Die Tourismusunternehmerin Caroline Groszer hat den richtigen Riecher: «Ich könnte das Haus in Andermatt sicherlich vier Mal im Jahr verkaufen»

WIRTSCHAFT ⋅ Caroline Groszer vermietet in Andermatt und Apulien Ferienwohnungen. Die 55-Jährige überrascht dabei mit ihrer Strategie.

15. Februar 2021, 16:09

Dominik Buholzer

Dominik Buholzer

Dominik Buholzer

Mitten im Dorfkern von Andermatt, ein wenig versetzt von der Strasse, befindet sich Caroline Groszers Haus. Über zwei Stockwerke zieht sich die stilvoll eingerichtete Wohnung. Seit 2006 ist Groszer Besitzerin des Hauses. Es war ein Spontankauf, wie sie sagt. Entsprungen aus einem Moment der Langeweile, muss man hinzufügen.

Groszer war damals mit ihrem Sohn für ein paar Tage in den Skiferien in Andermatt. Während sich der Junior auf der Piste austobte, schlenderte die Mutter durchs Dorf und schaute sich einen Aushang mit Immobilienobjekten an. «Ich tue das oft, wenn mir nach nichts zu Mute ist», sagt sie. Ein Objekt stach ihr besonders ins Auge. Groszer tat, was sie in solchen Situationen immer tut: Nicht lange überlegen, sondern handeln. Am nächsten Tag brachte sie das Geschäft in trockene Tücher.

Das Bauchgefühl ist entscheidend

Das ist typisch für die 55-Jährige. Ihre Strategie ist, dass sie keine hat. Sie lässt sich stark von ihrem Bauchgefühl leiten. Ebenso wenig nach einem fixen Drehbuch verlief auch Groszers Karriere. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Luzern, bevor sie nach St.Gallen an die HSG ging. Nach Abschluss des Wirtschaftsstudiums kehrte sie nach Luzern zurück und arbeitete für ein Luzerner Marktforschungsinstitut. Es folgte der Abstecher in die Medienwelt: Caroline Groszer berichtete als Fotografin über den Kosovokrieg, bevor sie sich schliesslich mit dem Vermieten von Ferienwohnungen ganz dem Tourismus verschrieb.

Das Haus in Andermatt kaufte Groszer, bevor das Urner Feriendorf zu seinem beispiellosen Aufstieg ansetzte. Der Kaufpreis sei «fast unverschämt gut» gewesen, sagt sie. Zudem war sie der Überzeugung, dass das gut komme.

Das war bereits in Apulien der Fall, wo sie erstmals ihre gesamten Ersparnisse zusammenklaubte und sich ein Haus kaufte. «Ich war ferienhalber in der Nähe von Bari und verliebte mich gleich in die Region», sagt sie. Die Immobilienpreise waren damals ausserordentlich tief und die Region noch nicht im Fokus der Touristen.

Kurze Zeit später verkaufte sie ihr Haus an ein britisches Paar. Eigentlich wollte sie die Immobilie nicht veräussern. Aber als sie das Angebot der Beiden hörte, «wusste ich, dass ich es tun muss». Mit dem Erlös der ersten Immobilie kaufte sie sich zwei neue Häuser. Mittlerweile besitzt Caroline Groszer in Apulien drei Häuser und eines in Andermatt, die sie vermietet. Im Urner Feriendorf ist sie noch bei einem weiteren Mehrfamilienferienhaus involviert.

Der Erfolg trägt ihr Bewunderung ein. Doch Groszer stellt klar. «Das ist kein Zuckerschlecken. Das geht nur, wenn du dich sieben Tage die Woche voll auf das Geschäft konzentrierst», sagt sie. Zudem müsse man auch einstecken können.

