Stabübergabe bei Glencore: Bleibt beim Rohstoffriesen alles beim Alten?

WIRTSCHAFT ⋅ Im ersten Halbjahr 2021 soll der Chefwechsel bei Glencore vollzogen werden. Wer ist der neue Chef Gary Nagle und was sind seine grössten Herausforderungen?

16. Dezember 2020, 05:12

Gregory Remez und Christopher Gilb

Gregory Remez und Christopher Gilb

Gregory Remez und Christopher Gilb

Am wichtigsten Tag seiner bisherigen Karriere glänzte Gary Nagle durch Abwesenheit. Als ihn der Rohstoffkonzern Glencore Anfang Dezember als Nachfolger von Langzeit-CEO Ivan Glasenberg kommunizierte, stand der 45-Jährige weder Medien noch Investoren zur Verfügung. Stattdessen liess er seinen Noch-Chef und Ziehvater für sich sprechen: «Ich habe immer gesagt, dass ich das Unternehmen noch vor meinem 65. Lebensjahr verlassen will», sagte Glasenberg an der Online-Investorenkonferenz. «Nun ist der perfekte Zeitpunkt für Gary gekommen, das Ruder zu übernehmen.»

Zurzeit befindet sich Nagle noch in Sydney, von wo aus er die letzten beiden Jahre das globale Kohlegeschäft von Glencore geleitet hat. Erst vor einigen Wochen soll er erfahren haben, dass ihm bald die Führung eines Unternehmens übertragen wird, das weltweit 160000 Leute beschäftigt und zuletzt einen Jahresumsatz von 215 Milliarden US-Dollar ausgewiesen hat. «Ich kann nicht sagen, wann Gary realisiert hat, dass er zum engeren Kandidatenfeld gehört», führte Glasenberg aus. «Vor einiger Zeit begann ich aber, die Gespräche mit ihm zu intensivieren – da wird er sicher etwas geahnt haben. Und in den letzten Wochen habe ich Gary dann seine neue Rolle im Konzern offenbart.»

Verblüffende Parallelen

Wann genau Nagle in diese neue Rolle schlüpfen wird, ist noch unklar. Corona habe die Stabübergabe etwas verzögert, sagt ein Sprecher. Sie werde aber mit Sicherheit noch im ersten Halbjahr 2021 vollzogen. Bis dahin will Glasenberg seinen Nachfolger – so gut es die derzeitige Lage zulässt – in dessen neue Aufgaben einführen und ihn persönlich den wichtigsten Geschäftspartnern vorstellen. Hierzu müssten die beiden nun mal reisen können, so der Sprecher weiter. Zudem soll Nagle bereits im Frühjahr von Australien in die Schweiz ziehen. Ob er dabei Glasenberg in die Gemeinde Rüschlikon am linken Zürichseeufer folgt oder sich näher am Baarer Hauptquartier ansiedelt, hat der verheiratete Familienvater offenbar noch nicht entschieden.

Vereinfachen dürfte die Stabübergabe bei Glencore, dass Nagles Biografie verblüffende Parallelen zu jener Glasenbergs aufweist. Beide stammen aus Südafrika und studierten an der Universität von Witwatersrand in Johannesburg Rechnungswesen. Beide sind im Kohlegeschäft gross geworden und gelten als unzimperliche Macher. Neben Nagle waren auch Kenny Ives, der den Bereich Nickel leitet, und Nico Paraskevas, der für den Kupferhandel zuständig ist, als mögliche Nachfolger im Rennen gewesen. Am Ende scheint aber mehr für den «Mini-Ivan», wie der designierte CEO auch genannt wird, gesprochen zu haben. Offensichtlich entspricht er dem Bild von Glasenbergs Wunschnachfolger. Auf die Frage, was der Neue mitbringen müsse, soll dieser einmal gesagt haben:

«Er soll so sein wie ich.»

Für Analysten wie Daniel Benz von der Zürcher Kantonalbank (ZKB), der Glencore seit längerem beobachtet, ist Nagles Berufung denn auch keine grosse Überraschung. Obwohl in der breiten Öffentlichkeit noch ein unbeschriebenes Blatt, sei dieser in der Branche alles andere als unbekannt. So hat Nagle nach seinem Eintritt ins Unternehmen im Jahr 2000 unter anderem die kolumbianische Kohletochter von Glencore, Prodeco, sowie die Legierungsbetriebe des Konzerns in Südafrika geleitet. Benz sagt:

«Ich denke, mit dieser Wahl soll Kontinuität gewährleistet werden.»

Einen grossen Umbau habe Glencore in seinen Augen ohnehin nicht nötig. Denn beim Konzern handle es sich um «ein einmaliges Gebilde, das inzwischen alles abdeckt, was der Rohstoffbereich beinhaltet – von der Produktion und Lagerung über die Finanzierung bis hin zum Transport». Durch seine Kobaltsparte sei das Unternehmen zudem bestens für die Zukunft aufgestellt, um etwa von der starken Nachfrage im Bereich der Elektromobilität zu profitieren.

Doch welche Themen werden zuoberst auf der Agenda des neuen Chefs stehen? «Sicherlich die diversen laufenden Gerichtsverfahren wegen Korruptionsverdachts», sagt Benz. Die Prozesse hätten unter anderem zur Folge, dass Glencore derzeit schlechter bewertet sei als vergleichbare Konzerne wie Rio Tinto. «Dieses Problem sollte bereinigt werden, jedoch wird Nagle da nur am Rande Einfluss nehmen können», so Benz. Als Problemkind bezeichnet der Analyst zudem die Kohlesparte, deren Chef Nagle noch ist. «Wenn der Druck von Investoren wegen der hohen CO2-Emissionen weiter zunimmt, kann es sein, dass diese abgespaltet wird.» Auch Glasenberg habe sich zuletzt nicht mehr so fest daran geklammert. Er denke aber, dass «der Konzern einfach nicht mehr in diese Sparte investieren» werde.

Chefwechsel als Chance

Dass ausgerechnet der Verantwortliche für die Kohlesparte zum neuen Glencore-CEO berufen wurde, ist für Andreas Lustenberger, Präsident der Alternative – die Grünen Zug ALG, an sich schon ein Statement. «Ich würde in Frage stellen, ob das die richtige Person für eine Transformation zu mehr ökologischer Energie ist», sagt der Politiker, dessen Partei seit Jahrzehnten zu den grössten Kritikern des Rohstoffriesen zählt.

Seit Glencore 2011 an die Börse ging, zeigt sich das Unternehmen bemüht um einen offeneren Dialog mit der Zuger Bevölkerung und ihren Kritikern. Ob der neue Chef diese Bemühungen weiterführen wird? «Grundsätzlich ist für uns nicht relevant, ob Glencore hier im Kanton mit der Bevölkerung einen guten Kontakt pflegt», betont Lustenberger. Der Konzern solle einfach dort korrekt arbeiten und faire Steuern bezahlen, wo die Rohstoffe abgebaut werden – eine Anspielung auf die Abstimmung um die gescheiterte Konzernverantwortungsinitiative, nach der Glencore sogleich den neuen Chef vorgestellt hatte. Ein Wechsel an der Spitze sei aber auch immer eine Chance, so Lustenberger, dass «neue, vielleicht bessere Prioritäten gesetzt werden».


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