Erste Banken vergeben Hypotheken zu Negativzinsen – auch die Zuger KB

WIRTSCHAFT ⋅ Die Zuger Kantonalbank hat damit begonnen, kurzfristige Kredite mit Minuszinsen anzubieten – ein Tabubruch.

23. Juli 2019, 19:45

Gregory Remez und ?Livio Brandenberg

Man stelle sich mal vor, man geht zur Bank seines Vertrauens, um einen Kredit für die Finanzierung einer gewünschten Immobilie aufzunehmen – und erhält dafür vom Institut nicht etwa Zinsen aufgebrummt, sondern noch Geld obendrauf. Wäre man mit einem derartigen Antrag vor ein paar Jahren unter Gelächter wieder verabschiedet worden, sind Immobilienkredite mit Minuszinsen heute kein abwegiger Wunschtraum mehr, sondern zunehmend Realität.

Viereinhalb Jahre nach der Einführung der Negativzinsen durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) zeichnet sich am hiesigen Hypothekarmarkt ein neues Zeitalter ab. Wie der «Tages-Anzeiger» am Dienstag publik machte, haben die ersten Kantonalbanken begonnen, Geld an private Unternehmen zu bezahlen, damit diese eine Hypothek aufnehmen. Namentlich sind es die Zuger und die Graubündner Kantonalbank, die zugeben, sich dieser neuen Praxis zu bedienen – zumindest in besonderen Fällen. Auf Anfrage unserer Zeitung sagt Zuger-KB-Sprecherin Carmen Wyss: «In Einzelfällen vergeben wir kurzfristige Kredite mit Null- oder Minuszinsen an institutionelle Kunden für Finanzierungen mit entsprechenden Sicherheiten.» Ähnlich tönt es beim Bündner Institut.

Zentralschweizer Institute halten sich bedeckt

Dass sich die beiden Kantonalbanken zu diesem unorthodoxen Schritt gezwungen sahen, liegt vor allem am zunehmenden Druck im Geld- und Kapitalmarkt. So gilt es als beinahe ausgemacht, dass die Zinssätze im In- und Ausland weiter sinken werden. Seit Monaten rüsten sich die Akteure am Hypothekarmarkt deshalb für das unbekannte Terrain. Pensionskassen etwa investieren in Wohnhäuser mit vielen unvermieteten Wohnungen, auch wenn die Leerstände negative Renditen bringen – ganz nach dem Motto: lieber heute zu -0,2 Prozent abschliessen als morgen zu -0,5 Prozent. Des Weiteren kommt es eine Bank günstiger zu stehen, eine Hypothek zu einem geringen Negativzins zu vergeben, als das ungenutzte Geld bei der Nationalbank zu parkieren und dafür einen Negativzins von -0,75 Prozent zu zahlen.

Während die meisten übrigen Kantonalbanken – darunter jene von Zürich, Bern, den beiden Basel, Nidwalden, Obwalden, Waadt, Genf – die Vergabe von Hypothekarkrediten zu Null- oder Minuszinsen (noch) verneinen, halten sich mehrere Institute aus der Zentralschweiz diesbezüglich bedeckt. In einer ausweichenden Antwort lässt die Luzerner Kantonalbank (LUKB) ausrichten, dass das Institut lediglich Hypothekarkredite an «sehr gut gesicherte Gegenparteien» gewähre und sich «bei der Ausgestaltung der Konditionen stets am Geld- und Kapitalmarkt» orientiere. Die Tatsache, dass sich die LUKB nicht klar positioniert, lässt den Schluss zu, dass sie ähnliche Schritte wie die Zuger KB – wenn nicht bereits vollzogen – zumindest für die Zukunft nicht ausschliessen will. Ähnlich schwammig antworten die Schwyzer sowie die Urner Kantonalbank; beide Institute sagen lediglich, dass die «Zinsen individuell berechnet» würden.

Gefahren eines Crashs bleiben gering

Doch auch wenn es aus Sicht eines einzelnen Instituts Sinn ergeben kann, massgeschneiderte Hypotheken zu Minuszinsen zu vergeben: Laut Branchenbeobachtern sind bis auf Weiteres keine flächendeckenden Negativzinsen für Immobilienfinanzierungen zu erwarten.

Die Zinssätze von Fix-Hypotheken seien «aufgrund der gestiegenen wirtschaftlichen Unsicherheit seit dem 4. Quartal 2018 wieder am Sinken und haben auch wegen den Anzeichen einer wieder expansiveren US-Geldpolitik jüngst ein neues Allzeittief erreicht», sagt Thomas Rieder, Immobilienmarktspezialist der Credit Suisse. Doch: Die Zinssätze liegen laut Rieder derzeit wieder etwas höher liegen als Anfang Juli. «In den kommenden zwölf Monaten dürften sich die Zinssätze von Fix-Hypotheken wieder graduell leicht erhöhen und insgesamt um 20 bis 35 Basispunkte ansteigen. Die Entwicklung dürfte aber wie bis anhin durch Ausschläge nach oben wie auch nach unten begleitet werden. Die Zinssätze für Libor-Hypotheken dürften dagegen in den nächsten 12 Monaten auf ihren Tiefstständen verharren», so der Immobilienexperte weiter.

Die Gefahren eines Crashs sieht Rieder aufgrund der jüngst erreichten Tiefststände bei den Hypothekarzinsen nicht erhöht. Denn die Kreditvergabepolitik der Banken dämpfe die Nachfrage seit längerem. «Bereits 2012 und 2014 haben die Schweizer Banken ihre Richtlinien zur Hypothekarzinsvergabe verschärft. So muss beispielsweise ein Wohneigentümer einen kalkulatorischen Hypothekarzins von 5 Prozent zuzüglich Liegenschaftsunterhalt und Amortisationskosten tragen können und die Hypothek muss innert 15 Jahren auf zwei Drittel des Liegenschaftswert amortisiert werden», erklärt der Immobilienspezialist. Und gerade erst vor wenigen Tagen habe die Schweizerische Bankiervereinigung eine Verschärfung der Hypothekarkreditvergabe bei Renditeliegenschaften vorgeschlagen. «So soll ab Anfang 2020 nur noch eine maximale Belehnungshöhe von 75 Prozent möglich sein und die Hypothek muss innert 10 Jahren auf zwei Drittel amortisiert werden», so Rieder.


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