deutsche:

«Ich mag flache Hierarchien, wo man Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnet, statt mit dem Zeigefinger auf sie zu zeigen. Und ich setze auf eine ‹Mentality to fail›, eine Firmenkultur also, in der Fehler als Mittel des Fortschritts gesehen werden und nicht unter den Teppich gekehrt werden.»

Weiter liege ihr die Frauenförderung am Herzen. «Im wirtschaftlichen Umfeld gibt es kaum weibliche Vorbilder, das muss sich zwingend ändern.» Während ihres Philosophie- und Literaturstudiums habe sie diesbezüglich das Werk «Effi Briest» des deutschen Schriftstellers Theodor Fontane geprägt – «wegen der überaus misslichen Stellung der Frau zur damaligen Zeit».

Nun will Lauer also die Hünenberger Trisport in neue Zeiten führen.

Das 1980 gegründete Unternehmen war bisher ausschliesslich im B2B-Geschäft (Business-to-Business) tätig, belieferte also vor allem Fitnesszentren und grosse Händler wie SportXX, Ochsner Sport oder Intersport mit Fitnessgeräten. Einen Grossteil des Umsatzes machten die Zuger dabei jahrelang mit dem Vertrieb der Marke Kettler. Als diese 2015 zu straucheln begann, schlug sich dies entsprechend auch in den Büchern von Trisport nieder.

Nach der Übernahme der Marke hofft man nun auf einen Neuanfang. Dazu sollen unter anderem die Geschäftstätigkeiten ausgeweitet werden. Sukzessive will man sich in den B2C-Bereich (Business-to-Consumer) vortasten, also auch Endkonsumenten direkt mit Fitnessgeräten beliefern. Um das zu erreichen, habe man in den letzten sechs Monaten nicht nur den Personalbestand verdoppelt – auf aktuell 25 feste Angestellte –, sondern auch Melanie Lauer geholt, sagt Co-Geschäftsführer Stefan Christen.

EVZ-Spieler riefen an, um ein Fitnessgerät zu erhalten

Die ersten Kettler-Geräte unter eigener Flagge hat Trisport bereits verkauft. «Corona hat uns nach vorne gespült», sagt Lauer. Die Fitnesswelt sei schon vorher im Wandel gewesen, in der Krise habe sich dieser aber – ähnlich wie in anderen Branchen – beschleunigt. Fitnesszentren und Sportgeschäfte blieben zu. Das führte dazu, dass sich die Kunden umorientieren mussten und nach Möglichkeiten suchten, zu Hause zu trainieren.

«Betroffen waren ja nicht nur jene, die ab und zu in Fitnessstudio gingen, sondern auch Spitzensportler», ergänzt Christen. So hätten ihn während des Lockdowns gleich mehrere Spieler des EV Zug angerufen, um ein Fitnessgerät zu bekommen.

«Wir merken, dass bereits heute anders konsumiert wird. Wir wollen diesen Wandel besser verstehen und uns entsprechend aufstellen.»

Zur Neuausrichtung von Trisport gehört auch, dass man die Marke Kettler entschlackt. Das ursprüngliche deutsche Unternehmen sei ein Koloss gewesen, sagt Lauer. Trisport habe sich bewusst dafür entschieden, die Produktepalette zu reduzieren und dafür die Qualität weiterhin hochzuhalten. Nach der Schliessung der deutschen Werke wird künftig hauptsächlich im chinesischen Ningbo unweit von Schanghai produziert. «Kettler hat nach wie vor eine grosse Strahlkraft, vor allem im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist es, die Marke wieder dorthin zu bringen, wo sie einmal war. Trisport soll dazu weiter wachsen.»


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