Gallus-Deal verzögert sich, jetzt haftet Benpac-Chef Corvi persönlich

WIRTSCHAFT ⋅ Noch vor Jahresende wollte die Stanser Benpac die St.Galler Gallus-Gruppe übernehmen. Jetzt musste der Vollzug verschoben werden. Derweil muss Benpac-Chef Marco Corvi zugeben, dass er sich als Besitzer von Firmen ausgab, die noch gar nicht ihm gehören.

07. Januar 2021, 16:17

Christopher Gilb

Christopher Gilb

Der Gallus-Deal könnte die Krönung von Marco Corvis Karriere sein. Im Juli gab der Besitzer der Stanser Benpac-Gruppe die Übernahme der auf Etikettendruckmaschinen spezialisierten St.Galler Traditionsfirma mit gruppenweit über 400 Angestellten bekannt. Kaufpreis: rund 120 Millionen Euro. Heutige Besitzerin ist die börsenkotierte deutsche Heidelberger Druckmaschinen AG (Heidelberg). Der Abschluss der Transaktion war per Ende 2020 vorgesehen.

Nun aber kommt es zu einer Verzögerung. Kurz vor Ende Jahr teilte Heidelberg mit: Die Käuferin Benpac habe sie informiert, das Closing, also den Vollzug der Gallus-Transaktion, nicht mehr 2020 durchführen zu können. Der Deal soll nun bis Ende Januar erfolgen.

Diese Entwicklung ist Wasser auf den Mühlen von Corvis Kritiker. Der Benpac-CEO und Verwaltungsratspräsident präsentiert sein 2014 gegründetes Unternehmen gerne als inzwischen international erfolgreich tätigen Hersteller von Maschinen für die Druck- und Verpackungsindustrie mit weltweit 3600 Angestellten und einem Umsatz von 750 Millionen Franken. Diverse Geschäftspartner, Mitarbeiter und externe Berater bezweifeln dies allerdings stark, verweisen auf unbezahlte Rechnungen und diverse andere Ungereimtheiten. Corvi selbst wies Vorwürfe gegen ihn vehement zurück.

Experte findet Garantie ungewöhnlich

In der Mitteilung von Heidelberg findet sich nun dieser Satz: «Der Eigentümer der Käuferin, Herr Marco Corvi, hat zur Sicherstellung der Kaufpreiszahlung gegenüber Heidelberg persönliche notarielle Schuldanerkenntnisse in Höhe des insgesamt ausstehenden Kaufpreises von 120 Millionen Euro abgegeben.» Was bedeutet das und wie üblich ist so eine Massnahme?

Eine solche Form der Absicherung sei ungewöhnlich, sagt der im Bereich Firmenübernahmen erfahrene Schweizer Wirtschaftsanwalt Titus van Stiphout auf Nachfrage.

«Entweder hat die Käuferfirma das Geld für den Kaufpreis und dann muss niemand privat bürgen, oder sie hat das Geld nicht und dann gibt es keine Transaktion.»

Und weiter: «Wenn Herr Corvi effektiv persönlich für den Kaufpreis haftet, dann müsste er die 120 Millionen Euro privat in Form von liquiden Mitteln zur Verfügung haben.» Wie jemand mit einer 2014 gegründeten Firma in der sehr anspruchsvollen Verpackungsindustrie nach rund sechs Jahren über so hohe liquide Mittel verfügen könne, und dies ohne Börsengang, Firmenverkäufe oder grössere Kapitalerhöhungen, sei aber nicht ohne weiteres nachzuvollziehen, so der Anwalt. Es handle sich ja nicht um eine Hightech-Firma. Und gerade während der Coronapandemie sei es noch ungewöhnlicher, dass jemand mit solch einer Summe bürge.

Corvi verweist auf das Kartellamt

Auf Nachfrage erklärt Corvi selber die Verschiebung des Closings mit einer Prüfung des deutschen Bundeskartellamts. Dieses hatte am 23.Dezember die Freigabe für den Verkauf erteilt. Das Bundeskartellamt bewertet ähnlich der Schweizer Wettbewerbskommission die konkreten Auswirkungen eines Verkaufs für den Wettbewerb.

In Deutschland sind die Hürden für eine obligatorische Kontrolle jedoch deutlich tiefer als hierzulande. Der 48-Jährige schreibt, dass bei einem Closing administrative Prozesse geregelt werden müssten, wie beispielsweise neue Versicherungen, teilweise Neuregelungen von Arbeitsverträgen und Auflösungen. Diese Prozesse, welche vor einer kartellrechtlichen Bewilligung nicht vorgenommen werden könnten, seien 2020 nicht mehr umsetzbar gewesen.

Zahl der Firmen schrumpft, Positionen neu besetzt

Gewisse Korrekturen musste die Benpac inzwischen an ihrer Firmenpräsentation vornehmen. Denn während auf der Übersichtsseite der Firmen-Website noch von 38 Unternehmen der Gruppe die Rede ist, sind ein paar Klick weiter auf der Detailkarte nur noch rund 18 Firmen aufgeführt. Bei einigen Firmen, etwa einer «Benpac Machinery» in Tokio, ist zudem die Adresse des Hauptsitzes in Stans angegeben. Die Firma werde von dort operativ geführt, heisst es. Ein Sprecher sagt auf Anfrage nun, es seien aktuell 30 Firmen, auf Ende Jahr seien einige Unternehmen konsolidiert worden. Und: «Bei der Zahl 38 waren die Gallus-Firmen mitgezählt, was so nicht ganz korrekt war.»

Bis vor wenigen Tagen war zudem für ein Vertriebsbüro für Osteuropa als Standort Bratislava in Slowenien aufgeführt, doch heisst die Hauptstadt von Slowenien bekanntlich Ljubljana, Bratislava ist die Hauptstadt der östlicher gelegenen Slowakei. Nachdem unsere Zeitung Benpac darauf aufmerksam machte, korrigierte das Unternehmen den Eintrag in Bratislava/Slowakei. Auf die weiterhin aufgeführte Benpac Filling Solutions in China angesprochen, muss Benpac eingestehen, dass die Firma noch gar nicht zum Konzern gehört: «Im Moment warten wir noch auf die abschliessenden Freigabebewilligungen durch die chinesischen Behörden, bevor wir definitiv die Kontrolle über das Unternehmen übernehmen können.»

Weiterhin verwaist ist der Posten eines Finanzchefs, wie auch eines zuständigen für den Bereich Druck im Verwaltungsrat; die Neubesetzung wird auf der Website per 1. Januar angekündigt. Im Dezember hatte diese Zeitung berichtet, dass zwei Verwaltungsräte das Gremium verlassen hatten und die Revisionsstelle zurückgetreten war. Die Position des Chief Printing Technology sei eine Funktion, welche innerhalb des Verwaltungsrates besetzt werde. «Dieser wird, sobald die Gallus-Akquisition abgeschlossen ist, bestimmt», schreibt der Benpac-Sprecher nun. Ein neuer Finanzchef werde an der Verwaltungsratssitzung vom 15. Januar 2021 gewählt.


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