Nach dem Stopp der Migros Luzern: Wie sinnvoll ist Plastik-Recycling?

WIRTSCHAFT ⋅ Die Migros muss ihr Projekt vorerst auf Eis legen. In Luzern gibt es Widerstand gegen das Rezyklieren von Plastik: Der Gemeindeverband Real hält nicht viel davon. Doch nicht alle sind gleicher Meinung.

01. Juli 2020, 17:11

Maurizio Minetti

Die Migros Luzern sorgte Anfang dieser Woche für Überraschung, als sie ihr geplantes Plastikrecycling-Projekt just an jenem Tag stoppte, an dem es eigentlich hätte starten sollen. Der Grossverteiler hatte Mitte Juni die Lancierung eines eigenen Plastik-Sammelsacks angekündigt. Die Idee dahinter: Kunden bringen ihren Plastik in die Migros, wenn sie ohnehin schon dort einkaufen gehen. Die Migros sorgt in Zusammenarbeit mit einem Thurgauer Unternehmen anschliessend fürs Recycling. Und aus dem gewonnenen Granulat sollen dann neue Migros-Produktverpackungen entstehen. Das Projekt sollte bei der Migros Luzern pilotiert und dann schrittweise auf Migros-Filialen in der ganzen Schweiz ausgerollt werden.

Soweit der Plan, doch nun ist alles auf Eis gelegt. Die Gründe für den Projektstopp blieben zunächst unklar. Man wolle die Initiative nun gemeinsam mit den für die Abfallbewirtschaftung zuständigen Zentralschweizer Abfallzweckverbänden starten, hiess es bei der Migros verklausuliert. Tröpfchenweise kommen nun weitere Informationen ans Licht. Die «Tagesschau» berichtete gestern, diese Verbände, die in den Gemeinden für die Abfallbewirtschaftung zuständig sind, hätten erst aus den Medien von dem Projekt erfahren. Laut dem heutigen «Tages-Anzeiger» fehlt der Migros zudem eine Konzession für das Projekt.

Aus der Entsorgungs-Branche ist zudem zu erfahren, dass Real, der Gemeindeverband der Region Luzern, gar keine Freude am privatwirtschaftlichen Projekt hatte. Bei Real hält man von Plastik-Recycling nämlich nicht viel: «Die separate Sammlung von gemischten Kunststoffabfällen aus Haushalten wird den Kunden unter Berücksichtigung ökologischer und wirtschaftlicher Aspekte nicht empfohlen», heisst es auf der Webseite.

Wie Real zum Projekt der Migros steht, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Der Gemeindeverband äussert sich nicht dazu. Bei der Migros Luzern heisst es auf Anfrage: «Wir betrachten es nicht als relevant, wer wann wen kontaktiert hat. Fakt ist: Sowohl der Migros wie auch den Abfallzweckverbänden ist es ein grosses Anliegen, die nächsten Schritte in der Zentralschweiz gemeinsam zu planen. Darum laufen aktuell die Gespräche, welche auf einem guten Weg sind», so Migros-Luzern-Sprecher Claudius Bachmann.

Macht Recycling von Plastik überhaupt Sinn?

Ob es überhaupt Sinn macht, Plastik zu sammeln und zu recyceln – darüber herrscht keine Einigkeit. Ein Kritiker ist zum Beispiel Hans Lipp, Präsident des Gemeindeverbands Kehrichtentsorgung Region Entlebuch: «Das Sammeln von Plastik ist überhaupt nicht sinnvoll. Vor allem deshalb nicht, weil man zum Beispiel Joghurtbecher oder Fleischverpackungen zuerst waschen muss und dann womöglich noch grössere Distanzen mit dem Auto zur Entsorgungsstelle zurücklegt.» Seiner Meinung nach können beim Recyceln von Plastik höchstens 30 Prozent der Stoffe wieder verwendet werden. Auch Greenpeace hatte bei der Lancierung des Projekts kritisiert, dass sich die meisten Kunststoffarten nicht mehrfach in guter Qualität wiederverwerten lassen. «Plastik gehört in den Abfallsack, das ist ökologischer», sagt Lipp und verweist auf die Kehrichtverbrennungsanlage Renergia: «Plastik brennt gut und mit der damit gewonnenen Energie wird etwa die Perlen Papier AG mit Prozessdampf versorgt.»

Dass es keinen Sinn macht, dreckiges Plastik zu waschen und zu recyceln, das sieht auch Bruno Frey so. Er ist Geschäftsführer und Inhaber des Surseer Entsorgungsunternehmens Josef Frey AG, das auf der Luzerner Landschaft sechs Sammelhöfe betreibt. Der langjährige Branchenkenner verweist aber darauf, dass Plastik-Recycling in den meisten Fällen durchaus Sinn macht. «Plastik ist eine wiederverwertbare Ressource, und Ressourcen vernichtet man nicht einfach so. Das ist heute kaum mehr vertretbar.» Sein Unternehmen hat vor eineinhalb Jahren einen Sammelsack für Plastik lanciert - genau gleich wie jetzt die Migros es vorhat. Wie die Migros lässt auch die Josef Frey AG den Plastik bei einer Firma im Thurgau rezyklieren, wo Freys Aussagen zufolge eine Recyclingquote «von nachweislich rund 70 Prozent erreicht wird». Beim Bundesamt für Umwelt heisst es zum Thema, dass die von der Migros vorgesehene Sammlung «aus Umweltsicht sinnvoll ist und einem heutigen Bedürfnis der Konsumentinnen und Konsumenten entspricht».

Ob Plastik-Recycling sinnvoll ist oder nicht, darüber lässt sich also streiten. Demnächst wird sich auch die Politik damit beschäftigen. FDP-Nationalrat Marcel Dobler reichte eine Motion ein, die mehr Plastik-Recycling fordert – just am Tag der Migros-Ankündigung.


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