Roche legt dank Coronatests markant zu – 100 neue Jobs in Rotkreuz

WIRTSCHAFT ⋅ Der Basler Pharmariese Roche konnte den Gewinn im vergangenen Jahr nicht zuletzt dank seiner Coronatests steigern. Davon profitierte der Zuger Standort. Die Schweiz habe einen grossen Rückstand, was die Digitalisierung des Gesundheitswesens anbelange, sagte CEO Severin Schwan.

04. Februar 2021, 16:32

Andreas Möckli und Maurizio Minetti

Innerhalb des Roche-Konzerns spielt die Diagnostik-Sparte normalerweise eine untergeordnete Rolle. 2020 war das anders. Konzernchef Severin Schwan sagte am Donnerstag anlässlich der Präsentation der Jahreszahlen: «Ich gehe langfristig davon aus, dass die Diagnostik insgesamt einen neuen, wichtigeren Stellenwert haben wird.» Die Sparte mit internationalem Hauptsitz in Rotkreuz wuchs letztes Jahr um 6 Prozent auf 13,8 Milliarden Franken. Werden die Währungseffekte des starken Frankens herausgerechnet, betrug das Wachstum gar 14 Prozent. Roche Diagnostics hat letztes Jahr 15 neue Produkte für die Coronavirus-Diagnostik eingeführt. Das Geschäft mit der Molekular-Diagnostik, wo die Tests angesiedelt sind, wuchs um 78 Prozent.

Das Wachstum zeigt sich auch im Mitarbeiterbestand. Zählte Roche Diagnostics International in Rotkreuz ein Jahr zuvor noch 2626 Vollzeitstellen, sind es nun 2723 und damit fast 100 mehr. Roche produziert in Zug Geräte für die Analyse von Blut, Urin oder Gewebe.

Kapazitäten werden weiter hochgefahren

Der Pharmakonzern investierte gesamthaft rund 600 Millionen Franken, um die Produktionskapazitäten hochzufahren. Dafür stellte das Unternehmen weltweit rund 1200 neue Mitarbeiter an. Die Herausforderung: Roche musste gleichzeitig Verbrauchsmaterialien, Reagenzien und Rohmaterialien anschaffen. Diese waren aufgrund der Pandemie sehr gefragt.

Die Mitarbeiter arbeiten nun fast pausenlos, um genügend Tests herzustellen. Einzig Weihnachten sei ein Freitag gewesen, sonst werde rund um die Uhr gearbeitet, sagt Diagnostik-Chef Thomas Schinecker. Roche habe die Produktion im Rekordtempo hochgefahren.

So will das Unternehmen im ersten Quartal rund 40 Millionen PCR-Tests pro Monat herstellen. Im Sommer sollen es dann gar 70 Millionen sein. Bei den Antigen-Schnelltests ist das Ziel 100 Millionen pro Monat, derzeit sei man rund bei der Hälfte, sagt Schinecker. Nun will Roche in den US-Markt vorstossen, womit die Nachfrage nochmals deutlich steigen dürfte.

Was wird aus den Kapazitäten, wenn die Pandemie abklingen wird? Schinecker rechnet damit, dass die Nachfrage nach Tests mindestens in der ersten Jahreshälfte hoch bleiben werde, vermutlich auch noch im dritten Quartal. Danach sei die Entwicklung schwierig abzuschätzen. Er erinnerte jedoch daran, dass viele Länder ausserhalb Nordamerika und Europa ihre Bevölkerung nicht so rasch durchimpfen würden. Eine gewisse Nachfrage bleibe.

Stolz ist Roche auf den neuen Coronatest, den möglicherweise auch Privatpersonen zu Hause selber durchführen können. Gespräche mit den Behörden in verschiedenen Ländern würden derzeit geführt, sagte Schinecker. Im Unterschied zum herkömmlichen, unangenehmen Test reicht ein Abstrich im vorderen Nasenbereich. Allerdings ist die Genauigkeit nicht mehr ganz so gross. Ein PCR-Test, der mit einem Speichelabstrich gemacht wird, hat Roche verworfen. Dieser sei nochmals ungenauer als der Abstrich im vorderen Nasenbereich, sagte Roche-Chef Severin Schwan.

Keine einheitlichen Digital-Standards

Die vorgelegten Jahreszahlen sind insgesamt nicht berauschend. Der Umsatz des Konzerns sank um 5 Prozent auf 58,3 Milliarden Franken. Besonders spürte das Unternehmen die Konkurrenz durch Kopien seiner älteren Krebsmedikamente. Deren Patentschutz lief in den letzten Jahren aus. Dies allein verursachte eine Einbusse von rund 5,7 Milliarden Franken. Auch die Coronapandemie wirkte sich auf das Pharmageschäft aus. Die Krise traf vor allem Arzneimittel, für die Besuche bei Ärzten oder Spitälern nötig sind, etwa für Infusionen von Medikamenten. Dieses verursachte eine Einbusse von rund 2 Milliarden Franken.

Dennoch kletterte der Betriebsgewinn um 6 Prozent auf 18,5 Milliarden Franken. Roche sparte massiv bei den Produktionskosten und den Ausgaben für Marketing und Verkäufe. Allein bei diesen beiden Posten reduzierte die Firma die Kosten um 3,5 Milliarden Franken. Dies werde so weitergeführt, sagte Schwan. Der Pharmakonzern wolle vor allem Geld in die Forschung und Entwicklung investieren.

Roche-Chef Severin Schwan kritisierte die Schweiz an der Medienkonferenz scharf: «In Sachen Digitalisierung des Gesundheitswesens befindet sich die Schweiz im Steinzeitalter.» Es sei höchste Zeit, dass das Land nun aufhole. Schwan spricht von einem Weckruf. Er und andere hätten die Schweiz diesbezüglich schon seit Jahren kritisiert. Nun sei es während der Coronakrise noch viel klarer geworden. Andere Länder seien viel weiter, sagte Schwan anlässlich der virtuellen Jahresmedienkonferenz von Roche. Wenn es eine Lehre für die Schweiz aus der Pandemie gebe, dann die mangelnde Digitalisierung des Gesundheitswesens. Der Rückstand lasse sich aber nicht über Nacht beseitigen.

Bereits in einem Interview mit unserer Zeitung im Jahr 2019 kritisierte Schwan die Schweiz: «Es fängt damit an, dass Patientendaten in der Schweiz oft nur auf Papier festgehalten und noch nicht digitalisiert sind.» Es gebe keine einheitlichen Standards. So könnten die Daten nicht verarbeitet werden. «Die Schweiz hat hier eindeutig Nachholbedarf, was sich etwa am elektronischen Patientendossier zeigt», sagte Schwan. Viele andere Länder hätten dies längst eingeführt, hier fange dies erst jetzt zögerlich an.


Login