Noch ist es ruhig in den Konkursämtern der Zentralschweiz, aber es rollt ein «Konkurs-Tsunami» an

WIRTSCHAFT ⋅ Die Konkursstatistik zeigt bis jetzt keine Auffälligkeiten. Doch das könnte sich bald ändern. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Firmenpleiten in den nächsten Monaten massiv ansteigen wird.

09. Juni 2020, 05:11

Maurizio Minetti

Maurizio Minetti

Stück für Stick hat der Staat in den letzten Monaten einen Schutzwall errichtet. Das Ziel: Die Folgen der Coronakrise für die Wirtschaft zumindest zeitlich etwas hinauszuzögern. Rechtsstillstand im Betreibungswesen, vom Bund verbürgte zinslose Kredite, Mahnstopps der Sozialversicherungen und das bewährte Mittel der Kurzarbeit: Etliche Massnahmen sollen dafür sorgen, dass Unternehmen die schlimmste Phase der Krise überstehen. In der Hoffnung, dass sich möglichst viele von ihnen über Wasser halten können.

Ein Blick in die Statistik der Firmenkonkurse zeigt, dass die Massnahmen zumindest für den Moment wirken. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres nahm die Zahl der Firmenkonkurse schweizweit gegenüber der Vergleichsperiode im Vorjahr sogar um 23 Prozent ab, wie neusten Zahlen des Wirtschaftsinformationsdienstes Bisnode D&B zu entnehmen ist. Für den Monat Mai betrug der Rückgang gar 32 Prozent. Urban Hodel, Sprecher des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, überrascht dies nicht: «Die Wirtschaft wird immer noch stark unterstützt. Löhne werden vom Staat gedeckt. Damit können viele Arbeitsplätze erhalten bleiben. Ansonsten hätten wir deutlich mehr Entlassungen oder Konkurse», sagt er.

Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz gibt sich zuversichtlich

In der Zentralschweiz sind die Zahlen stabil (siehe Tabelle). Eine Umfrage unserer Zeitung unter Fachleuten in Betreibungs- und Konkursämtern der Zentralschweiz bestätigt dieses Bild: Nirgends ist ein Anstieg von coronabedingten Konkursverfahren zu erkennen.

Doch die Schutzmauer des Staates droht in den nächsten Monaten zu bersten. Bisnode spricht bedrohlich von einem «Konkurs-Tsunami, der über die Schweiz hereinbrechen» werde. Die Frage sei nicht ob, sondern wann dies geschehen werde. Bisnode erwartet in den nächsten Monaten eine massive Zunahme der Firmenpleiten.

Adrian Derungs zeigt sich aber grundsätzlich optimistisch. Der Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) verweist auf die traditionell heterogene Struktur der Zentralschweizer Wirtschaft: «Je nach Kanton und Gegend gibt es einen unterschiedlichen Branchenmix. Mit Blick in die jüngere Vergangenheit vor Corona hat sich die Zentralschweizer Industrie im schweizweiten Vergleich als eher krisenresistent erwiesen.»

Vergangene Krise hätte gezeigt, dass die meisten Konkurse in der Region Zentralschweiz im Bau, im Grosshandel, im Detailhandel und in der Gastronomie stattfanden. «Dieses Bild wird sich vermutlich ändern zu Ungunsten von Unternehmen aus besonders betroffenen Branchen, wie etwa der Tourismus- und Gastrobranche», glaubt Derungs. Illusionen macht er sich nicht: «Wir werden nicht ohne Schaden durch diese Krise kommen; leider auch nicht ohne schmerzhafte Konkurse.» Positiv sei zurzeit festzustellen, dass viele Unternehmer und deren Mitarbeitende sich den Umständen anpassen, nach innovativen Lösungen suchen und die Krise proaktiv bewältigen. Dieses zuversichtliche Unternehmertum sei in dieser schwierigen Zeit essenziell, sagt er.

Gewerkschaftsbund fordert längere Kurzarbeit

Urban Hodel vom Gewerkschaftsbund erinnert derweil an die Forderungen, die man dem Bundesrat kürzlich übergeben habe. Eine davon lautet, die Kurzarbeitsdauer so rasch wie möglich von aktuell 12 auf 18 Monate zu verlängern. Ausserdem sollen die Arbeitslosenversicherungen, aber auch die gut finanzierten Firmen, die Lohne bei Kurzarbeit zu 100 Prozent zahlen.

Zudem könne die Belastung durch die Krankenkassenpramien verringert werden – etwa durch hohere Pramienverbilligungen und einen Abbau der Reserven in den Krankenkassen.


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