Die Software dieses Zugers soll die Früherkennung von Brustkrebs verbessern

WIRTSCHAFT ⋅ Der Jungunternehmer Jonas Muff will mit seinem Berliner Start-up Vara den internationalen Markt erobern. Dafür steht jetzt viel Geld zur Verfügung.

03. Juni 2020, 05:09

Andreas Lorenz-Meyer

Der 26-jährige Chamer Jonas Muff ist in den letzten Monaten viel in den USA herumgereist, um die richtigen Investoren für sein Berliner Start-up Vara zu finden (siehe Box weiter unten). In New York, San Francisco und Boston traf er sich mit möglichen Geldgebern, die ihn mit Fragen zum Datenschutz und zur Wettbewerbssituation löcherten.

Die Mühe hat sich gelohnt: 6,5 Millionen Euro sind jetzt bei der ersten grossen Finanzierungsrunde zusammengekommen. Trotz Coronakrise, die mitten in die Vorbereitungen hineinplatzte. Kleinere Beträge steuern der bisherige Seed-Investor Merantix, die deutschen Investoren Think.Health und Soleria Capital sowie der Silicon-Valley-Investor Plug and Play bei. Den Hauptteil der 6,5 Millionen Euro übernimmt der kanadische Lead-Investor Omers Ventures. Für Muff ein langfristig denkender Geldgeber, der bei vorübergehenden Krisen nicht gleich unruhig wird. Muff und die Leute von Omers liessen sich viel Zeit bei den Gesprächen. Wie sich dann herausstellte, passten die Philosophien wunderbar zusammen. «Omers wollte genau in unserem Bereich investieren und brachte ein tiefes Grundverständnis für unser Produkt mit», so Muff.

Software sortiert unauffällige Screenings aus

Doch was macht Vara genau? Das Jungunternehmen entwickelt eine gleichnamige Screening-Software, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) arbeitet und Radiologen bei der Früherkennung von Brustkrebs hilft.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen, aber früh genug diagnostiziert und behandelt, bestehen gute Heilungschancen. Mammografie-Screenings dienen dazu, Erkrankungen früh zu entdecken. Zeigen die Röntgenbilder Veränderungen im Brustgewebe, deutet das auf Krebs hin. Gewissheit bringen dann weitere Untersuchungen wie die Biopsie, bei der Brustgewebe entnommen wird. Meist ist aber alles in Ordnung: Nur drei Prozent der Mammografien sind krebsverdächtig. Das heisst: Radiologen haben es fast immer mit unauffälligen Mammografien zu tun, in 97 Prozent der Fälle. Dennoch müssen zwei Ärzte die Aufnahmen unabhängig voneinander befunden. Eine ermüdende Arbeit mit den immer gleichen Abläufen. Das führt zu Fehlern: Die Ärzte übersehen Karzinome oft, einfach weil sie es selten mit Karzinomen zu tun haben. Der Befund ist dann falsch-negativ, was für die Patientinnen lebensgefährlich sein kann.

Hier setzt die KI-Software Vara an: Sie sortiert die unauffälligen Screenings, die statistischen 97 Prozent, vorab aus. Die Radiologen können sich so voll auf die krebsverdächtigen 3 Prozent konzentrieren. Dadurch, dass sie dann wieder viel häufiger Karzinome vor sich haben, entgehen ihnen diese seltener. Vara soll zudem die Zahl falsch-positiver Befunde senken. Hier wird Brustkrebs diagnostiziert, obwohl die Patientin gesund ist. «Die Software ersetzt nicht die Diagnose, sie fällt lediglich die binäre Entscheidung verdächtig oder unverdächtig», erklärt Sven Piechottka, der fürs Qualitätsmanagement zuständig ist. Für diese Entscheidung analysiert Vara die Pixelwerte aller Bilddaten und errechnet einen Auffälligkeitscore.

2,5 Millionen Röntgenbilder

Die Software ist bereits im Einsatz, wenn auch bisher vor allem in Tests. Um Mammografieaufnahmen immer besser «lesen» zu können, braucht der Vara-Algorithmus viel Trainingsmaterial. Zu diesem Zweck wird er mit den anonymisierten Daten von Radiologiezentren in Deutschland, Österreich, Spanien, Polen und der Schweiz gefüttert. Derzeit stehen 2,5 Millionen Röntgenbilder zur Verfügung. Hinzu kommen medizinische Befunde, die durch Gewebeentnahmen abgesichert sind, um Falsch-Positive zu vermeiden.

Auch mit Langzeitdaten von gesunden Frauen wurde Vara versorgt, was Falsch-Negative ausschliessen soll. Die Software berücksichtigt zudem Kalkablagerungen in den lokalen Regionen der Brust, einem Indikator für Brustkrebs. Momentan filtert der Algorithmus 40 Prozent der unauffälligen Mammografien zuverlässig heraus. Allein das würde den Ärzten viel Arbeit ersparen. Interne Tests zeigten auch, dass Vara manche Karzinome findet, die Radiologen übersehen haben oder nicht sehen konnten.

Sprung nach Übersee in Vorbereitung

Piechottka ist überzeugt, dass Ärzte sich zunehmend auf Vara verlassen können und die von der Software vorausgefüllten Befunde immer seltener nachprüfen müssen. «Das wären dann erste Schritte in Richtung automatisierter Befundung.» Natürlich lasse sich das Risiko von Befundungsfehlern auch bei der KI-Software nie ganz ausschliessen. Aber auf absehbare Zeit unterstütze Vara auch nur einen der beiden Befunder im Screening, nicht beide. Es sei auch noch nicht erlaubt, den Menschen komplett aus der Befundung zu nehmen. Weitere Vorsichtsmassnahme: Bevor ein Radiologiezentrum Vara einsetzt, wird die Software speziell auf die Patientinnendaten des Zentrums getestet. «Wir analysieren die Resultate dann zusammen mit den Ärzten. Und wir stellen auf hohe Sensitivität. Das heisst, immer wenn sich der Algorithmus nicht absolut sicher ist, stuft er die Mammografie als auffällig ein.»

Mit der nun abgeschlossenen Finanzierung ist Jonas Muff seinem unternehmerischen Ziel näher gekommen: Ein medizinisches Produkt zu entwickeln, das vielen Menschen hilft. Seit der CE-Zulassung im Herbst steht dem Markteintritt von Vara in Europa regulatorisch nichts mehr im Weg. Die weitere Planung geht in zwei Richtungen. «Der operative Fokus liegt auf Europa. Wir wollen in mehr Radiologiezentren hineinkommen und Vertrauen zu unserer Software aufbauen.» Parallel dazu ist der Sprung nach Übersee in Vorbereitung. Man hat bereits geprüft, was die US-Gesundheitsbehörde FDA an Unterlagen benötigt, um die Software zuzulassen. Der Markt USA steht strategisch weit oben auf der Liste des Berliner Medizintechnik-Start-ups mit Schweizer Wurzeln.


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