Wenn der Befund von «Doktor KI» kommt: Ein Zuger Unternehmen lässt Algorithmen Röntgenbilder auswerten

WIRTSCHAFT ⋅ Ein Zuger Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, auf der mit Hilfe Künstlicher Intelligenz Röntgenbilder ausgewertet werden. Die Innovation soll zur Entlastung von medizinischem Personal beigetragen.

29. Dezember 2020, 05:11

Andreas Lorenz-Meyer

Andreas Lorenz-Meyer

Mediziner aus aller Welt können seit kurzem auf radailogy.com Röntgenuntersuchungen oder andere medizinische Dokumente hochladen und mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) untersuchen lassen. Entweder als Erstbefund oder als Zweitmeinung zur Absicherung oder Erweiterung der eigenen Diagnose. «Was wir mit Radailogy machen, ist eine Weltneuheit», erklärt Gerd Schueller, Gründer der Zuger Firma Emergency Radiology Schueller, die mit der Plattform im Oktober an den Start gegangen ist.

Ein Mediziner wolle etwa wissen, wie stark die Gelenksarthrose des Patienten genau sei. Er meldet sich bei Radailogy an und lädt die Röntgenbilder des Knie- oder Hüftgelenks hoch. Das Material landet nun in den Händen von Fachärzten für Radiologie. Die schauen sich das Röntgenbild erst selbst an, dann übermitteln sie es an eine KI, welche die Beschaffenheit des Gelenkknorpels und der Knochensubstanz berechnet. Welche KI das macht, entscheiden die Fachärzte von Radailogy oder der Kunde gibt seine Wunsch-KI an. Im nächsten Schritt begutachten die Fachärzte das KI-Ergebnis und bauen es in ihren Befund ein, welcher zum Kunden zurückgeht. Der bekommt so das Ausmass der Arthrose detailliert geliefert und kann entscheiden, was zu tun ist.

Ein Scouting-Team für die KI

Unternehmensgründer Schueller, ein gebürtiger Österreicher, arbeitete als Praktischer Arzt und Notarzt, bevor er sich zum Facharzt für Radiologie ausbilden liess. Der Blick aufs Ökonomische wurde ihm durch ein Wirtschaftsstudium vertraut. 2012 ging er in die Schweiz, wo er Chefarzt der Radiologie in Bülach war. Bis 2014, als er seine eigene Firma gründete und bald die erste Dienstleistung auf den Markt brachte: die Teleradiologie. Auch hier unterstützen Mediziner andere Mediziner online bei der Diagnose – nur eben ohne KI. Die Radiologen, die bei der neuen Plattform nun den Einsatz der KI steuern, sind nicht einfach nur Radiologen. Sie haben den Umgang mit der KI monatelang trainiert und wissen, welche zu welcher Untersuchung passt. Sie haben auch gelernt, KI-Ergebnisse richtig zu interpretieren. Daher nennen sie sich selbst Radailogen, analog zum Portalnamen. Dieses Kunstwort, das die Abkürzung AI für das englische Artificial Intelligence enthält, weist auf ihre Zusatzqualifikation hin:

«Es gibt nirgends sonst eine Ausbildung, die fachärztliches medizinisches Wissen und das Einbringen von KI-Ergebnissen kombiniert.»

Für ihn liegt in der Bündelung von Kompetenzen das Erfolgsrezept: «Wir bündeln ärztliche und informationstechnologische Kompetenz zentral und stellen sie gleichzeitig in vielen Ländern bereit.» Für die Auswahl der KI ist das eigene Scouting-Team zuständig, das den Markt beobachtet und die KI von Bewerbern einem Testverfahren mit anonymisierten Daten unterzieht. Eine gute KI in der Radiologie helfe, zu jeder Tageszeit und in jedem Setting hochqualitative Arbeit zu leisten. Schliesslich würden sich Fehler in der Radiologie auf das ganze Patientenmanagement auswirken. «Die Patienten bleiben länger fern von Heim und Arbeit, und der ganze Prozess kostet die Gesellschaft unnötig Geld.» Die neue Plattform ist für verschiedene Dokumente gedacht: Röntgenuntersuchungen, Magnetresonanztomographien, Mammografien, Elektrokardiogramme. Die Befunde werden in Deutsch oder Englisch verfasst. Die Buchungen nehmen seit dem Start stetig zu, sagt Schueller.

Geografische Schwerpunkte der Nutzung seien die deutschsprachigen Länder, aber auch der angelsächsische Raum und Frankreich. Schueller findet:

«Die Zeit ist reif für medizinische KI.»

«Die Forschungstätigkeiten auf diesem Gebiet haben sich erst in letzter Zeit so verdichtet, dass sinnvolle Dienstleistungen überhaupt möglich sind.» Radailogy und KI im Allgemeinen soll die medizinische Diagnostik verbessern, indem es Ärzten die einfachen Aufgaben abnimmt. Etwa die jährlichen Kontrollen von Screening-Untersuchungen in der Lungenkrebsvorsorge. Durch die Entlastung würden erstens weniger Ermüdungsfehler passieren. Und zweitens könnten sich Ärzte ganz auf kompliziertere Aufgaben konzentrieren. Zum Beispiel die Abklärung der Nachsorge: Welche Patienten haben nach einer Krebsbehandlung eventuell noch Tumoranteile im Körper und brauchen diese Patienten eine weiterführende Diagnostik und Therapie?

Paradigmenwechsel in der Medizin

In fünf bis zehn Jahren erwartet Schueller einen Paradigmenwechsel in der Medizin. Ärzte können dann «nahezu ihre gesamte Leistungsfähigkeit» komplexen Fällen zur Verfügung stellen. Die Patientenbetreuung werde so individueller und die Diagnostik präziser, was spürbare Kostensenkungen im Gesundheitssystem bringe. Von KI abgelöst würden die Ärzte aber nicht.

«Das versuchen wir bereits mit dem Prinzip von Radailogy zu verhindern. Ärzte sollen stets die Oberhand über die Computerprogramme haben und deren Ergebnisse beaufsichtigen.»

Die KI erkenne zwar mehr Details als der Mensch, das sei wissenschaftlich belegt. Allerdings können die KI-Ergebnisse auch falsch-positiv sein. Das heisst: Es gibt gar keine Erkrankung, obwohl die Software das anzeigt. Hier würden die Ärzte einschreiten und das falsche Ergebnis korrigieren.


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