Andermatt wächst überdurchschnittlich

Mit ihrer Akquisition in Andermatt konnte Groszer vorerst in ihrem persönlichen Umfeld nicht punkten. Im Gegenteil: Sie erntete vor allem Mitleid. «Ein befreundetes Ehepaar fragte mich ganz entsetzt: Andermatt, wer geht denn nach Andermatt?», meint sie lachend. Der Wind drehte erst, als sich der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris anschickte, im Urner Feriendorf ein Resort aus dem Boden zu stampfen.

Früher wurde Groszer für ihr Haus in Andermatt belächelt, heute wird sie dafür beneidet. «Ich könnte das Haus in Andermatt sicherlich vier Mal im Jahr verkaufen», sagt sie. Doch Groszer will nicht verkaufen, obwohl sie gutes Geld verdienen würde. Die Immobilienpreise sind in Andermatt in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich stark angestiegen. Wohnraum verteuerte sich zwischen 2012 und 2019 im Schnitt jährlich um 4,4 Prozent – so viel wie in keinem anderen Schweizer Skiort. Der Quadratmeterpreis liegt bei über 12'000 Franken. Das ist zwar weniger als im Engadin, der Toplage in der Schweiz (15'000 Franken pro Quadratmeter), aber mehr als doppelt so viel wie in Leukerbad (gut 5000 Franken).

Und obwohl in Andermatt in den vergangenen Jahren viel gebaut wurde, ist der Leerbestand selbst im innerkantonalen Vergleich tief. Die Nachfrage nach Wohnraum ist noch immer gross. Laut der Andermatt-Swiss-Alps-Gruppe von Samih Sawiris sind die Immobilienverkäufe 2019 um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen – aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor. 95 Prozent aller fertiggestellten Apartmenthäuser sind verkauft. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis der verkauften Wohnungen: 14'207 Franken; ein Jahr davor lag dieser noch bei 12'026 Franken.

Andermatt ist attraktiv. Das hat sich auch beim Jetset rumgesprochen: Topmodell Naomi Campbell zog es genauso nach Andermatt wie offenbar auch Prinz William. Letzteres ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält. Der britische Sänger und Songwriter James Blunt dagegen ist nicht nur ferienhalber mit Andermatt verbunden. Er ist Miteigentümer des Hotels La Vache. Dort soll man nicht nur Spitzengastronomie geniessen können, sondern auch immer wieder mal den Sänger auftreten sehen können.

Dies ist nicht der Grund, weshalb Caroline Groszer nicht verkaufen will. Andermatt fühlt sie sich ganz besonders verbunden. «Das ist der Ort, wo meine Eltern zuletzt lebten und auf dem Friedhof liegen», sagt sie. «Deshalb nimmt Andermatt in meinem Herzen stets einen speziellen Platz ein.» Wenn sich Groszer in Andermatt aufhält, geht sie mindestens einmal nach Luzern. Die Sammlung Rosengart und das KKL stehen dabei auf dem Programm.

Die Leidenschaft für die schönen Künste hat die 55-Jährige von ihrem Vater. Christoph Groszer war Oberspielleiter am Luzerner Theater. Weitere Stationen waren St.Gallen und Bern, bevor er Intendant am Zürcher Opernhaus wurde. Groszer entdeckte Sängerinnen und Sänger wie Vesselina Kasarova, Deon van der Walt und Cecilia Bartoli. «Luzern ist für meinen Vater auch nach seiner Zeit am Theater stets wichtig geblieben. Er hat in Luzern Freunde fürs Leben gefunden», sagt seine Tochter.

Für Caroline wird derweil Lausanne eine wichtige Adresse. Ihr Sohn beginnt diesen Frühling das Studium an der EHL Hotelfachschule. In die Westschweiz zu ziehen, ist für sie allerdings kein Thema, dafür liebt sie Apulien, wo sie heute lebt, zu sehr. «Damit würde ich wohl auch meinem Sohn keinen Gefallen machen», meint sie lachend und fügt an: «Aber ich werde jetzt wohl ein-, zweimal mehr in Andermatt sein und ihn dann besuchen.»


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