Kampf gegen Narkolepsie und ADHS: Stanser Start-up geht an die Nasdaq und nimmt Millionen ein

WIRTSCHAFT ⋅ NLS Pharmaceutics mit Sitz in Stans entwickelt Medikamente zur Behandlung von Narkolepsie und ADHS. Mit dem frischen Geld aus dem Börsengang sollen nun weitere Studien finanziert werden. Eine Zulassung könnte in rund drei Jahren erfolgen.

08. Februar 2021, 11:11

Maurizio Minetti

Maurizio Minetti

Es kommt sehr selten vor, dass ein Schweizer Unternehmen an die US-amerikanische Technologiebörse Nasdaq geht. Am 29. Januar war es für die Stanser Biotechfirma NLS Pharmaceutics so weit. «Die Nasdaq bietet das ideale Umfeld für Start-ups, die noch in der Entwicklungsphase stecken. Die Schweizer Börse setzt eher auf arrivierte Unternehmen, die schon einen substanziellen Umsatz vorweisen können», begründet Alex Zwyer, CEO und Mitgründer von NLS, den Gang an die Nasdaq.

Orientiert man sich an der Börsen-Kapitalisierung, hat NLS einen Firmenwert von rund 50 Millionen Dollar. Bei den Investoren bestehen Erwartungen, dass sich der Wert des Unternehmens in Zukunft erhöhen könnte. Doch wie kommt überhaupt ein Stanser Unternehmen an die Nasdaq und was macht es potenziell so wertvoll?

20 Jahre Erfahrung in der Pharmaindustrie

Zwyer – der Name verrät es – hat familiäre Wurzeln in Uri, ist aber im Appenzell aufgewachsen. Der 52-jährige Geschäftsmann hat in der Vergangenheit unter anderem nachhaltigen Kaviar produziert, aber er hat auch 20 Jahre Erfahrung in der Pharmaindustrie. Zuletzt war er Chief Operations Officer beim Ostschweizer Pharmaunternehmen Vifor International, heute Viforpharma.

Ein französischer Neurologe und Schlafforscher, mit dem er bei Vifor Studien durchführte, kontaktierte ihn 2014. Der Arzt war auf die Idee gekommen, das damals längst vom Markt verschwundene Medikament mit dem Wirkstoff Mazindol für neue Indikationen in der Schlafkrankheit Narkolepsie und in der Aufmerksamkeitsstörung ADHS zu entwickeln.

Ursprünglich wurde Mazindol zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Der Basler Pharmariese Novartis hatte die Entwicklung dieses Medikaments 1999 aus kommerziellen Gründen eingestellt, um sich auf das Konkurrenzprodukt Ritalin zu konzentrieren. Ritalin stammt von Ciba, Mazindol von Sandoz. Novartis entstand 1996 aus der Fusion dieser beiden Unternehmen.

Im Gründungsjahr rund 8 Millionen Franken gesammelt

Der französische Arzt meldete früh erste Patente für Mazindol an, brauchte aber jemanden, der vom operativen Pharmageschäft eine Ahnung hatte. «Mir war rasch bewusst, dass dieser Wirkstoff Potenzial hatte», berichtet Zwyer. So entstand 2015 das Start-up NLS Pharmaceutics, wobei die Abkürzung für «Neuro Life Sciences» steht.

Die beiden holten weitere Geschäftspartner an Bord und machten sich auf Investorensuche. Noch im Jahr der Gründung gelang es Zwyer, rund 8 Millionen Franken einzusammeln. Mit dem Geld wurde die erste Studie finanziert, um die Wirksamkeit des Medikaments zur Behandlung von ADHS zu beweisen.

Stans bietet gutes Umfeld für Start-Ups

Aus dem Kreis der Geldgeber kam der Wunsch auf, das neue Unternehmen im Kanton Nidwalden anzusiedeln. Zwyer spricht davon, dass Stans ein gutes Umfeld für Start-ups biete:

«Die Zentralschweizer Kantone – allen voran Nidwalden – zählen zu den attraktivsten Wirtschaftsstandorten der Schweiz.»

Doch schon bald harzte es mit der Geldbeschaffung. «Die Entwicklung eines Medikaments ist sehr kostenintensiv, weil diverse klinische Studien und andere Entwicklungsschritte notwendig sind», erklärt Zwyer. Ausserdem mussten die Jungunternehmer feststellen, dass Investoren eher bereit waren, Geld zur Krebsforschung zur Verfügung zu stellen als für ADHS. Zwyer sagt:

«Dies dürfte damit zu tun haben, dass der ADHS-Markt generell als schwierig gilt aufgrund von starker Konkurrenz und Generikas.»

Also konzentrierten sich die NLS-Gründer ab 2018 auf die Behandlung von Narkolepsie mittels Mazindol. Die seltene Schlafkrankheit Narkolepsie verursacht Tagesschläfrigkeit und kurzfristige Muskelschwäche (Kataplexie); sie trifft etwa 0,05 Prozent der Bevölkerung. Prompt kamen weitere Investoren an Bord. Bis 2020 gelang es NLS, insgesamt rund 20 Millionen Franken einzusammeln.

Börsengang bringt weitere 20 Millionen Dollar

Um weitere Studien zu finanzieren, entschieden sich die Gründer letztes Jahr, an die Nasdaq zu gehen. Bislang hat der Börsengang rund 20 Millionen Dollar in die Kassen gespült. «Aus retrospektiven Daten wissen wir, dass Mazindol jahrzehntelang sehr erfolgreich gegen Narkolepsie eingesetzt wurde. Aber uns fehlen prospektive, plazebokontrollierte Daten und dafür braucht es weitere Studien beziehungsweise Mittel», so Zwyer.

Mazindol zur Behandlung von ADHS sei zwar etwas in den Hintergrund gerückt, werde aber weiterhin vorangetrieben. Laut Zwyer vermutet man aus wissenschaftlichen Studien, dass Mazindol über eine ähnliche Wirkung wie das Konkurrenzprodukt Ritalin verfügt.

«Das Nebenwirkungsprofil ist jedoch wesentlich vorteilhafter und vor allem verfügt Mazindol – gemäss der US-Gesundheitsbehörde FDA – über ein deutlich geringeres Abhängigkeitspotenzial als sogenannte Stimulanzien, dazu zählt auch Methylphenidat, der Wirkstoff von Ritalin.»

Umsatz generiert NLS heute noch keinen; das Unternehmen beschäftigt beim Alten Postplatz in Stans bloss eine Handvoll Personen und stützt sich auf viele externe Berater ab. Alex Zwyer geht nach heutigem Kenntnisstand davon aus, dass es noch rund drei Jahre dauern könnte, bis Mazindol zugelassen wird, dannzumal unter dem Handelsnamen Quilience.

Noch nicht entschieden ist, wo die Medikamente in Tablettenform dereinst produziert werden sollen. Tendenziell setzt er auf die USA, weil es sich um eine kontrollierte Substanz handelt, deren Export aus der Schweiz nicht ganz unproblematisch ist. «Wir wollen aber als Schweizer Unternehmen fest in der Schweiz verankert bleiben», versichert Zwyer.


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