«Unglaublich, wie es gerade abgeht» – der Luzerner Energydrink «El Tony» mischt den Getränkemarkt auf

WIRTSCHAFT ⋅ Ein Muntermachergetränk aus Mateblättern erobert die Schweiz. Erst vor wenigen Jahren erfunden, wird «El Tony» mittlerweile auch von den grossen Detailhändlern angeboten. Hinter dem Produkt steht das Luzerner Unternehmen Intelligentfood.

12. Juni 2020, 16:11

Raphael Zemp

Raphael Zemp

Tony ist jung, nur gerade knapp fünf Jahre alt. Tony ist belebend, haucht Leben ein, wo sich Schläfrigkeit gemütlich eingerichtet hat, klart Gedanken auf, die zuvor vernebelt waren. Vor allem aber ist Tony beliebt. Was einst eine Rarität auf den Getränkekarten auserlesener Gastrobetriebe in der Region war, hält heute jeder Studi, der etwas auf sich gibt, in der Hand, kann man inzwischen in vielen Migros- und Coop-Filialen in der ganzen Schweiz aus dem Kühlregal fischen: den gesunden Energydrink «El Tony», aufgebrüht mit fein verschnittenen Blättern argentinischer Mate-Sträucher.

Anfangs reichten dafür einige hundert Kilo, inzwischen verschlingt Tony mehrere Tonnen jährlich. «Wir sind stark am Wachsen», sagt Saskia von Moos, Verantwortliche für Marketing und Produktentwicklung des Unternehmens Intelligentfood, das es seit nunmehr zehn Jahren gibt, inzwischen aus zwölf Mitarbeitern besteht und «El Tony» in die Welt gesetzt hat. «Unglaublich, wie es gerade abgeht.»

Konkrete Geschäftszahlen kommuniziert die 32-Jährige zwar keine. Aber alleine schon der Fakt, dass «El Tony» plötzlich von den ganz grossen Detailhändlern angeboten werde, spreche Bände.

Entspannt und professionell

Wir befinden uns im Parterre eines unscheinbaren Ebikoner Wohnblocks, unweit jener Verkehrsachse, die sich rauschend und röhrend durch das ganze Rontal frisst und auch mit unzähligen Ampeln kaum zu bändigen ist. Hände hat man sich zwar keine geschüttelt, an aufrichtiger Freundlichkeit mangelt es in den zwei wohnlich eingerichteten Büroräumen trotzdem nicht: Allenthalben fliegen Lächeln und winkende Arme entgegen, während Bürohund Julon aufgeregt zwischen Pult-, Stuhl- und Menschenbeinen umherflitzt.

Zwanglos, ja gar gemütlich fühlt es sich in der Schaltzentrale von Intelligentfood an. Dort, wo an «El Tonys» Erfolgsgeschichte gefeilt wird. Und doch darf man sich nicht täuschen lassen von der herrschenden Gelassenheit und Herzlichkeit, vom ungezwungenen Du, das ebenso schnell angeboten wird wie der Tony im Dosenformat. Hier sind Profis am Werk. Und auch von Moos sagt: «Es steckt sehr viel Arbeit darin. Harte und beharrliche Arbeit.» Und darin sieht sie denn auch den Grundstein des Erfolgs.

Denn schnell, schnell, das ist von Moos’ Sache nicht. Nur schon bis die Rezeptur von «El Tony» stand, sind unzählige Wochen verstrichen. Tüfteln, degustieren, Ideen verwerfen– und von vorne beginnen. Das Rad komplett neu erfinden, das war dabei nie das Ziel. Ein Produkt zu kreieren, besser als alles andere auf dem hart umkämpften Getränkemarkt, so viel musste dann aber doch sein. Ebenfalls klar war: «El Tony» sollte mehr sein als ein herkömmliches Getränk. Gut schmecken und Durst löschen, ist geschenkt. Der Zeitgeist verlangt nach Getränken mit Funktionalität. Dieses gewisse Extra kommt bei «El Tony» nicht in Form eines billigen Zuckerflashs daher, sondern von der Mate-Pflanze.

