Matthias Rebellius: der Mann hinter dem bald schon bedeutendsten Industriebetrieb der Schweiz

WIRTSCHAFT ⋅ Matthias Rebellius ist seit Montag Chef von Siemens Schweiz und gleichzeitig COO der neuen Einheit Smart Infrastructure mit Hauptsitz in Zug. Er erklärt, wie er die Profitabilität steigern will und was ihm am meisten Sorgen bereitet.

02. April 2019, 15:18

Maurizio Minetti

Sie sind seit dem 1. April nicht nur COO der neuen Siemens-Division Smart Infrastructure mit weltweit 70 000 Angestellten, sondern quasi nebenbei auch noch CEO von Siemens Schweiz mit mehr als 5700 Mitarbeitern. Ist das nicht zu viel?Matthias Rebellius: Nein, das glaube ich nicht. Beide Rollen sind wichtig und ich möchte auf der erfolgreichen Arbeit meines Vorgängers Siegfried Gerlach aufbauen. Smart Infrastructure macht hierzulande zirka drei Viertel des Geschäfts aus. Deshalb hat der Vorstand entschieden, mir die Leitung von Siemens Schweiz und das Amt des COO zu übertragen. Die gewählte Lösung funktioniert nur mit einem starken Team und gut eingespielten Arbeitsabläufen – beides ist gegeben. Wie viel arbeiten Sie?Ich zähle die Stunden nicht. Aber ich bin ja lange nicht der Einzige, der gut gefüllte Arbeitstage hat.Mit der zusätzlichen Rolle wird die Belastung aber bestimmt steigen.Ich habe eine Aufgabe übernommen, von der ich überzeugt bin und für die ich 24 Stunden und sieben Tage die Woche in der Verantwortung stehe. Ich arbeite aber nicht ständig; Ausgleich ist zentral. Freizeit, Familie und Sport sind für mich sehr wichtig. Die in Zug domizilierte Sparte Smart Infrastructure hat ein Ebitda-Margenziel von 11 bis 15 Prozent. Die Gewinnmarge bei der Vorgänger-Sparte Building Technologies lag zuletzt bei 11 Prozent. Wie wollen Sie profitabler werden?Ziele sind dazu da, um erreicht zu werden. Bei Building Technologies hatten wir ein Ziel von 8 bis 11 Prozent. Das haben wir geschafft. Darum haben wir uns bei Smart Infrastructure nun ein höheres Ziel gesetzt. Die neue Division umfasst zudem nicht nur die Gebäudetechnik wie bisher, sondern wurde ergänzt durch das Nieder- und Mittelspannungsgeschäft, das naturgemäss höhere Margen aufweist. Um Ihre Frage zu beantworten:

Wir werden am Geschäftsmix arbeiten, zusätzliches Wachstum generieren und höhermargige Geschäfte suchen.

Zum Beispiel?Einen Fokus setzen wir auf Ladestationen für Elektroautos. Dieser Markt wächst stark. Ein grosses Thema ist auch die Zwischenspeicherung elektrischer Energie aus erneuerbaren Quellen für Privat- und Firmenkunden. Und natürlich werden wir das Stammgebiet Gebäudetechnik weiter vorantreiben. Details zur neuen Strategie werden wir am 8. Mai am Investorentag in München bekannt geben.Werden Sie bei Smart Infrastructure an den Kosten schrauben müssen?Wir sind am globalen Hauptsitz in Zug schon sehr gut aufgestellt. Die Vorgängerorganisation war eine der schlankesten im Konzern. Das hat vor allem damit zu tun, dass wir viele Aufgaben an die verschiedenen Weltregionen delegiert haben. Diese dezentrale Struktur wollen wir beibehalten. Heute arbeiten in Zug 1700 Personen. In den letzten Jahren gab es zwei Mal einen Stellenabbau aus Kostengründen. Wird nun wieder aufgestockt, da die neue Sparte grösser ist als die alte?Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Zahl der Angestellten in Zug signifikant verändert. Die neue Sparte ist zwar grösser als die alte, aber in der Zentrale ändert sich dadurch nur wenig. Was sich aber verändern wird, sind die Profile. So ist zum Beispiel die Zahl der Software-Ingenieure oder Datenanalysten kontinuierlich angestiegen. Dieser Trend wird sich fortsetzen.Was macht Ihnen Sorgen?Grundsätzlich bin ich ein positiv denkender Mensch, aber die aktuelle politische Situation ist nicht einfach. Handelszölle, der Streit zwischen China und den USA oder der Brexit sind Anzeichen einer Welt, die auseinanderdriftet. Das führt für Unternehmen wie Siemens zu Situationen, in denen man praktisch von heute auf morgen reagieren muss. Diese Unsicherheit beeinflusst das Investitionsgütergeschäft negativ.Spüren Sie das in den Büchern?Wir selber spüren vor allem den Handelskonflikt zwischen den USA und China. Die USA sind einer der grössten Absatzmärkte für den Bereich Gebäudetechnik. Der Auftragsbestand ist momentan gut, aber die Unsicherheiten sorgen mittelfristig für eine Zurückhaltung bei den Investitionen unserer Kunden.Die Deindustrialisierung in der Schweiz ist Realität. In den letzten Jahren sind Tausende Industriejobs gestrichen worden. Welche Rolle spielt Siemens dabei?Was Siemens angeht, ist unsere Belegschaft in den letzten fünf Jahren stabil geblieben. Klassische Industriejobs gibt es bei uns nur in Wallisellen in der Bahnsparte sowie in Zug im Bereich Gebäudetechnik. Wir haben im Produktionsbereich zwar weniger Mitarbeiter als vielleicht zehn Jahre zuvor, dafür haben wir massiv in Technologie investiert, um eben diese Arbeitsplätze in der Schweiz zu behalten. Die Definition «Industriejob» wird sich meines Erachtens ohnehin noch stark verändern. Der Anteil an Software, IT und Robotik wird weiter steigen. Die Vorstellung eines Industriearbeiters am Fliessband gehört schon lange der Vergangenheit an.

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