Warum Glencore kurz vor dem Chefwechsel gelassen nach vorn blickt

WIRTSCHAFT ⋅ Der scheidende Glencore-Chef Ivan Glasenberg hinterlässt einen Konzern im Umbruch. Für die Zukunft sieht er diesen aber gewappnet.

16. Februar 2021, 18:51

Gregory Remez

Gregory Remez

Er hätte sich mit Glencore mit Sicherheit ein besseres Abschiedsjahr gewünscht. Doch die Pandemie machte 2020 auch dem scheidenden Konzernchef Ivan Glasenberg das Leben schwer. Niedrige Fördermengen und gesunkene Rohstoffpreise schlugen auf das Betriebsergebnis.

Hinzu kamen hohe Abschreibungen auf Projekte auf dem afrikanischen und südamerikanischen Kontinent; erst kürzlich hatte der Baarer Rohstoffmulti bekanntgegeben, die Anteile an der Mopani-Kupfermine in Sambia sowie Minenlizenzen in Kolumbien in die Hände der jeweiligen Regierungen zurückzugeben. Unter dem Strich resultierte ein den Aktionären zurechenbarer Verlust von 1,9 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 1,69 Milliarden Franken. Bereits im Jahr davor war ein Nettoverlust von 404 Millionen Dollar angefallen.

Besseres Ergebnis als erwartet

Dagegen konnte das bereinigte Betriebsergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) mit 11,56 Milliarden Dollar trotz der schwierigen Bedingungen beinahe auf Vorjahresniveau gehalten und die Nettoverschuldung weiter reduziert werden. Der Umsatz brach allerdings um 34 Prozent ein, von 215 auf 144 Milliarden Dollar. Als Gründe führte Finanzchef Steven Kalmin vor allem die über Wochen geschlossenen Förderanlagen und die gesunkene Nachfrage nach Rohstoffen in der ersten Jahreshälfte an.

An der Börse kamen die Zahlen trotzdem gut an – Analysten hatten im Vorfeld mit einem schlechteren Betriebsergebnis gerechnet. Die Aktie kletterte gestern zwischenzeitlich um mehr als 3 Prozent auf den höchsten Stand seit Mai 2019. Den Aktionären will Glencore trotz des gestiegenen Nettoverlusts eine Dividende von 12 Cent je Aktie auszahlen; insgesamt beläuft sich die Ausschüttung auf 1,6 Milliarden Dollar. Im letzten Jahr hatte der Konzern angesichts der unsicheren Marktaussichten auf eine Dividende verzichtet.

In der Zwischenzeit scheinen sich die Aussichten aber gebessert zu haben. So profitierte Glencore unter anderem davon, dass in der zweiten Jahreshälfte die Preise für Kupfer und andere Industriemetalle wieder anzogen. Wegen der volatilen Energiepreise gelang es der Handelssparte zudem, einen Vorsteuergewinn (Ebit) in Rekordhöhe von 3,3 Milliarden Dollar einzufahren – ein Plus von 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Und die Industriemetalle dürften künftig noch mehr zum Wachstum beitragen. Allein das Ebitda der Kupfersparte, die inzwischen fast zwei Fünftel des gesamten Ebitda von Glencore ausmacht, stieg 2020 um mehr als 50 Prozent. Für das laufende Jahr stellt der Konzern ein ähnlich starkes Gewinnwachstum im Kupfergeschäft in Aussicht – bei stagnierender Produktionsmenge. Auch bei Zink und Nickel, nicht minder bedeutende Metalle für die Energie- und Mobilitätswende, werden starke Zuwächse erwartet.

Ambitionierte Nachhaltigkeitsziele

Glasenberg sprach gestern folglich auch lieber über die Zukunft des Konzerns denn über gegenwärtige Hemmnisse. Man sei mit dem Rohstoffportfolio für die Anforderungen der Zukunft gut aufgestellt und bereit, das selbst gesteckte Ziel von Netto-Null-Gesamtemissionen bis zum Jahr 2050 zu erreichen, sagte der Noch-CEO, um das Wort anschliessend an seinen designierten Nachfolger Gary Nagle zu übergeben, der gestern zum ersten Mal öffentlich über seine künftige Rolle beim Rohstoffriesen sprach.

Der ebenso wie Glasenberg aus Südafrika stammende Nagle, der zurzeit noch von Sydney aus das globale Kohlegeschäft leitet, hielt sich kurz und liess verlauten, dass er sich darauf freue, die ambitionierte Nachhaltigkeitsstrategie in die Tat umzusetzen:

«Es ist der richtige Weg für Glencore, und es ist der richtige Weg für die Welt.»

Der Ausblick sei grossartig für Rohstoffe, die die Energiewende mitprägen werden, ergänzte Glasenberg. Dazu trage auch die neue US-Regierung unter Joe Biden bei. Diese werde Investitionen in grüne Technologien anschieben – was wiederum gut für Glencore sei.

Um das Ziel zu erreichen, die CO2-Nettoemissionen bis 2050 auf null zu reduzieren, will der Konzern künftig aber nicht nur vermehrt auf sogenannte «Clean Metals» wie Kupfer, Kobalt oder Nickel setzen, sondern auch sukzessive aus dem derzeit ohnehin kränkelnden Kohlegeschäft aussteigen. Im letzten Jahr brach das Ebitda der Sparte um knapp 70 Prozent ein, nachdem sie 2019 noch der bedeutendste Gewinngarant gewesen war. Die Aussichten sind ungewiss. Bis 2050 will sich Glencore deshalb komplett von der Abhängigkeit vom Kohlegeschäft gelöst haben.


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