Die «Pflanze der Götter» wird heute vornehmlich im Länderdreieck von Argentinien, Brasilien und Paraguay kultiviert und steht im Ruf, der Gesundheit in vielerlei Weise zuträglich zu sein. In den Blättern der Strauchpflanze sind mehr als 200 Inhaltsstoffe nachgewiesen worden: Antioxidantien, Mineralien und Vitamine. Das soll nicht nur Nerven, Muskeln und Stoffwechsel anregen, sondern auch die Verdauung und Konzentration fördern. Nicht zuletzt, weil Mate auch eine gute Portion Koffein enthält, «allerdings in einer Form, die für den menschlichen Organismus besonders verträglich ist», so von Moos.

Rückverfolgung bis auf den Strauch

Dieses südamerikanische Kraut, es lässt die Macher von «El Tony» nicht los. Noch immer sind sie begeistert von seinen Eigenschaften, tüfteln an weiteren Mate-Getränken, obschon Tony mit «Puerto Mate» unlängst einen kleinen, milder gezuckerten und kohlesäurefreien Bruder bekommen hat. Gestillt sind weder Wissensdurst noch Ehrgeiz. «Wir wollen die Mate-Experten der Schweiz werden», gibt sich von Moos selbstbewusst. «Und weiterhin wachsen».

Das Interesse am südamerikanischen Kraut kommt dabei nicht von ungefähr. Seit jeher pflegt die Intelligentfood eine besonders enge Verbindung zum amerikanischen Subkontinent, weil der Kern der Belegschaft familiär verbandelt ist. Denn die Pindo-Farm in der argentinischen Provinz Misiones, die heute den munter machenden Mate für Tony und Co. liefert, wurde in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts von Schweizer Auswanderern aus dem Dschungel gestampft.

Diese spezielle Beziehung ist denn auch ein weiterer gewichtiger Faktor für den Erfolg von «El Tony». Woher etwa der verwendete Mate stammt, kann bis auf den Strauch zurückverfolgt werden. Ebenfalls kann so garantiert werden, dass kein Stängelmaterial im Mate landet. «Das alles wirkt sich positiv auf die Qualität aus», sagt von Moos. Aber auch bei der besonders schonenden Zubereitung des Mate-Tees sowie bei dessen Abfüllung hat das «El Tony»-Team hohe Ansprüche. So hoch, dass ihnen Schweizer Anbieter nicht gerecht werden konnten – und «El Tony» nun im österreichischen Vorarlberg gebrüht und abgefüllt wird.

Ganze Wertschöpfung liegt in der Schweiz

Mate aus Argentinien, Abfüllung in Österreich: Wie viel Luzern steckt denn eigentlich noch in Tony und Konsorten? «Sehr viel», meint von Moos. Die ganze Arbeit, alles Drumherum, das geschehe in Ebikon, im «Hirn» von «El Tony», wo Logistik, Verkauf, Vermarktung zusammenlaufen. Hier hat die Erfolgsgeschichte ihren Lauf genommen. Hier ist das Testgelände von «El Tony», sein «homeground». Hier trifft man ihn auch heute noch öfters an als in jeder anderen Schweizer Stadt. Und: Regionalität war auch beim Design trumpf: Das stammt nämlich von einer Nidwaldner Künstlerin. «Die ganze Wertschöpfung liegt in der Schweiz», sagt von Moos

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Fast unmerklich ist bereits über eine Stunde Gespräch dahingeplätschert. Von Moos hat es sich bequem gemacht hinter dem Sitzungstisch, ein Bein auf dem benachbarten Stuhl abgestützt, das letzte bisschen Steifigkeit abgestreift. Oft reichen einzelne Stichworte, um sie noch mehr über El Tony ausführen zu lassen. Mit einer Verve, die augenblicklich verrät: Das Geschäft mit der Matebrause ist eine Herzensangelegenheit. Das selbstbewusste und zuweilen auch unkonventionelle Geschäften – mehr als ein blosser Brotjob. Und dass noch nicht einmal das Wort Corona gefallen ist: ein gutes Omen.

Natürlich habe das heimtückische Virus auch ihre Pläne durcheinandergebracht. Ungebraucht bleibt die neugeorderte Bar eingelagert, weil Grossanlässe noch bis Ende August abgesagt sind. Gespürt habe man auch den Wegfall des Gastrogeschäfts. Und doch bleibt Tony auf Erfolgskurs. Denn auch wenn die Luzerner Mate-Limo von zwei gegenwärtigen Gesellschaftstrends profitiert, dem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein einerseits sowie dem gesteigerten Leistungsgedanken, ist von Moos überzeugt: «Wir sind mehr als ein Trend».


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