Swiss Steel und Steeltec in Emmenbrücke schliessen sich zusammen – langjähriger Chef Carlo Mischler geht in Pension

WIRTSCHAFT ⋅ Die Luzerner Swiss Steel Group schliesst die beiden Emmenbrücker Einheiten Swiss Steel und Steeltec zusammen. Ein Stellenabbau stehe dabei nicht im Fokus, heisst es. Derweil blockiert der Minderheitsaktionär Liwet um den russischen Milliardär Viktor Vekselberg die beschlossene Kapitalerhöhung gerichtlich.

07. Januar 2021, 12:11

Maurizio Minetti

Maurizio Minetti

Maurizio Minetti

Das geschichtsträchtige Stahlwerk in Emmenbrücke hat in den letzten 150 Jahren mehrmals den Namen gewechselt. Aus den ursprünglichen von Moo'schen Eisenwerken wurde die von Moos Stahl AG und später die Swiss Steel. Der weltweit tätige Mutterkonzern hiess jahrelang Schmolz+Bickenbach; diesen sperrigen Namen hat die Firmenführung im September in Swiss Steel Group geändert. Innerhalb dieser Gruppe gibt es diverse Stahlwerke und Betriebe, darunter eben das Werk Swiss Steel in Emmenbrücke sowie den Blankstahlbetrieb Steeltec, ebenfalls in Emmenbrücke stationiert.

Nun wurden per Anfang dieses Jahres die bisher getrennt operierenden Einheiten Swiss Steel und Steeltec zusammengeschlossen. Das bedeutet, dass der Emmenbrücker Stahlkocher ab sofort unter dem Namen Steeltec im Markt auftritt. Das neue Unternehmen zählt rund tausend Mitarbeitende, wovon über 700 am Standort Emmenbrücke arbeiten. Von diesen kommen rund 550 von der früheren Swiss Steel und 170 von Steeltec, weitere 300 arbeiten im Ausland. Konzernsprecherin Andrea Geile erklärt, es handle sich «derzeit rechtlich nicht um eine Fusion sondern um eine Anpassung der Management- und Businessunit-Struktur». Ob eine rechtliche Fusion zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden werde, werde noch geprüft.

Die beiden Bereiche gehörten früher zusammen

Die Swiss Steel Group vereint damit den «warmen» und den «kalten» Bereich der Stahlherstellung, wie man in Fachkreisen sagt. Unter hohen Temperaturen stellt das Werk durch Schmelzung von Schrott Rohstahl her, aus dem dann Draht und Stäbe gewalzt werden. Die Steeltec verarbeitet dieses Vormaterial danach in ihrer Zieherei zu Blankstahl. Kenner des Unternehmens bezeichnen den Zusammenschluss der beiden Einheiten zum jetzigen Zeitpunkt als nachvollziehbar und sinnvoll.

Tatsächlich wird mit diesem Schritt zusammengeführt, was schon einmal zusammengehörte. Vor rund zwei Jahrzehnten wurden die heutigen Unternehmen Swiss Steel und Steeltec von einander getrennt. Ziel war es damals, die beiden Geschäftsmodelle jeweils eigenständig zu entwickeln. Es ging damals vor allem darum, das Blankstahlgeschäft und speziell den Vertrieb der hochwertigen Produkte zu forcieren. «Der Schritt war damals richtig und hat zum Erfolg der beiden Unternehmen beigetragen», sagt Sprecherin Andrea Geile. Mittlerweile habe sich die Marktsituation aber wieder verändert, «sodass wir uns, aufgrund der erwarteten Synergien, zum Zusammenschluss entschieden haben», so die Sprecherin. Man sei damit in der Lage, entlang der gesamten Wertschöpfungskette effizienter Produktverbesserungen und Prozessinnovationen zu erzielen. Diese Einschätzung wird von externen Personen geteilt, die das Unternehmen gut kennen.

Werkplatz Emmenbrücke soll gestärkt werden

Wie bei solchen Zusammenlegungen üblich, dürfte es in den Bereichen Personalwesen, Finanzen oder Informatik Redundanzen geben. Im Rahmen von solchen Umstrukturierungen seien zwar Veränderungen «immer möglich und angedacht», bestätigt das Unternehmen auf Anfrage. Die Hauptgründe zur Verschmelzung der Unternehmen lägen aber in marktseitigen Vorteilen. Die Sprecherin sagt:

«Der Fokus liegt ganz klar nicht im Bereich der Einsparungen durch Stellenabbau, sondern darin, den Werkplatz Emmenbrücke nachhaltig zu stärken.»

Die beiden Einheiten seien in verschiedenen Prozessschritten zu Hause. «Das verlangt unterschiedliches Fachwissen bei den Mitarbeitenden. Gerade wenn der Markt wieder anzieht, sind wir auf die ausgebildeten Fachkräfte vor Ort angewiesen», so die Sprecherin. Für Kunden und Lieferanten werde sich wenig verändern.

Im Zuge der Zusammenlegung kommt es auf Managementebene zu einem Wechsel: Der bisherige Steeltec-CEO Florian Geiger hat am 1. Januar 2021 die Leitung der neu zusammengeschlossenen Einheit übernommen. Der gebürtige Zürcher ist sowohl Schweizer als auch deutscher Staatsbürger.

Der langjährige Swiss-Steel-CEO Carlo Mischler wird die operativen Aktivitäten bis zu seiner Pensionierung im Laufe des Jahres weiterführen und sich anschliessend zurückziehen.

Der Tessiner ist seit 1998 für Swiss Steel tätig, zuerst im Marketing und Verkauf, dann als dessen Leiter und Mitglied der Geschäftsleitung. Seit April 2011 ist er CEO. Auch bei der Muttergesellschaft Swiss Steel Group kommt es demnächst zu einem Wechsel: Frank Koch wird spätestens Anfang 2022 die CEO-Funktion von Clemens Iller übernehmen.

Restrukturierung ist im Gang

Lediglich strategischer Natur ist die Zusammenlegung der beiden Einheiten freilich nicht. Sie ist Teil der grossen Restrukturierung, welche die Swiss Steel Group aktuell durchmacht. Um die Vorgaben der kreditgebenden Banken zu erfüllen, muss der Konzern jeden Stein umdrehen, um noch effizienter zu werden. Der bereits vor der Coronakrise angeschlagene Stahlkonzern schreibt aktuell Verluste; er litt im vergangenen Jahr vor allem unter der schwächelnden Nachfrage aus der Autoindustrie.

Erst kürzlich hat die Swiss Steel Group darum eine neue Kapitalerhöhung beschlossen, die allerdings gerichtlich vom Minderheitsaktionär Liwet rund um den russischen Investor Viktor Vekselberg blockiert wird. Liwet will, dass Grossaktionär Martin Haefner allen anderen Aktionären ein Übernahmeangebot macht. Auch Kleinaktionäre wehren sich, weil ihr Anteil wegen der Kapitalerhöhung weiter verwässert wird.

Am Donnerstag teilte die Swiss Steel Group nun mit, dass Liwet am 30. Dezember «wie erwartet» beim Bezirksgericht Luzern ein Gesuch um vorsorgliche Massnahme zwecks Fortsetzung der Handelsregistersperre eingereicht habe. Der Konzern spricht von einem «verantwortungslosen Störmanöver gegen die Kapitalerhöhung». Liwet nehme dabei bewusst in Kauf, dass die Interessen der Gesellschaft und aller übrigen Aktionäre verletzt würden. Die Swiss Steel Group erwartet den Gerichtsentscheid zur von Liwet beantragten vorsorglichen Massnahme «in Kürze».


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