Von Ennetbürgen auf die Weltmeere: Nidwaldner Firma mit IHZ-Innovationspreis ausgezeichnet

WIRTSCHAFT ⋅ Das Messgerät Scrubber Guard der Firma Sigrist-Photometer AG sorgt dafür, dass Schiffe Umweltrichtlinien einhalten. Für das KMU aus Nidwalden ist die Innovation ein wichtiger Wachstumstreiber.

17. September 2020, 05:12

Christopher Gilb

Ob in Wasseraufbereitungsanlagen, Brauereien oder im Gotthard-Basistunnel: Die Messgeräte der Sigrist-Photometer AG aus dem beschaulichen Ennetbürgen im Kanton Nidwalden sind vielerorts im Einsatz. Sie messen die Trübung im Bier, die Sauberkeit des Wassers oder eben über das Streulichtprinzip die Rauchkonzentration in einem Tunnel. Seit der Gründung im Jahr 1946, als das Gründerehepaar Willy und Paula Sigrist noch selbst am Küchentisch erste Messgeräte für die Bierindustrie fertigte, ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen – auf 83 Angestellte –, und die selbst entwickelten Messgeräte werden mit einem Netz aus Service- und Vertriebspartner in über 80 Ländern verkauft. Zudem verfügt das Unternehmen über eine Tochtergesellschaft in Deutschland.

In der Schweiz ist die Sigrist-Photometer AG in vielen Einsatzbereichen für Messgeräte Marktführer. Die Produkte haben aber ihren Preis, da komplett vor Ort entwickelt und produziert wird. «Es war schon die Philosophie der Gründer, industrielle Arbeitsplätze in der Region zu schaffen», erzählt Markus Stolz, der vor einem Jahr vom Stromzähler-Hersteller Landis+Gyr in Zug nach Ennetbürgen kam. «Wir suchen mit unseren Messgeräten die typisch schweizerischen Nischen: Sie bieten Qualität, Präzision und Verlässlichkeit.» Seit Anfang 2019 hat das Unternehmen nun ein komplett neues Produkt im Portfolio – ein Produkt, das keine der sonstigen Konkurrenten für Messgeräte im Angebot habe. Der sogenannte Scrubber Guard. Ein System zur Überwachung des Waschwassers von Abgasreinigungsanlagen auf Hochseeschiffen.

Schifffahrt will grüner werden

Heuer gibt es neue Richtlinien der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation IMO zur Einschränkung der Schadstoff-­Emissionen für die Schifffahrt. Damit Schiffe weiterhin mit Schweröl betrieben werden dürfen, werden sie nun mit Abgasreinigungsanlagen, sogenannten Scrubbern, ausgestattet. «Man muss sich das vorstellen, als würde der Schornstein in einer grossen Dusche stehen», erklärt Felix Joller, der seit zwölf Jahren fürs Unternehmen tätige Geschäftsfeldmanager für die industriellen Prozesse. «Durch diese Scrubber werden die Schadstoffe rausgewaschen», so Joller. «Aber um zu kontrollieren, ob das funktioniert, braucht es Sensoren.» Der Scrubber Guard, also sozusagen der Wächter der Reinigung, messe deshalb die Ölspuren, die Trübung, den pH-Wert und die Temperatur des Waschwassers. «So können die Richtlinien der IMO eingehalten werden.»

Auf die Idee für das innovative Gerät war Joller bei seinen Besuchen auf Ölplattformen gekommen. «Seit 1968 bieten wir Ölspurenmessgeräte an. Diese messen das Öl im Wasser und helfen so den Plattformbetreibern, die gesetzlich geregelten Grenzwerte einzuhalten», erklärt Joller. Das sind aber nicht die einzigen Sensoren, die auf einer Plattform im Einsatz sind. Und bei seinen Besuchen auf den Plattformen sei ihm immer wieder aufgefallen, dass die Installation der einzelnen Sensoren für die Betreiber sehr komplex und aufwendig sei. Joller machte sich also Gedanken über ein Komplettsystem, welches gleichzeitig alle Sensoren beinhaltet und zudem schnell und einfach– ohne Montageaufwand – in Betrieb genommen werden kann. Den perfekten Einsatzort fürs so ein Gerät fand Joller nun auf Handels- und Kreuzfahrtschiffen. «Auf einem Schiff kann es gehörig schaukeln, das ganze System muss also aus einem Guss funktionieren», sagt Joller. Einmal eingeschaltet, läuft das Wasser dann zur Kontrolle durch den Scrubber Guard.

Fertig entwickelt wurde dieser gemeinsam mit der Hochschule Luzern und einem heutigen Mitarbeiter des Unternehmens, der während der Entwicklungszeit dort Maschinenbau studierte. Bisher, erklärt CEO Stolz, sei der Scrubber Guard ein schöner Erfolg. «Alleine letztes Jahr ist unser Umsatz deswegen etwa 30 Prozent gewachsen, der Scrubber Guard ist unser Wachstumstreiber, der uns auch neue Möglichkeiten in der Professionalisierung gibt.» Alleine seit seiner Lancierung hätten in Ennetbürgen zehn zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden können.

Dass eine Firma aus der Region etwas Besonderes entwickelt hat, ist auch der Jury des Innovationspreises der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz IHZ aufgefallen. Sie zeichnet den Scrubber Guard, als eines von insgesamt 14 eingereichten Produkten, mit dem diesjährigen Innovationspreis aus. Als Bewertungskriterien standen Originalität und Höhe des Innovationsgrades, Markterfolg und -potenzial, Bedeutung für die Zentralschweiz, die unternehmerische Leistung sowie der Nutzen für Gesellschaft und Umwelt im Vordergrund. Die Entwicklung eines Komplettsystems unter Berücksichtigung der vielseitigen Ansprüche für die Schifffahrt auf allen Weltmeeren haben die Jury überzeugt, lässt sich der Jurypräsident und Nidwaldner Ständerat Hans Wicki zitieren. Dies freut Markus Stolz von der Sigrist-Photometer AG: «Das ist eine grossartige Anerkennung unserer Arbeit der letzten Jahre.»

Anerkennungspreis für Confiserie Bachmann

Bisher halte das Unternehmen mit dem Scrubber Guard einen Marktanteil von rund zehn Prozent, erzählt er. «Unser Hauptmarkt dafür ist China, wo heute die meisten Schiffe gebaut werden.» Nun will Sigrist-Photometer mit dem Produkt weiter wachsen. Wie stark? «Hätten Sie mich vor Beginn der Coronapandemie gefragt, hätte ich Ihnen das sagen können», antwortet CEO Stolz vielsagend. Er will sich wegen der Auswirkungen der Krise auf die Schifffahrtsindustrie deshalb mit konkreten Prognosen zurückhalten. Insgesamt habe die Coronakrise das Unternehmen bisher aber nicht so stark getroffen. Die Verkaufsrückgänge in den anderen Geschäftsfeldern hätten sich in Grenzen gehalten und: «Zur Unternehmensphilosophie gehört auch eine 100-prozentige Eigenkapitaldeckung. Das gibt uns die nötige Sicherheit für solche Zeiten», so Stolz.

Neben dem Innovationspreis hat die Jury der IHZ die Luzerner Confiserie Bachmann mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnet. Sie erhielt den Preis für ihren virtuellen 3D-Tortenkonfigurator. Mit dieser technisch komplexen Lösung habe das Unternehmen in der Branche eine Neuheit geschaffen. Kunden könnten ihre Torten somit selbst gestalten und jederzeit online bestellen. Damit fördere das Unternehmen die Digitalisierung und sichere die Arbeitsplätze von Fachkräften, so die Jury.


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