Diese Zentralschweizer Grossfirmen bieten ihren Angestellten eine lange Elternzeit

WIRTSCHAFT ⋅ Der Zigarettenhersteller JTI mit Sitz in Dagmersellen setzt mit 20 Wochen Elternzeit eine neue Marke. Im internationalen Vergleich bleibt die Schweiz aber im Rückstand, sagt eine Expertin.

09. Juli 2020, 17:23

Maurizio Minetti

Immer mehr Grossunternehmen bieten ihren Angestellten eine Elternzeit an. Der Ausdruck steht eigentlich für den Vaterschaftsurlaub, doch Firmen bevorzugen die Bezeichnung Elternzeit, um damit zu signalisieren, dass es nicht um Ferien geht und auch die Mütter grosszügigere Leistungen erhalten.

So hat die Pharmafirma MSD, die im Kanton Luzern rund tausend Personen beschäftigt, im Februar dieses Jahres in der Schweiz eine Elternzeit eingeführt. Allen jungen Eltern wird ungeachtet ihres Geschlechts in den ersten zwölf Monaten nach der Geburt oder Adoption eines Kindes die volle Lohnzahlung für eine Dauer von 16 Wochen angeboten. Beim Pharmakonzern Johnson & Johnson, der in Zug ebenfalls knapp tausend Angestellte beschäftigt, haben Väter bereits seit Ende 2017 bei Geburt oder Adoption Anspruch auf acht Wochen bezahlte Elternzeit. Frauen haben ab dem zweiten Beschäftigungsjahr Anspruch auf 18 Wochen. Der Pharmakonzern Novartis, der in Rotkreuz über 400 Personen beschäftigt, führte vor einem Jahr ebenfalls eine Elternzeit von 18 Wochen ein. Gleich lang dauert die Elternzeit beim Nahrungsmittelmulti Nestlé.

Gewerkschaftsbund fordert 24 Wochen Elternzeit

Nun geht der Zigarettenhersteller Japan Tobacco International (JTI), der am Schweizer Produktions- und Marktstandort Dagmersellen rund 320 Personen beschäftigt, einen Schritt weiter. Das Unternehmen führt Anfang 2021 weltweit eine voll bezahlte Elternzeit von 20 Wochen ein – unabhängig des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, und ob die Elternschaft durch die Geburt eines eigenen Kindes oder durch Adoption erlangt wurde.

JTI dürfte damit schweizweit eine Vorreiterrolle in Sachen Gleichstellung einnehmen. Volvo Schweiz kennt zwar 24 Wochen Elternzeit, die jedoch nur mit 80 Prozent des Lohnes entschädigt wird.

«Das ist vorbildlich», freut sich Regula Bühlmann über die neue Regelung bei JTI. Die Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes setzt sich seit Jahren für die Gleichstellung von Mann und Frau ein. Der Gewerkschaftsbund fordert allerdings eine noch längere Elternzeit von mindestens 24 Wochen – und zwar zusätzlich zum Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub.

«Die beiden Begriffe werden immer wieder verwechselt», sagt Bühlmann. Mutter- und Vaterschaftsurlaub ermögliche den Eltern, unmittelbar nach der Geburt eine Beziehung zum Kind aufzubauen. «Die Elternzeit hingegen ist für die Zeit nach der Geburt gedacht, wenn es darum geht, dass sich die junge Familie neu organisiert. Sie soll also unter anderem die Chancen erhöhen, dass sich Frauen beruflich weiterentwickeln», so Bühlmann. Wichtig sei darum, dass Unternehmen neben der Einführung der Elternzeit am Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub festhalten. «Wir sind der Meinung, dass Mütter mindestens 18 Wochen Mutterschaftsurlaub und Väter acht Wochen Vaterschaftsurlaub haben sollten. Die 24 Wochen Elternzeit kommen hinzu.»

Arbeitgeberverband setzt auf Freiwilligkeit

Politisch mehrheitsfähig ist diese Forderung derzeit nicht. Die Meinungen gehen im politischen Spektrum weit auseinander – von einigen Tagen bis zu 52 Wochen Elternzeit ist die Rede. Im September stimmt die Schweizer Bevölkerung zunächst darüber ab, ob der Vaterschaftsurlaub auf zwei Wochen ausgedehnt werden soll. Auf lokaler und nationaler Ebene wird ebenfalls seit geraumer Zeit darüber debattiert. So hat die SP des Kantons Luzern letztes Jahr eine Initiative lanciert, die 18 Wochen Elternzeit vorsieht. Man wolle diese Initiative nun mit den nationalen Bestrebungen abstimmen, heisst es bei der SP auf Anfrage.

Regula Bühlmann begrüsst zwar eigene Initiativen der Unternehmen, es braucht ihrer Meinung nach aber eine Regelung und Finanzierung durch den Staat. «Nur so kann gewährleistet werden, dass nicht nur Mitarbeitende von Grosskonzernen Elternzeit beziehen können, sondern auch Angestellte kleinerer Firmen.»

Anders sieht es der Schweizerische Arbeitgeberverband, der firmeneigene Lösungen bevorzugt. Die Coronapandemie hat diese Position nun noch gefestigt: «Wegen der Coronakrise müssen wir den Gürtel bei den Sozialwerken wieder enger schnallen und uns auf das Notwendige besinnen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Fredy Greuter. Damit habe ein «gesetzlich verordneter, abgabenfinanzierter Vaterschaftsurlaub definitiv keinen Platz mehr».

Es kann auch zu viel Elternzeit sein

Zur Frage, ob Elternzeit vom Staat vorgegeben werden soll oder die Arbeitgeber frei darüber entscheiden sollen, hat Lucia M. Lanfranconi eine klare Meinung. Die Professorin am Departement Soziale Arbeit der Hochschule Luzern forscht seit Jahren zum Thema «Vereinbarkeit und Gleichstellung». In ihrer bereits vor sechs Jahren veröffentlichten Doktorarbeit ist sie zum Schluss gekommen: «Die Freiwilligkeit reicht nicht, um Elternzeit flächendeckend einzuführen. Für eine grössere Wirkung braucht es staatliche Lösungen.» Die Schweiz sei bezüglich Elternzeit im europäischen Vergleich im Rückstand, sagt die Soziologin. So gelte etwa in Deutschland und Österreich eine Elternzeit von bis zu drei Jahren.

Lanfranconi betont aber, dass zu viel Elternzeit auch negative Auswirkungen auf die Gleichstellung haben kann: «Wenn eine Frau innert kurzer Zeit mehrmals Mutter wird und nur sie die Elternzeit bezieht statt ihr Partner, dann ist sie unter Umständen jahrelang weg vom Arbeitsmarkt.» Schweden etwa kenne einen flexiblen, relativ gut bezahlten Urlaub von gut einem Jahr, wovon der Vater mindestens drei Monate beziehen müsse, ansonsten verfalle der Anspruch. Lanfranconi plädiert deshalb, mit Blick auf die internationale Forschung, für eine gut bezahlte Elternzeit von einem halben Jahr bis zu einem Jahr. «Wichtig ist, dass diese Zeit möglichst auf beide Elternteile aufgeteilt werden muss.»


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