Druck von Investoren und Öffentlichkeit wächst: Glencore befindet sich am Scheideweg

WIRTSCHAFT ⋅ Die umstrittene Kohleförderung ist ein zentraler Erfolgspfeiler des Baarer Rohstoffkonzerns. Doch der Druck für Veränderungen wird grösser.

27. Juni 2020, 05:11

Gregory Remez

Gregory Remez

Bei Glencore ist die Zeit der harten Entscheidungen angebrochen. Einerseits gilt es in den kommenden Monaten, einen Nachfolger für den abtretenden Langzeit-CEO Ivan Glasenberg zu finden. Die vierte Generation im Unternehmen hat sich dafür bereits in Stellung gebracht. Andererseits wird die strategische Frage dringlicher, wie der Baarer Rohstoffkonzern künftig mit seinem Kohlegeschäft verfahren will. Seit geraumer Zeit wird spekuliert, dass Glencore seine als «Dirty Business» verschriene Sparte irgendwann verkaufen oder ausgliedern könnte.

Laut einem aktuellen Bericht der «Bilanz» liegen die Pläne für ein mögliches Spin-off des Kohlebereichs bereits vor. Die Grundidee ist eine Aufteilung in zwei Gesellschaften – vergleichbar mit der Abspaltung des Haushaltsgeräteherstellers V-Zug von seinem Mutterkonzern Metall Zug in dieser Woche. Der abgetrennte Kohlebereich würde demnach separat an die Börse gebracht, während sich die bisherige Glencore fortan auf das Geschäft mit den zukunftsträchtigen «Clean Metals» Kupfer, Kobalt oder Nickel konzentrieren würde.

Während Glencore auf Anfrage keine Stellung nehmen will, ist aus unternehmensnahen Kreisen zu erfahren, dass es sich dabei weniger um konkrete Pläne, als vielmehr um eine potenzielle Exit-Strategie für die Zukunft handelt. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre die Abspaltung des Kohlebereichs ohnehin verfrüht. Denn Glencore gehört gegenwärtig zu den weltweit grössten Produzenten des schwarzen Brennstoffs. Und die Kohle spült nach wie vor ordentlich «Kohle» in die Konzernkassen. Rund ein Drittel der vorsteuerlichen Gewinne stammen aus diesem Bereich, obwohl der Kohleverkauf nur fünf Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht. Glencore dürfte deshalb auch in der Zeit nach Glasenberg, der selber im Kohlebereich gross geworden ist, alles daransetzen, so lange wie möglich am profitablen Geschäft festzuhalten – zumal man chinesischen Firmen das Feld nicht einfach überlassen möchte.

Investoren setzen schärfere Limiten

Fest steht aber auch: Ewig wird Glencore den Spagat zwischen «Dirty Business» und «Clean Metals» nicht meistern können. Neben dem wachsenden Druck aus der Öffentlichkeit, den der Konzern nicht zuletzt in Form der Konzernverantwortungsinitiative zu spüren bekommt, nimmt auch der Druck von Aktionärsseite zu. So haben unlängst institutionelle Anleger wie Blackrock, grösster Vermögensverwalter der Welt und drittgrösster Aktionär bei Glencore, damit begonnen, schärfere Limiten für Kohleinvestments zu setzen oder sie gar gezielt aus ihrem Portfolio zu kippen. Weil etwa der norwegische Staatsfonds Norges nicht mehr in Firmen investieren will, die mehr als 20 Millionen Tonnen Kohle jährlich produzieren, hat er sich letzten Sommer als Aktionär bei Glencore zurückgezogen. Der Rohstoffriese hatte sich zwar vor zwei Jahren eine Förderlimite von 150 Millionen Tonnen gesetzt, liegt damit aber deutlich über den heutigen Anforderungen von Norges.

Mit einer Abspaltung des Kohlebereichs könnte man derartige Absprünge von nachhaltig orientierten Investoren künftig verhindern – und den Konzern zugleich in ein grüneres Licht rücken. Vor diesem Hintergrund darf auch der kürzlich bekanntgewordene Deal mit dem Elektroautohersteller Tesla gesehen werden. 6000 Tonnen Kobalt, das unter anderem für die Herstellung der Autobatterien benötigt wird, soll Glencore künftig in die Tesla-Werke in Berlin und Schanghai liefern. Hier kommt es dem Baarer Unternehmen ganz gelegen, dass er nicht nur bei der Kohle, sondern auch beim industriellen Kobalt eine globale Führungsposition innehat.


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